Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Das rollende Rad der Geschichte
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 201 - 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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201 Das rollende Rad der Geschichte. 202 außerhalb der Mauern — in deutscher Sprache nennt man das Minenlegen...— Am Freitag, den 7. desselben Monats, befanden sich die Juden in der Nähe der Stadtmauer, um Schanzen aufzuschütten, da wurden sie von den Schweden beschossen... auch am Sonntag wurden sie von den Schweden beschossen." „Eine Schanze am „Weißen Berge" vor Prag wurde darum auch „Judenschanze" genannt." („Jeme ha-Mazor" abgedruckt in „Bikkure ha-ittim", Wien 1823.) Der andere bekundet: „Die Juden in Mantua gingen ebenfalls mit zu den Befestigungsarbeiten und bauten einen Wall an einer Ecke der Stadtmauer und fanden große Anerkennung beim Herzog, welcher häufig die Arbeiten mit angesehen hatte und den großen Eifer lobte. Sogar am Sabbat entzogen sich die Juden den Arbeiten an der Befestigung der Stadt nicht. Die eine Hälfte unserer Gemeinde griff mit ihren Händen kräftig zu, die andere aber setzte das Werk der Väter fort in Gesängen und Gebeten vor Gott in den Synagogen und Lehrhäusern. Die Herren Elieser Provengali, Luliane Schalom Cases, befanden sich ebenfalls draußen vor der Stadt, um dem Volke zu helfen und es anzufeuern... Aufseher wurden von den Gemeindeältesten ausgesandt, in allen Häusern der Juden Wein und Brot zu sammeln und es den Schanzengräbern hinauszubringen." (Ha-Galuth W'hapduth von Abraham b. Isaack Alluf Masseran. Venedig 1634, f. 9.) Man sieht, die Juden erfüllten ihre Pflicht ihrer Vaterstadt und ihrem Vaterlande gegenüber schon zu einer Zeit, als von „Assimilation" noch nicht die Rede war, und das Judentum, welches ganz in die religiöse und nationale Hülle gekleidet war, nicht den geringsten Unterschied zu machen wußte zwischen den Juden des einen und des anderen Landes. Obgleich weder die Juden von Prag noch die von Mantua damals irgendwelche kulturelle Zusammengehörigkeit mit ihren christlichen Mitbürgern empfanden, beteiligten sie sich doch an der Abwehr des Landesfeindes mit einem Patriotismus und einer Hingabe, die denen ihrer Nachfahren von heute keineswegs nachstanden. Aber trotz dieser patriotischen Hingabe der Juden, oft auch infolge derselben, hatten sie unter allen Schrecknissen des Krieges doppelt und dreifach zu leiden. „Der Krieg muß sich selbst ernähren." Diesen Grundsatz, welcher während des 30jährigen Krieges von Mannsfeld und Wallenstein verkündet wurde, verspürten die Juden am härtesten. Rabbi Jomtow Lippmann Heller, der in Prag während des ersten Kriegszuges in Böhmen wohnte, weiß schon Vielfaches über die drückenden Steuern und Abgaben, welche den Juden auferlegt wurden, zu berichten. In Worms lagen im Jahre 1636 zwei Regimenter kaiserlicher Truppen, und die Juden, denen der Magistrat unaufhörlich neue Abgaben auferlegte, wurden bis auf den letzten Heller und Pfennig ausgepreßt. Die böhmischen Juden mußten während der ganzen Kriegsdauer 40 000 Fl. jährlich entrichten; dann kam Wallenstein und legte ihnen das Doppelte auf. Das waren aber nur besondere Steuern, die sie zu zahlen hatten, außer der regulären Steuer, die sie der Regierung, der Stadt oder dem Landesherrn abgeben mußten. Doch noch mehr als ordnungsmäßig und auf legalem Wege wurde ihnen von den Truppen durch Plünderung oder Erpressung abgenommen, da die Juden am schutzlosesten unter allen Bürgern dastanden. Der einzige Beschützer der Juden, nämlich die kaiserliche Regierung, war fern vom Schauplatz der Vorgänge, von den auswärtigen Fragen in Anspruch genommen und überdies von den Truppen in einem gewissen Sinne abhängig und schon darum unfähig, sich ihnen entgegenzusetzen, zumal, wo es sich lediglich um Judenangelegenheiten handelte. Wenn es auch bisweilen vorkam, daß die Regierung sich hineinmischte und befahl, die Tore des Ghettos zu schließen, während die Truppen durch eine Stadt zogen, wie z. B. in Frankfurt a. M., oder die Steuerschraube nicht allzu stark anzulegen, wie in Mainz, so waren die Beträge, die die Juden hatten aufwenden müssen, um sich diese Erleichterung zu verschaffen, nicht geringer, als sie die Plünderung gekostet hätte. Aber all die Geldkosten sind nichts im Vergleich zu den anderen Schrecknissen, welche die Gemeinden über sich ergehen lassen mußten. Gleich im ersten Kriegsjahr fiel die jüdische Gemeinde in Nikolsburg zum Opfer. Das gleiche Los traf nachher andere Gemeinden. Der Siegeszug des schwedischen Generalissimus, Bernard Torstenson, mit seinen Truppen durch Schlesien und Mähren bereicherte die Kette der jüdischen Martyriologie um zahlreiche neue Glieder und bereicherte unsere Liturgie um neue Bußlieder über die Zerstörung von Kremsier, Brod, Holeschau, Tobitschau, Proßnitz, Leipnik und andere. Viele Namen jüdischer Gemeinden verschwanden für immer. Die einzelnen Tatsachen, welche in den Bußliedern erwähnt werden, beweisen, daß, wenn einmal die Kriegsfurie los ist, sofort der alte Haß gegen die Juden wieder erwacht und keine Grenzen kennt. Sofort gibt es wieder eine Anzahl von Märtyrern, die getötet oder gehängt