Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Das Urbild des Shylock
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 2)
- Language
- German
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179 Das Urbild des Shylock. 180 Aber die Frau des Giannetto hatte ihr schönes Gesicht mittels Kräuter verändert, sich als Richter verkleidet und war ihrem Gatten heimlich nach Venedig gefolgt. Der Wirt des Gasthofes, in dem sie abgestiegen, fragte den Diener, wer der Edelmann fsei: „Ein Richter, er kommt aus Bologna, wo er studiert hat, jetzt kehrt er nach Hause zurück.*' Als dieser bei Tische fragt, wie es in der Republik Venedig zugehe, antwortet der Wirt: „Hier wird viel "zu viel Recht gesprochen4\ Darauf erzählt er ihm Von dem obschwebenden RechtshandeL „Dieser Streit ist leicht zu schlichten", bemerkt der Richter. Er läßit nun öffentlich bekanntmachen, daß alle, die Streitigkeiten zu schlichten haben, zu ihm kommen mögen. Darauf sagt der Jude zu Giannetto: „Wir können ja hingehen, aber es mag kommen wer da will mit seinem Recht, ich bestehe auf meinem Schein'*. Der Richter wendet alle Kunst der Beredsamkeit an, 'um den Juden izur Annahme der 100 000 Dukaten zu(bewegen. Doch dieser beharrt auf seinem Schein: „Ich begehre nichts als mein Recht!" ruft er immerfort. Er läßt den Messer Ansaldo nackt ausziehen, und schwingt schon sein scharfes .M|es;ser, dais er sich eigens zu diesem Zweck hatte anfertigen lassen. Schon macht er sich an sein Opfer heran, da spricht der Richter: „Gib acht, was du tust, wenn du mehr oder weniger als ein Pfund nimmst, laß ich dir den Kopf abschlagen. Weiter sage ich dir, wenn ein Tropfen Blut dabei fließt, bist du des Todes, denn in deinem Schein steht nichts" von Blutvergießen." Er ließ den Scharfrichter kommen, Block und Richtbeil herbeischaffen und sagte: -„Sobald ich einen Tropfen Blut fließen sehe, lasse ich dir den Kopf abhacken.*' Der Jude fing an, Angst zu bekommen, Und Giannetto, sich zu freuen. Endlich rückte der Jude mit der Bitte heraus : „Herr Richter;, Ihr seid klüger als ich. Laßt mir die 100 000 Dukaten geben, (dann will ich zufrieden jsein." Aber der Richter bleibt unbeugsam: „Ich erlaube jdir<, dein Pfund Fleisch zu nehmen, wie es im Scheine steht, aber ich gebe dir keinen Heller Geld". Nun verlegt sich der Jude aufs Feilschen; am Ende wünscht er bloß seine 10 000 Dukaten zurück. Aber auch diese verweigert ihm der Richter. „Ich will dir nichts geben. Wenn du das Fleisch haben willst, nimm es nur, sonst lasse ich deinen Schein protestieren und vernichten.*4 Der Jude sah, daß er nichts ausrichten konnte, „verfluchte Luft und Erde*', und zerriß seinen Schein. Darüber waren alle Anwesenden hocherfreut und verhöhnten den Juden. „Der wollte unser spotten, nun hat er selber den Spott.'* -Nun folgt die Geschichte mit dem Ring. Daheim zurückgekehrt, wird Giannetto von der Frau ob des dem Richter geschenkten Ringes mit gespielter Eifersucht geneckt, bis die Frau, von seinen Tränen gerührt, die Sache aufklärt. Alles löst sich in Wohlgefallen auf. Der alte Ansaldo heiratet die Kammerfrau, Giannetto und seine Gemahlin führen ein Leben in Lust und Freude bis an ihr seliges Ende. Diese Begebenheiten hat Shakespeare fast ganz übernommen und sein Lustspiel daraus aufgebaut. Sie .tragen so sehr (den Charakter des jMärchenhaften, die Erzählung im Pecorone ist so ausgesprochen im Märchenstil gehalten, daß nur das durch Shakespeares Zaubergewalt den handelnden Manschen eingehauchte Leben es erklärlich macht, daß sogar bedeutende Gelehrte an die Wirklichkeit der geschilderten Vorgänge glaubten, und nach der historischen Tatsache suchten, die ihnen zugrunde läge. Wo 'und wann hat es jeinen Juden gegeben, der einem Christen ein Stück Fleisch laus dem lebendigen Leibe schneiden wollte, weil dieser ihm eine entliehene Summe Geldes nicht genau zum vorgeschriebenen Termin zurückzahlen konnte? Natürlich hat es einen solchen nie gegeben. Zumal ein Vertrag, noch dazu ein schriftlich aufgenommener, dieses Inhalts ja ganz undenkbar ist. Nur im Zeitalter der Höhlenbewohner konnte ein derartiges Abkommen vereinbart werden, aber schon das Gesetzbuch des Hammurabi macht es unzweifelhaft, daß solches auch in der vorhergehenden Periode unmöglich gewesen wäre, da kein Richter und kein Gesetz je einer Abmachung dieses Inhaltes bindende Kraft zuerkannt hätten. Ganz unsinnig ist aber, anzunehmen, daß ein Jude je einen solchen Pakt hätte fordern können. Ist es ja dem Juden ausdrücklich streng verboten, auch einem lebenden Tiere einen Schnitt oder Stich zu versetzen (es sei |denn, daß es rituell geschlachtet (werden soll). Und eine [der sieben Vorschriften, die ein Heide auf sich nehmen mußte, wenn er in |der Gemeinde Israel die iRechte eines Beisassen (ger thöschab) erwerben wollte, war, der heidnischen Unsitte zu entsagen, von noch zappelnden Tieren Stücke Fleisches abzuschneiden. Jede Art von Grausamkeit auch gegen Tiere ist in der Bibel und im Talmud so streng verpönt, daß der Abscheu Vor der Tierquälerei schon früh das Volksempfinden durchdrungen hat. Darauf baut sich im Grunde der ganze 'komplizierte Ritus beim Tierschlachten auf. Vollends einem Menschen gegenüber, und wäre er tausendmal Heide und der schlimmste Feind dazu, eine derartige Grausamkeit zu üben, könnte einem Juden, auch wenn er an einer krankhaften Geistesverwirrung litte, nie einfallen. (Der biblisch-rabibinische Strafprozeß ist der einzige unter (den antiken, ider die Folter beim Ermittelungsverfahren nicht kannte, die Folter, die im erlauchtesten Europa noch am Ende des 18. Jahrhunderts heimisch war.) Messer Ansaldo oder Antonio hätte übrigens' nur nötig gehabt, zum Rabbiner der Gemeinde zu gehen, und der Jude wäre unweigerlich wegen „chillul haschem" in den strengsten. Bann getan und obendrein mit einer schweren Geldstrafe bedacht worden. Wie aber jeinem Juden, der auf seinem Schein bestand und einem christlichen Mitbürger ein ,Stuck Tieisch aus dem lebendigen Leibe herausschneiden wollte, von seinen christlichen Mitbürgern mitgespielt worden wäre, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Man muß bloß bedenken, was für Blutbäder unter den Juden angerichtet wurden, sobald nur der Verdacht auftauchte, daß zu Ostern ein Christenkind verschwunden war. Die Christen hätten sich wohl vereinigt, aber nicht, um dem Juden das Geld zu bezahlen, sondern um ihn in Stücke zu reißen, sein Haus anzuzünden, das ganze Ghetto zu ^plündern und dessen Einwohner hinzumorden — und die Christen hätten in diesem Falle vollkommen Recht. Die Suche nach einem wirklichen Urbild des Shylock war also von vornherein aussichtslos. In der Tat setzt sich die Erzählung im Pecorone aus zwei Volksmärchen zusammen, die sehr alt und in zahlreichen Varianten über die ganze Welt verbreitet sind. Das eine gehört einem Kreise von Märchen an, welche die Entwicklung der Rechtsideen begleiten und einen weisen Richter verherrlichen, der die Tücke eines bösen Frevlers vereitelt (Salomonisches Urteil), durch seine Klugheit einen