Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Der ewige Hass
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 193 - 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584064-2597253--16168-2597297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
193 Der ewige Hass 194 von selber fertig werden, ich tu' inzwischen einen Sprung in den Garten." Unser Gott liebt es nicht, daß man ihn anplärre und viele Worte mit ihm mache. Zu Mose, der angesichts des wogenden Meeres zu ihm rief, sprach er: „Was schreist du zu mir? Befehlige dein Volk und laß es marschieren!" Es liegt im Bereiche des Menschen, einen Feind, der ihn bedrückt oder bedroht, unschädlich zu machen oder zu versöhnen; Pflicht der menschlichen Gemeinschaft ist es, Gerechtigkeit auf Erden walten zu lassen, die alle wirklichen Gründe gegenseitigen Hasses unter den Menschen beseitigt. Den Haß wegen einst erlittener Unbill kann der Mensch in sich austilgen, indem er das Vergängliche alles Geschehens sich vergegenwärtigt, bedenkt, daß sein Gegner vielleicht von anderer Seite ebenso schweren Schmerz oder Unrecht erlitten haben kann; es gibt hierfür tausend Mittel der Versöhnung und Verzeihung. Nur gegen den Haß, der aus den Tiefen des Unterbewußtseins aufsteigt, in den dunklen und rätselhaften Vorgängen wächst, die sich in den Abgründen der menschlichen Natur abspielen, ist der Mensch ratlos. Diese Macht ist stärker als er, und darum beten wir zu Gott, daß er uns vor ihr bewahre. Von der überweltlichen Wirkung des Gebetes zu reden, ist Sache des Glaubens. Aber das Gebet hat auch eine rein menschliche Wirkung, nämlich die Rückwirkung auf den Betenden. Für das jüdische Gebet ist es bezeichnend, daß darin die Bitte (thechinnah) bedeutend zurücktritt hinter das Bekenntnisgebet (thephillah). Mit diesem steigt der Mensch hinab in die Tiefen seines Gewissens und hält Abrechnung mit sich selbst. Das Unbewußte macht er dadurch bewußt und befreit sich davon. Es ist interessant, daß) in neuerer Zeit in der Nervenheilkunde eine ähnliche Methode empfohlen wird. Krankhafte Zustände, Folgen entlegener, längst ins Unter-» bewußtsein hinabgesunkener psychischer Vorgänge werden beseitigt, indem man diese letzteren durch Rückerinnerung aus der Vergessenheit heraufholt und in das Licht des klaren Bewußtseins (stellt. Das ist die sogenannte Psychoanalyse. Verwandt damit ist die autosuggestive Wirkung des Gebetes gegen den grundlosen Haß : es befreit uns von ihm, es macht ihn dahinschmelzen, es löst ihn auf in Nichts. Das wäre* dann das richtige Beten für unsere Feinde, diei richtige Methode der Erziehung zur Feindesliebe. Allein, das wichtigste Erziehungsmittel, welches das Judentum handhabt, ist die Mizwah, das Gebot der Tat. In der Bibel kommt das Gebot der Feindesliebe nirgends vor, auch im1 Talmud nicht. Nur kommt etwas viel Wesenhafteres vor, das Gebot, dem Feind Gutes zu tun. Nach ihrer Art, immer den äußersten Fall zu wählen, um an ihm den Sinn ihres Befehls unzweideutig zu illustrieren, gebietet die Thora in ihrem lapidaren Stil, dem Lasttiere des Feindes in der Not beizustehen. Daraus folgt, wie man sich erst dem Feinde selber gegenüber zu betragen habe. Habe ich aber meinem Feinde Gutes getan, so habe ich vielleicht seinen Haß zu mir noch lange nicht überwunden, doch' das ist minder wichtig; wichtiger ist, daß ich meinen Haß wider ihn überwunden habe. Es liegt eine tiefe Erkenntnis von der Natur des Menschein darin, daß die Gesinnung, die Seelenstimmung, das Fühlen des Menschen durch seine Tat gelenkt werden soll, nicht nur umgekehrt. Der Tat läßt sich gebieten, der Mensch [hat feie jn seiner Gewalt, aber er ist nicht Herr über seine Gedanken und Gefühle. Zu allermeist erwächst in uns eine große Liebe zu Menschen, denen wir Gutes erwiesen, die wir mit kräftiger Hand erfaßt und aus der Not gezogen haben, an denen sich also unsere edelste Kraft betätigt hat. So liebt die Mutter am stärksten das Kind, dessen Großziehung ihr die meisten Mühen gemacht, sie die größtenä Opfer gekostet, ihrer Hingebung und Tatkraft am meisten bedurft hat. In dieser Liebe liegt etwas von Dankbarkeit dafür, daß der Empfangende uns Gelegenheit bot, die Wonnen des Schaffens und Wirkens zu erleben, und sie ist verwandt mit der Liebe des schöpferischen Künstlers, Erfinders oder Forschers zu seinem Werk. Durch die Tat erzieht die Thora ihre Bekenner zur Gesinnung. Der Talmud, der in vielen Punkten der beste Kommentator und feinste Versteher der Bibel ist, und in Sachen des „Gesetzes" keinen Spaß versteht, fügt diesem biblischem Imperativ die „Ausführungsverordnung" hinzu : wenn dein Freund und dein Feind gleichzeitig deiner Hilfe bedürfen, so mußt du dem Feind zuerst helfen, damit du den bösen Trieb (jezer hara) bändigst. Hier ist die Tat geradeweg als Ueberwinderin des Hasses empfohlen. Letzten Endes aber ist Gebet Tat und Tat ist Gebet; beides soll lauteren Herzens und andächtigen Sinnes geschehen, ohne jeden Nebengedanken, nur um seiner selbst willen allein. Für diese beiden Begriffe hat der Talmud zwei unvergleichliche und unübersetzbare Bezeichnungen geprägt: „kawwanah" und „lischmoh". Nach dem Gesagten kann man es Herrn Paphnutius ruhig überlassen, subtile Betrachtungen über die „zwei verschiedenen Arten des Hasses und unsere Ethik" anzustellen. Paphnutius empfindet das Fremdartige des jüdischen Hasses noch schärfer, wenn er an Lissauer denkt. „Manchem, der Lissauers Haßgesang in seiner Unerbittlichkeit auf sich wirken ließ, ist es vielleicht ergangen, wie dem Schreiber (nämlich Paphnutius), daß ihm eine Gefühlswelle entgegenschlug, die ihm aus einer fremden Welt zu stammen schien, so fremd, daß er aus seinem eigenen Gefühl nicht einmal eine ablehnende Antwort fand." Es wäre interessant, zu wissen, was Paphnutius empfand, als er das Gedicht von Vierordt „Deutschland, hasse!" oder das Gedicht von Alfons Petzold „Oh, daß ich könnte jetzt in jeder Kugel sein" las. Fühlte Paphnutius auch hier eine Gefühlswelle ihm entgegenschlagen, die aus einer fremden Welt zu stammen schien? Es klafft nämlich in der Tat ein tiefer Abgrund zwischen diesen beiden Gedichten und dem Haßgesang. Letzterer ist der Ausdruck eines tief verletzten Gemütes, das sich in seinem Vertrauen und seiner Liebe getäuscht sieht und sich nun stolz und schroff auf sich selbst zurückzieht in unerbittlich abweisendem Groll. Aber es ist darin keine Spur von Grausamkeit, kein Schwelgen in der Vorstellung von dampfendem Menschenfleisch und Haufen verwesender Feindesknochen, nichts von jener Lust am Verursachen von Schmerz, von jenen Wonneschauern beim Anblick der Todes-