Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 181 - 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Das Urbild des Shylock
Date
1916-04-01
Page
Seite 181 - 182 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584064-2597250--16156-2597291
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

181 Das Urbild des Shylock. 182 verwickelten Rechtshandel entwirrt und der Unschuld zu ihrem Rechte verhilft, oder aber sie verhöhnen einen Richter, der fiach dem Buchstaben des geschriebenen oder veralteten Gesetzes Recht spricht, ohne den gesunden Verstand und die Billigkeit Izti Rate zu ziehen. Im Talmud findet sich eine ganze Anzahl solcher fingierten Rechtsfälle, in denen die Entscheidung des Richters auf Grausamkeit oder Unsinn hinausläuft. Sie werden, bezeichnend genug, den Richtern von Sodom und Gomorra zugeschrieben. Alle diese aMiärchen sind weniger naiv und ursprünglich, als die eigentlichen Volksmärchen, weisen eine gewisse Reflexion und sogar Gelehrsamkeit auf; sie sind auch offenbar in den höheren Schichten entstanden und fanden von hier aus erst den Weg unter die breiten Volksmassen. Das andere Märchen-Element in -der Erzählung des Pecorone, die Porzia-Geschichte, gehört einem Kreise an, der die kluge Frau verherrlicht, die den Mann durch einen schlauen Trick aus einer mißlichen oder gefährlichen Lage befreit, manchmal, indem sie sich den Gefahren aussetzt, der Untreue geziehen zu werden, manchmal auch, indem sie die Treue des Mannes auf die Probe stellt. Auch dieses Märchen ist über die ganze Welt verbreitet. In hebräischen Quellen des {Mittelalters findet sich eine jüdische Version davon, und neuerdings sind aus dem Volksmunde einige schöne Varianten gesammelt worden. Als die Shylock-Legende von Giovanni Fiorentino bearbeitet wurde, hatte sie bereits eine lange Entwicklungsgeschichte durchgemacht. Ein französischer Troubadour namens Herbers verfaßte um die Mitte des 13. Jahrhunderts einen Roman in Versen unter dem Titel „Dolopathos, oder die Sieben Meister von Rom". Dem vierten der Meister wird diese Geschichte in den Mund gelegt mit der Bemerkung, sie sei sehr alt und ein Mönch habe sie einmal aus einer anderen (der griechischen?) Sprache ins Lateinische übersetzt. Ein Ritter, der die Hand einer zauberkundigen, reichen Erbin gewinnen will, leiht sich 100 Mark Goldes unter der bekannten Bedingung von einem seiner Untertanen, dem er einmal ein Bein hatte abhauen lassen; aus Rache für die Verstümmelung beharrt der Gläubiger auf seinem Schein und wird von der als Richter verkleideten Frau abgeführt durch die Mahnung, keine Unze mehr oder weniger als ein Pfund abzuschneiden. Den legendären König Dolopathos versetzt die Erzählung in die Zeit des mächtigen Kaisers Augustus, der Gläubiger ist also jedenfalls ein Heide. Die unter dem Namen Gesta Romanorum bekannte „älteste Märchen- und Legendensammlung des christlichen Mittelalters", die früh in die Hauptsprachen Europas übersetzt wurde, enthält einige untereinander abweichende Fassungen der Erzählung. In einer im England des 14. Jahrhunderts niedergeschriebenen lateinischen Version spielt die Handlung in Dänemark, der Pakt wird zwischen zwei Brüdern, einem hartherzigen reichen, und einem edelmütigen armen, abgeschlossen, was die Sache noch grausamer und unnatürlicher erscheinen läßt, zumal der Blutdurst des reichen Bruders durch nichts motiviert wird. Die Lösung erfolgt durch die Dazwischenkunft des Königssohns, der den Schuldner sich als Vasallen verschreiben läßt und Wh%:rC^' " U^y-J7^ \:^ , .-- -fcs;.. :-r^i ' ■. ■Ä^#?p^ ^Äfel^^ %/-/- ~< Vv^- - ->m>mS'-i ->■;•: - ' ', » , " * i " "'S "T 1 ' ' ' V" "V ' yi > .;. "l ' - 1 . v ■ :\. ::.S/'V' ' 'fHff 3h '■ ■ V - * :^:-'..^V';'- ' ' ' * " ' * JJ , m .*V^ft' .*.\cm m-^' . &:?0%f W-*$i!ß»ju.& r.-mpi Fritz Lederer, Franciskow«Leonin

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.