Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 183 - 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Das Urbild des Shylock
Date
1916-04-01
Page
Seite 183 - 184 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584064-2597250--16157-2597292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

183 Das Urbild des Shylock. 184 zum Gläubiger spricht: Nimm dir nur das Fleisch, wo du willst, aber paß auf, daß kein Tropfen Blutes dabei verspritzt wird, sonst bist du des Todes, denn sein Blut gehört mir. Bei allen Abweichungen voneinander haben alle diese Fassungen das gemeinsam, daß die Konfession der beiden Gegner nicht betont, oder daß sie stillschweigend als Heiden aufgefaßt werden, da die Geschichte in das graue Altertum versetzt wird. Sie alle stammen nämlich aus dem 13. oder spätestens Anfang des 14. Jahrhunderts. Erst in der Erzählung des Pecorone, die, wie erwähnt, 1378 verfaßt wurde, ist der blutgierige Gläubiger zum Juden gestempelt worden. Der Verfasser suchte nach einer zureichenden Motivierung der Grausamkeit und fand keine bessere, als daß der Schuldner sich rühmen will, den größten Kaufmann der Christenheit ins Jenseits befördert zu haben. Grätz bemerkt, daß Giovanni Fiorentino seine Novellen 30 Jahre nach dem Wüten des „Schwarzen Todes" niedergeschrieben hat. Diese Pest forderte in ganz Europa unzählige Opfer, die Juden blieben von ihr in einem auffallenden Maße verschont. Das hatte seinen Grund in den Reinlichkeitsverhältnissen. Die Juden waren damals in Europa die einzige Bevölkerungsgruppe, die sich wenigstens einmal des Tages Gesicht und Hände wusch, meist auch mindestens einmal in der Woche (vor Sabbateingang) badete, die Speisegesetze bedingten eine strenge Reinhaltung des Kochgeschirrs und eine sorgfältige Behandlung des Fleisches. Wie es dagegen bei der christlichen Bevölkerung dazumal bestellt war, belehrt uns Michelet, welcher sagt, bei der Lektüre der mittelalterlichen Heldengedichte (wie Tristan und Isolde) müssen wir uns stets vor Augen halten, daß alle dort geschilderten erhabenen Persönlichkeiten sich selten wuschen und kämmten, sich den Mund nicht ausspülten und daher einen übelriechenden Atem hatten und schlechte Dünste ausströmten. Es kommt dazu die große Unmäßigkeit und Unregelmäßigkeit im Essen und Trinken, der das Mittelalter ergeben war und vor der die Juden ebenfalls durch die strengen Vorschriften ihrer Religion behütet wurden. Die Widerstandsfähigkeit der Juden gegen allerhand Seuchen war also viel größer als die der Christen. Das mußten sie schwer büßen. Namentlich während des Schwarzen Todes wurden sie beschuldigt, die Brunnen (aus denen sie ja selber ebenfalls tranken) vergiftet zu haben, um so die Seuche über die» Christen zu bringen, indem sie sich selber durch Zauber und Hexerei vor dem fürchterlichen Massensterben zu schützen wußten. Grausige Blutbäder wurden unter ihnen angerichtet. Seit damals vollendete sich und setzte sich in der Phantasie der europäischen Völker das Bild des Juden als des Scheusals fest, dem alle teuflische Bosheit zuzutrauen sei, der als Todfeind der Christenheit unter ihr lebe und für alles Uebel in der Welt die Verantwortung trage. Für einen Schriftsteller aus dem dritten Viertel des 14. Jahrhunderts lag es also nahe, die natürliche Erklärung des Verhaltens des ruchlosen Gläubigers darin zu suchen, daß er ein Jude war. Deslongchamps sagt: ,,La pensee de faire jouer un paräil role ä un jüif est le resultat des idees que Ton avait aux moyens äges sur ce peuple maudit des chretiens et persecute par eux." Durch die Einführung des Juden wurde die Sache aktuell und pikant, kam der herrschenden Zeitströmung entgegen und machte überdies jede weitere Komplizierung der Motive überflüssig. Giovanni Fiorentino hat indessen damit nichts anderes verübt, als was seither mittelmäßige Literaten öfters getan haben, nämlich wenn sie einen Schurken brauchen, einen Juden dafür zu nehmen, auch wenn dies logisch unbegründet und psychologisch sogar verkehrt sein mag. In den Zeiten gesteigerter Antipathie gegen die Juden — die ihren Grund in sozialen und wirtschaftlichen Vorgängen hat und sich mit der geschilderten Situation direkt gar nicht berührt — wird das sogar1 zu allgemeiner literarischer Mode. Indessen ist das, was den Juden hierbei widerfährt, nur der Spezialfall einer allgemeinen Erscheinung. In allen Literaturen pflegen die durchschnittlichen Romanschriftsteller und Novellisten für die niederträchtigen Rollen Angehörige fremder Völker zu wählen, nicht nur wo sie eine bestimmte, für ihr eigenes Volk schädliche Eigenschaft des fremden brandmarken wollen, wie Lessing in Minna von Barnhelm, sondern auch wo es sich um allgemeine Gebrechen und Fehler handelt, für die es an Modellen im eigenen Kreise nicht fehlt. Leider haben auch große Talente sich dies Vorgehen zuschulden kommen lassen. Dostojewski und Tolstoi haben so den Deutschen gegenüber gehandelt (in den deutschen Uebersetzungen ihrer Romane sind die betreffenden Stellen wohlweislich weggelassen oder stark gemildert). Wenn eine feindliche politische Strömung gegen eine Nation herrscht, gilt es sogar als „patriotisch", diese in ihrer Gesamtheit und in ihren einzelnen Angehörigen zu verunglimpfen. Ist die betreffende Nation politisch schwach und ihre Gegnerschaft nicht zu fürchten, so gesellt sich dazu auch noch der Spott und die Geringschätzung: der Gegner wird nicht nur als Schurke und Bösewicht, sondern auch als lächerliche Figur geschildert, wobei man sich um völkerpsychologische und historische Wahrheit wenig kümmert. Nach diesem Krieg wird man auf Jahre hinaus in allen Literaturen wahre Orgien des Völkerhasses erwarten können. — Daraus ist zu ersehen, daß die Literatur in den by% Jahrhunderten seit dem Florentiner Novellisten nicht klüger geworden ist und jetzt ebensowenig wie damals als gerechter Maßstab für die Wertung der einzelnen Völkergruppen dienen kann. Grätz bemerkt, daß der Pecorone den kannibalischen Juden aus Mestre kommen läßt, weil der Verfasser die Juden von Venedig nicht beleidigen wollte. Es ist aber wahrscheinlich, daß der Florentiner die ganze Handlung weit weg nach Venedig — das bei den damaligen Verkehrsverhältnissen viel entfernter von Florenz war, als heutzutage — verlegte und das ganz kleine, unbekannte Mestre als Heimatstadt des Juden nannte, um dem Vorgang das Märchenhafte, Illusorische nicht durch greifbare Nähe des Schauplatzes zu nehmen. Von London aus gesehen, mußte die Schilderung noch fernerliegend erscheinen. Aber die Geschichte hat, wie zum Possen, für ein hübsches Seitensrück zur Erzählung des Pecorone gesorgt, in welcher die Rolle des Shylock von einem — Christen gespielt wird. Nicht ein Märchenerzähler oder ein Novellist, sondern ein richtiger Historiker und Chronist erzählt sie, er nennt nicht fabelhafte Namen und verlegt Ort und Zeit derr Handlung nicht ins Unbestimmte, sondern gibt die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.