Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 197 - 198

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Der ewige Hass
Date
1916-04-01
Page
Seite 197 - 198 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584064-2597253--16170-2597299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

197 Der ewige Hass. 19S dieses wehmütigen, sehnsüchtigen Liedes, welches in diesen vermeintlichen grausamen Racheschrei ausklingt, er konnte das nicht. Es ist gewiß kein Unrecht, wenn wir annehmen, daß er es nicht nur wegen Mangels an Kraft im Vergleich mit derrr übermächtigen Sieger nicht konnte; zu solchen Racheakten gegen kleine Kinder hat auch der Schwächste noch Kraft genug. Aber er fühlte sich unfähig, solches zu begehen, obgleich Babel das an seines Volkes, vielleicht an des Sängers eigenen Kindern getan hatte, obgleich es im Blute seiner Brüder gebadet, seine Heimat verwüstet, sein Land zertreten, seinen Tempel verbrannt, seine heilige Stadt zerstört, seine Priester ermordet, seinem König die Augen ausgestochen, sein Volk in die Sklaverei geschleppt hatte, obgleich er so klein und schwach war im Vergleich! mit dem übermächtigen Sieger, daß Ihm nur der Racheschrei als einzige Kühlung seines hoffnungslosen Grames blieb. Wir aber, seine späten Nachkommen, haben diesen gellen Racheschrei, der vor dritthalb Jahrtausenden einem gequälten Menschenherzen sich entrungen, oft und oft mit bitterem Schmerz und staunendem Bedauern empfunden, unfähig, uns. in die Umstände zu versetzen, die ihn erpreßt. Der Professor Cornill faßte in Worte, was tausende Juden vor ihm gedacht, indem er sagte, er würde sich eine Hand abhauen lassen, wenn er damit erwirken könnte, daß dieser Vers in den Psalmen nicht stünde. Wenn man eine Literatur von mehr als dreitausend sturmbewegten Jahren hinter sich hat, ist es unvermeidlich, daß sich darin das eine oder das andere Blatt findet, von dem man wünschen möchte, daß es lieber nicht geschrieben worden wäre. Aber das Kennzeichnende ist, wie man sich zu solch einem Blatt stellt. Unsere jüdischen Kommentatoren, namentlich die Mystiker und Moralisten unter ihnen, faßten in ihrer Einfalt Babel gar nicht als menschliche Gemeinschaft, sondern als Symbol alles Bösen auf, und die Kinder, das waren die Laster, die man gegen den Felsen der Bußfertigkeit zerschmettern müsse, damit „die Sünden von der Erde verschwinden und es keine Frevler mehr gebe." * * 5f= Seltsamerweise hat Paphnutius diesen Psalm übersehen, dagegen einen anderen herangezogen, der beweisen soll, dajß „der jüdische Gott ja nicht der himmlische Vater des Christentums ist, sondern ein strenger und unerbittlicher Herr, vor dem man im Bewußtsein seiner eigenen Erbärmlichkeit in Staube kriecht." Der Psalm, der das beweisen soll, ist der 130. „De profundis", eine der herrlichsten, zartesten und tiefsten Manifestationen monotheistischer Frömmigkeit. „Aus den Tiefen rufe ich zu dir, o Gott, erhöre meine Stimme!" Diese Tiefen denkt sich Paphnutius etwa als eine Kohlengrube oder ein Gefängnis, in dem der erbärmliche Sklave schmachtet. Aber vom Talmud bis auf die Gegenwart dachten alle Juden bei diesem Vers an die Tiefen des Herzens und der Seele: „Meine Seele sehnt sich nach dir, mehr als die Wächter nach dem Morgen! Hoffe, Israel, zu Gott, denn bei ihm ist die Gnade, und bei ihm ist die Macht, zu erlösen; er wird Israel erlösen von allen seinen Sünden!" Gewiß, kann man nicht erbärmlicher im Staube kriechen vor einem unerbittlichen Herrn. Aber das ganze Bewußtsein der eigenen Erbärmlichkeit tritt uns im achten Psalm entgegen, diesem palästinensischen Nocturne, gesungen in einer zaubervollen, orientalischen Nacht: „Blick ich zu deinem Himmel empor, den deine Finger gebildet, zu Mond und Sternen, die du aufgehängt, sag ich: Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, der Erdensohn, daß du mit ihm rechnest! Und doch hast du ihn nicht viel geringer gemacht, als das Göttliche, mit Ehre und Macht hast du ihn gekrönt. Lassest ihn herrschen über die Werke deiner Hände, das All hast du ihm zu Füßen gelegt... Oh, Ewiger unser Herr, wie herrlich ist dein Name über die ganze Erde." Doch es hätte keinen Zweck, gegen Paphnutius im einzelnen zu polemisieren; es galt bloß, nachzuweisen, mit welcher Leichtherzigkeit und Oberflächlichkeit Urteile über jüdische Dinge gefällt werden, noch dazu Urteile nicht bloß akademischen Charakters, sondern um eine feindliche Gesinnung und drückende Maßregeln zu begründen. Nach Paphnutius kann eine Regierung der Menschlichkeit und Gerechtigkeit zuwiderhandeln und dabei Verstand und Weitblick betätigen, das sei bei der Pogrompolitik Rußlands der Fall. Mandeville hat Schule gemacht. Aber Paphnutius hat zur Verteidigung dieser Ansicht die Diokletianischen Christenverfolgungen angeführt, die ein Historiker als „den folgerichtigen Ueberlegungen eines genialen Staatsmannes entsprungen" gepriesen haben soll. Wer nicht mit den Augen eines Gelehrten oder eines Staatsmannes, sondern eines natürlich empfindenden Menschen die Weltgeschichte betrachtet, muß die Diokletianischen ebenso wie die Neronischen und Aurelianischen Christenverfolgungen als eines der größten und unsinnigsten Verbrechen der Weltgeschichte ansehen. Sie haben Hunderttausende der besten Menschen jener Zeit vertilgt und so dem Volksleben die kostbarsten Säfte entzogen, aber den Zerfall des. morschen, dem Untergang geweihten römischen Staates haben sie nicht verhindert; und was einer auch, zumal vom jüdischen Standpunkte, gegen den seitherigen Gang der Weltgeschichte einzuwenden haben mag, auch der gelehrteste Historiker wird zugeben müssen, daß nicht das Heidentum, sondern das Christentum den Beruf hatte, die europäische Menschheit zu erziehen. Eins aber läßt sich nicht leugnen: die Verfolgungssucht der Kirche, seit sie zur Macht gelangt, war nur die Fortsetzung dessen, was sie selber unter den römischen Kaisern hatte erleiden müssen. Vor diesem Punkte — das hoffen wir — wird die Analogie zwischen den Christenverfolgungen im alten Rom und den Judenverfolgungen im neueren Rußland ein Ende haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.