Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Der ewige Hass
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 195 - 196 (sequence 3)
- Language
- German
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195 Der ewige Hass. 196 Zuckungen des gemordeten Widersachers, die das Kennzeichen eines sehr primitiven oder sehr perversen Gefühlslebens sind. Ueber die stärkere oder schwächere Fähigkeit, zu hassen, soll man lieber nicht streiten, diese ist keineswegs nur die Waffe eines unterdrückten Volkes, sondern sie ist abhängig von der Intensität des Gefühls und der Kraft des Temperamentes. Auch steht sie in geradem Verhältnis zu der stärkeren oder schwächeren Fähigkeit, zu lieben. Es kommt einzig und allein darauf an, was der Haß aus uns macht: ob er uns in racheschnaubende, grausam blinde Tiere verwandelt oder uns zu strafenden Richtern erhöht, indem er sich nicht gegen die Bösen, sondern das Böse wendet. Ein jüdisches Volkssprichwort von ungewöhnlicher Feinheit und Tiefe kennzeichnet in bezug auf Haß und Rache den Unterschied zwischen dem Allzumenschlichen und dem Göttlichen, dem der Mensch, über sich selbst hinausstrebend, nachzueifern hat, folgendermaßen: „Gott straft, der Mensch rächt sich." Mittlerweile widerfuhr aber dem Publikum ein großes Unrecht. Insbesondere dem jüdischen. Man gewöhnte sich, Lissauer als den Dichter des Haßgesanges zu betrachten und lief Gefahr, darüber zu vergessen, daß er der Dichter auch ganz anderer Gesänge ist, die mit Haß gar nichts zu schaffen haben, sondern voll sind der tiefsten und stärksten Gottesliebe und Weltliebe. Einem Dichter, der sich trotzig vor der Welt verschließt, mag das ja gleichgültig sein, aber die Welt der Leser nimmt dadurch Schaden an ihrem geistigen Besitz, ein schöner und edler Genuß wird ihr verleidet. Wir Juden aber sind noch schlimmer daran. All die strengen und gerechten Tugendwächter, die von dem Haßgesang wie von einer fremden Gefühlswelle usw. angeweht worden sind, schelten ihn jetzt einen Juden. Allein, in dem; Schaffen eines Dichters werden Inhalt, Richtung, Gefühlsweise, Weltanschauung durch das Milieu bestimmt, in dem er aufgewachsen ist, durch die geistigen Einflüsse, denen er unterlag. Die innere Schöpferkraft, der Kern des Talentes, das Erbe, das er auf die Welt mitbringt, entstammt demj Vaterhause, dem „Blut", wie die Rassentheologen in ihrer Vorliebe für diesen besonderen Saft zu sagen pflegen. Das ist der Anteil der Rasse an dem Werk des Dichters. Das Organische, Unbewußte in ihm hat hier seine Quelle. Insofern ist ein Dichter denn auch Zeuge und Maßstab für den Wert der anthropologischen Gruppe, der er entstammt. Was bewußt ist an Ernst Lissauer, hat gar keine Berührung mit Jüdischem. Was er sagt, ist nicht jüdisch, aber der Farbenton seiner Stimme ist jüdischen Ursprunges. Seine Weltanschauung ist vom Jüdischen nur insoweit beeinflußt, als es die jedes im christlich-europäischen Kulturkreis erzogenen Menschen unvermeidlich sein muß, aber seine Weltstimmung ist jüdisch. Den großen Dingen dieser Welt, Natur und Geschichte, steht er demütig anbetend und freudig schauend gegenüber, und er sucht in ihnen nach dem heimlichen Walten der lebendigen Kraft. Glücklicher als Heine, greift er ins Leben nicht mit zerrissener Seele, sondern mit ungebrochener Wucht hinein, die etwas Primitives, kindhaft Naives, Unmittelbares hat. Die schrillen Dissonanzen, die Heines Lyrik bisweilen einen so schmerzlichen, fast krankhaften Reiz verleihen, fehlen ganz bei ihm; jseine,Gedichte sind (deswegen auch wenig „interessant"; sie machen den Eindruck eines ruhig daliegenden, tiefen Sees, dessen Abgründe das Himmelszelt, Mond und Sterne,, und das Antlitz Gottes widerspiegeln. Es wäre ein großer Verlust, wenn wir uns. den Genuß dieser Poesie verleiden wollten — wegen des Haßgesanges < In Deutschland ist man der Meinung, daß. Lissauer es war, der damit angefangen hat, und Chamberlain, der oberste Tugendwächter, der Praeceptor Germaniae, versichert, daß einen solchen Gesang nur der Sohn eines Volkes verüben konnte, dem der Haß zur zweiten Natur geworden ist. Nun höre man: „Down with the Germans, down with them all! O Army and Navy! be sure of their fall! Spare not one of them, those deceitfull spies! Cut their tongues, pull out their eyes! Down with them all." (Nieder mit den Deutschen! Nieder mit ihnen allen! O Armee und Flotte! bringt sie zum Fallt Nicht einen verschont von ihnen, diesen ränkevollen Spionen! Schneidet ihnen die Zungen aus,, stecht ihnen die Augen aus! Nieder mit ihnen allen!) Dieses Pröbchen barmherziger — und ritterlicher! — Feindesliebe stand zu lesen im „Daily Graphic", einem der vornehmsten Blätter Londons, das von den ehrwürdigen, weißhaarigen. Matronen in Englands Schlössern, von den höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträgern« gelesen wird und unter der konservativen Presse bis Kriegsausbruch ausgesprochen deutschfreundlich war. Das war aber nicht etwa eine Antwort auf Lissauers Gedicht, sondern es erschien schon am 20. August 1914, also kaum zwei Wochen nach der englischen Kriegserklärung. Die „Morning Post" veröffentlichte am 8. Juni 1915 den Bericht über eine Versammlung des Volksbildungsvereines zu Windsor, der ein Mitglied des Hochadels, Lord Headley, präsidierte. In seiner Ansprache sagte der Vorsitzende, nach frommer englischer Sitte mit Gott beginnend! und schließend: „Es ist unsere Pflicht Gott gegenüber, alle Teufel zu hassen. Die vom Teufel Besessenen nicht minder als die Teufel selber. Wir dürfen mit dem Fürsten des Bösen kein Kompromiß schließen. Im tötlichen Kampf mit Mördern, entsprungenen Verbrechern und Giftmischern sind Gewissensbisse so wenig am Platz,, wie gegenüber einer Kobraschlange, die man unter dem Kopfkissen zusammengerollt findet. Dieser Krieg hat uns das eine unwiderleglich bewiesen: Kultur ohne Gott bedeutet einen völligen Zusammenbruch!" Wieviel Verdruß und Herzweh hat uns Juden nicht der Schlußvers des 137. Psalms verursacht, der sich an das blutrünstige Babel wendet: „Wer dir doch heimzahlen könnte, was du u n s angetan: wer doch deine Säuglinge packen und gegen den Felsen zerschmettern könnte!" Das wäre gewiß ein unmenschlicher Wunsch — wenn es. ein Wünsch wäre. Aber es ist keiner. Das Wort „aschrej" ist hier in dem Sinne von „mi-jitthen" angewendet. Wer dir das antun könnte, was du uns getan hast! Ja, wer es könnte! Der Sänger