Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Das Urbild des Shylock
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 1)
- Language
- German
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177 Das Urbild des Shylock 178 DAS URBILD DES SHYLOCK. (AUS ANLASS DES SHAKESPEARE -JUBILAEUMS). Von Dr. A. Cahn. Am 23. August 1594 wurde auf der Bühne des Theaterunternehm-ers von Blackfriars (London) namens Henslowe, ein Stück unter dem Titel „Shylock" aufgeführt, das bei dem in Kunstsachen nicht wählerischen Publikum starken Beifall weckte. Das Stück war roh gezimmert, arbeitete, dem Geschmack der Zeit gemäß, mit grellen Effekten und derben Tiraden. Die Zuschauer 'waren besonders befriedigt, da die Hauptfigur [des Stückes an das Opfer eines Hochverratsprozesses erinnerte, der kurz zuvor stattgefunden hatte und die ganze Londoner Bevölkerung lange in Aufregung hielt. Die niedrigen Instinkte des Pöbels aller Stände, als da sind: Sensationslüsternheit, Grausamkeit, Klatschsucht, wurden im Theater weidlich angeregt und angenehm gekitzelt. Der Autor war ein gewisser William Shakespeare, ein unter der lebenslustigen aristokratischen Jugend als Komödiant und Verfertiger von mancherlei Schaustücken bekannter, aber wegen seines außerhalb der ehrbaren bürgerlichen Gewerbe stehenden Berufes wenig geachteter Mann. Dieser William Shakespeare hat später sein Stück noch mancher Umarbeitung unterzogen, bis1 endlich das Lustspiel ,,Der Kaufmann von Venedig" herauskam. Die Hauptfigur dieses seltsamen Lustspieles ist eine der erschütterndsten tragischen Personen, welche je über die Bretter, die die Welt bedeuten, gegangen sind. Auf tausend und abertausend Bühnen ist der Jude Shylock aufgetreten, vor Hunderttausenden Menschen aller Nationen und Glaubensbekenntnisse des Kultur kr eises hat er seine brennenden, von wildem Schmerz und grimmigem Haß durchtobten Anklagen hinausgeschrien. Von großen, echten Künstlern dargestellt, wirkte er auf die kleine Minderheit der Feinsinnigen, Geschmackvollen und Verstehenden als Verkörperung eines übermächtigen Schicksals, welches sie im tiefsten Innern aufwühlte und bis in den Traum der Nächte verfolgte. Kleine, platte Komödianten, die nach dem Beifall von Kindern und Narren geizen, machten aus ihm ein gemeines Zerrbild zum Gaudium des Pöbels, der sich an dem Anblick des niederträchtigen jüdischen Wucherers 'und Menschenfressers weidete und entzückt war, daß dieses Scheusal am Ende von einer klugen und feinen christlichen Jungfrau zum Narren gemacht und ihm die Beute entrissen wird. Man hat nach den Quellen gesucht, aus denen der Dichter seinen Rohstoff entnahm. Früh schon Wußte man, daß der geniale Brite die Fabeln seiner Dramen in vielen Fällen aus1 den zu seiner Zeit viel verbreiteten italienischen Novellenbüchern schöpfte. Die Fabel von Shylock entnahm er dem Novellenbuch „II Pecorone", das Ser Giovanni Fiorentino im Jahre 1378 verfaßte. Eine dieser Novellen erzählt von einem reichen Kaufmann zu Venedig, namens Ansaldo, der seinem Adoptivsohn Giannetto ein reichbeladenes Schiff ausrüstet, und ihn nach Alexandrien segeln läßt, damit er sich die Welt ansehe. Unterwegs erblickt Gianetto vom Schiff jaus eine Bucht mit einem prächtigen Hafen. Der Kapitän erklärt ihm, dieser Ort gehöre einer edlen schönen Witwe, die schon manchem Herrn gefährlich worden sei. Sie habe ein Gesetz, daß jeder, der anlegt, sie küssen müsse. „Wer sie dabei für sich gewinnt, wird ihr Gemahl und Herr des Hafens und des ganzen Landes, wem es aber nicht gelingt, der verliert das Schiff mit der ganzen Habe." Bis dahin sei das noch keinem gelungen, und alle hätten ihr ganzes Vermögen hier gelassen. Gianneto macht trotz der Warnung des Kapitäns den Versuch. Aber die schöne Witwe reicht dem kühnen Freier in ihrem Schlafgemach einen Becher Weins1, in den sie heimlich ein kräftiges Tränklein gegossen, und er verfällt in tiefen Schlaf. Er hat alles verloren. Im nächsten Frühjahr wiederholt er das Experiment, aber mit demselben Resultat. Ansaldo ist ruiniert, glaubt aber, sein Adoptivsohn habe Schiffbruch gelitten. Er kann seiner Bitte nicht widerstehen, verkauft seinen ganzen Besitz und rüstet ihm also ein drittes Schiff aus. Aber es fehlen ihm zehntausend Goldgulden. Diese entleiht er bei einem Juden aus Mestre, unweit Venedig, unter folgender Bedingung: wenn er sie nicht wiedergegeben habe bis zum Johannestage am nächsten Juni, so dürfe ihm der Jude ein Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden, an welcher Stelle es ihm beliebe. Hierüber wird ein Schein ausgestellt vor Zeugen und mit allen Formalitäten und Vorsichtsmaßregeln, die dabei nötig sind. Diesmal wird Giannetto von der Kammerfrau der schönen Witwe gewarnt. Er tut, als ob er den Wein trinke, gießt ihn aber vor die Brust, er bleibt wach und als die Frau erscheint, küßt er sie und sagt: „Jetzt habe ich, wonach ich mich so lange sehnte.'4 Die Frau war es wohl zufrieden. Die Honigwochen gingen den Leutchen in Lust und Freuden dahin. Giannetto vergaß die fürchterliche Verpflichtung, die sein Adoptivvater sich aufgeladen hatte. Als er sich ihrer erinnert, ist der Tag bereits verstrichen. Der Jude aus Mestre hatte sich den Herrn Ansaldo holen lassen, um ihm das Pfund Fleisch auszuschneiden. Der Ungückliche bat ihn, mit seinem Tode doch noch zu warten, (damit, falls der Adoptivsohn käme, er ihn noch umarmen könnte. Der Jude sagte: „Das ist mir recht, ich gewähre euch den Aufschub, aber wenn er auch hundertmal kommt, ich will und werde euch das Pfund Fleisch aus dem Leibe schneiden, wie mein Schein lautet.'4 Ganz Venedig sprach von diesem Fall. Jedem tat das arme Opfer leid, die Kaufleute vereinigten sich, um (dem Juden das Geld zu erlegen. Allein dieser wies es zurück, er wollte um jeden Preis an seinem Schuldner die blutige Operation vollziehen, in dem klaren Bewußtsein, daß dieser daran sterben müßte. Er versicherte, es sei ihm daran gelegen, von sich sagen zu können: „Durch mich war der größte Kaufmann der Christenheit vom Leben in den Tod befördert worden". Inzwischen ist Giannetto angekommen, er bietet dem Juden zwanzig-, dreißig-, ja hunderttausend! JDukaten; dieser spricht: „Und wenn du mir so viel Dukaten gibst, wie die ganze Stadt wert ist, ich nehme sie nicht, ich bestehe auf meinem Schein".