Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Das rollende Rad der Geschichte
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 199 - 200 (sequence 1)
- Language
- German
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199 Das rollende Rad der Geschichte. 200 DAS ROLLENDE RAD DER GESCHICHTE. (Ein Rückblick auf die Zustände des Dreißigjährigen Krieges.) Von S. Rubaschow. Der gegenwärtige Krieg und seine verhängnisvolle Wirkung, insbesondere für das jüdische Volk, erinnert lebhaft an die Vorgänge während des 30jährigen Krieges. Obwohl dieser als ein Religionskrieg galt, so war er doch keineswegs etwa gegen die Juden gerichtet, sondern spielte sich zwischen den beiden Konfessionen der christlichen Religion ab. Es kam häufig sogar vor, daß die kaiserliche Regierung die Juden in Schutz nahm, da diese ja als kaiserliche Kammerknechte gewissermaßen Privatbesitz des Monarchen waren. Gleichwohl litten die Juden auch damals zwiefach unter den Kriegsgreueln. Auch damals spielte sich der Krieg innerhalb jener Gegenden ab, wo die Juden am dichtesten wohnten, und die Gemeinden jener Städte, durch welche der eine oder der andere Gegner zog, wurden selbstverständlich um so schwerer heimgesucht. Wenn jetzt der Kriegsgott sich zu seinen Opfern vorwiegend die osteuropäischen Juden ausgewählt hat, während er die Juden Mittel- und Westeuropas im großen und ganzen verschont, so war es damals umgekehrt. Die Juden Polens und Litauens waren gewissermaßen Zuschauer, während das Kriegsschauspiel in den Gegenden Deutschlands^ Oesterreichs und Norditaliens vor sich ging. Von Prag, welches damals die erste jüdische Gemeinde in Europa war, ging der Krieg aus, verbreitete sich von da aus über alle Städte; Schlesiens, Böhmens und Mährens, die Freistädte in Deutschland, ferner über die Gegenden der Republik Venedig. Und gerade diese Städte waren damals der Sitz der angesehensten jüdischen Gemeinden. All die dreißig Jahre lang, da der Krieg in Europa wütete, forderte er in direkter und indirekter Weise Opfer des Schwertes und Opfer des Hungers von den jüdischen Gemeinden in allen Gegenden. Sowohl die protestantische Politik des Schwedenkönigs Gustav Adolph als auch der katholische Eifer des Kaisers Friedrich IL berührte die Juden als solche ganz und gar nicht. Gleichwohl nahmen sie am Krieg mit einem großen Kraftaufwand teil und brachten ihm Opfer an Gut und Blut. In der Literatur jener Zeit finden sich Dokumente, die uns von jüdischen Soldaten in beiden Lagern zu erzählen wissen. Einzelne von ihnen zeichneten sich durch große Tapferkeit und Hingabe aus und wurden durch Ehrenzeichen belohnt. Aron Lazarus aus Lichtenstadt rettete mit eigener Lebensgefahr eine ganze Gruppe Jesuiten in Prag, denen von Seiten des Winterkönigs Friedrich von der Pfalz Gefahr drohte. Derselbe Aron Lazarus diente als Kundschafter und brachte wichtige Nachrichten vom feindlichen Lager herüber, während sein Bruder die Mission hatte, wichtige Papiere vom Generalkommissar Grafen von Wintzelshofen zum Grafen von Pappenheim zu befördern. Auf dem Rückweg von seinem gefährlichen Ausflug bezahlte er seine Kühnheit mit dem Leben. Ein Jude wurde sogar zum Obersten ernannt. (Oberst Gremita 1634—1635.) Kaiser Friedrich IL bezeugt eigenhändig in seinen „Privilegien", gegeben zu Wien, am 12. Februar 1624, „die treuen, patriotischen Dienste, welche die Juden Jossei Pinkerle aus Görz, Moses und Jakob Marburger aus Gradiska und Parente aus Triest geleistet, und den großen Nutzen, den sie während des. Kampfes gegen Venedig gebracht haben". Von den bedeutenden Geldbeträgen, welche die Juden für die Kriegsführung freiwillig oder unfreiwillig beitrugen, sprechen alle Quellen. War aber eine Stadt, wo Juden wohnten, vom Feinde bedroht, so griffen sie gemeinsam mit den anderen Einwohnern zu den Waffen, um ihren Wohnort zu verteidigen. Zwei historische Quellen liegen vor mir, geschrieben von Zeitgenossen, diemit eigenen Augen solche Kämpfe angesehen und an ihnen teilgenommen haben. Eine der beiden Quellen wurde sogar von dem berühmten Wagenseil ins Lateinische übersetzt. Beide sind von schlichten Ghettojuden verfaßt, die ihrer angestammten Religion in unbedingter Treue anhingen, aber aus beiden Schriftstücken spricht eine gleiche aufrichtige Liebe und Ergebenheit für die Stadt und das Land, der sie angehören und von deren Kämpfen sie erzählen, obgleich der eine Sekretär des Oberrabbiners von Prag ist und von den Juden erzählt, welche Schulter an Schulter m i t dem kaiserlichen Heer gegen die Schweden gekämpft haben, der andere aber ein Sohn der Stadt Mantua ist. und die Kämpfe der Juden an der Seite der Venezianer gegen das kaiserliche Heer beschreibt. Der erstere erzählt: „Am Neumondstage des Monats Cheschwan (entspricht dem 17. Oktober 1648) sahen wir Prager Juden uns genötigt, Personen aus unserer Mitte auszuschicken, welche Schanzen aufwarfen :und Gräben anlegten und den ganzen Boden in der Nähe der Stadtmauer unterwühlten, denn die Schweden taten das gleiche