Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 14)
- Language
- German
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171 Welches ist das wahre Interesse Deutschlands an dem Schicksal der Ostjuden? 172 lind Philosophie zu studieren. Das hielt bis in die neueste Zeit an. Turgenjew bekundet, die russische Intelligenz habe sich kopfüber in das „deutsche Meer*' der Philosophie gestürzt. Auch Alexander II, der, im Gegensatz zu seinen Nachfolgern, ein ausgesprochener Deutschenfreund war und mit Vorliebe deutsch sprach, dürfte wohl kaum als Vaterlandsverräter betrachtet wenden. Am Ende waren ja alle jene Zaren, und Großfürsten, die sich ihre Frauen und Schwiegertöchter in Deutschland holten, doch ebenfalls keine Vaterlandsfeinde. Die russischen Juden können also getrost den läppischen Vorwurf von sich weisen, daß sie als Vorspann für idie Unterjochung Rußlands durch die Deutschen dienen, und mit Fug und Recht von sich behaupten, daß sie ihrem Vaterland einen wertvollen Dienst leisten, indem sie ihm aus deutschem Wesen und deutscher Kultur gesunde Säfte und Kräfte zuführen, und so die angeborene und die von der Tatarenherrschaft ererbte Barbarei überwinden helfen. Nur die Neider Deutschlands, sowie die berufsmäßigen Deutschenhetzer in Rußland haben ein Interesse daran, die Juden als Germanisatoren, als Helfershelfer der deutschen Eroberungssucht hinzustellen. Ganz genau so liegen die Dinge in Polen, nur blaß hier noch ein wichtiges' politisches Moment hinzukommt. Polen ist ein kleines Land, zwischen zwei igroße, mächtige Reiche eingezwängt. In solchen Ländern gibt es immer zwei Parteien, von denen die eine nach der einen, die andere nach der entgegengesetzten Seite hin gravitiert. Nun ist aber Polen infolge des abendländischen (Ursprunges seiner Religion und seiner Kultur, infolge seiner tausendjährigen historischen Entwicklung schon früh in einen unüberbrückbaren Gegensatz zu dem ihm sprachverwandten, aber in der ganzen Geistesajrt und Regierungsform, in Denk- Und Gefühlsweise wesensfremden, weil byzantinisch-tatarischen Russentum geraten. Der unersättliche Expansionsdrang Rußlands, der den Untergang des Polenreichs herbeiführte, der darauf folgende unerbittlich-grausame Ausrottungskampf gegen die polnische Nation hat diesen Gegensatz zu einer bitteren, nie versöhnlichen Feindschaft vertieft, und den Russophilismus in die entfernsten Schlupfwinkel zurückgedrängt, so daß er zur Gesinnung politischer Opportunisten oder aber solcher Kreise wurde, deren wirtschaftliches Interesse sie auf Rußland verwies; aber auch hier herrschte er immer nur bedingungsweise, provisorisch. So oft er überhand nahm und geistig wie moralisch höherstehende Kreise erfaßte, war dies eine Folge enttäuschter und verschmähter Liebe zu Deutschland, welches für Polen Westeuropa bedeutet. Aber die polnischen Revolutionen waren allemal nur gegen Rußland gerichtet, und auch in dem jetzigen Krieg haben die Polen, trotz der tiefen, immer steigenden Verstimmung der letzten dreißig Jahre eine Armee ausgerüstet, die auf seiten Deutschlands und Oesterreichs gegen Rußland kämpft. Dagegen ist, trotz der glänzenden Versprechungen Rußlands und der Ententemächte, der Versuch, eine polnisch-russische Legion ins Leben zu rufen, schmählich mißlungen. — Der polnische Nationalheld General Henryk Dombrowski erbot sich, mit 30 000 polnischen Legionären in preußische Dienste gegen Rußland zu treten. Er sprach mit Vorliebe Deutsch, trug stets ein Bändchen Schillers Gedichte auf dem Herzen (das ihm einmal auch vor einer feindlichen Kugel das Leben rettete). Der geistige Einfluß Deutschlands auf die Polen in Wissenschaft, Musik, bildende Kunst, Poesie und Literatur ist im Vergleich mit allen anderen geradezu alleinherrschend. Das Schill er jubiläum (1905) wurde von den Polen, in Krakau mit nicht zu überbietender Feierlichkeit begangen, der Präsident der Krakauer Akademie der Wissenschaften Graf Stanislaw Tarnowski hielt dabei die Festrede. Das war die einzige Schillerfeier, die von Nichtdeutschen außerhalb Deutschlands abgehalten wurde. Kein bedeutendes deutsches Werk aus irgendeinem Gebiete der geistigen Arbeit, das nicht ins Polnische übersetzt wäre, während die Uebersetzungen aus dem Russischen zu den größten Seltenheiten gehören. Die Sympathie der polnischen Juden (sowie ihrer anderen östlichen Glaubensgenossen) für Deutschland fließt auch noch aus anderer Quelle: der großen Hochachtung und Liebe, die sie der modernen, kulturellen Ausgestaltung und Entwicklung des Judentums und dessen Trägern in diesem Lande widmen. Deutschland ist für sie nicht nur das Land Schillers und Kants, nicht nur das Land der Philosophie, der Wissenschaft und der Technik, sondern auch das Land der Judenemanzipation und der Aufklärung, vor allem aber das Land, woi zuerst jüdische Frömmigkeit und moderne Kultur in einen edlen Einklang gebracht wurden, die moderne Wissenschaft des Judentums erblüht ist und in der ganzen Welt hochgeachtete Lehrstätten sich geschaffen hat. Es ist klar, daß es im höchsten Interesse Deutschlands liegt, diesen in jeder Beziehung äußerst wertvollen Schatz von Achtungs- und Sympathiegefühlen zu mehren und zu stärken. Wer nun in der Welt die Meinung verbreitet,, daß Deutschland gar nicht darauf ausgehe, in Osteuropa „geistige und wirtschaftliche", sondern darauf, politische Eroberungen zu machen, daß es dort die Völker unterjochen und ihre Nationalität, Sprache und Kultur unterdrücken, in ihrer Entwicklung hemmen oder gar ausrotten wolle,, und daß es sich zu diesem Zwecke der Juden zu bedienen beabsichtige — der leistet Deütschland einen sehr schlechten Dienst: er trägt dazu bei, daß die Sympathie sich in Mißtrauen, Furcht, Feindschaft und Haß verwandelt. Die Neider und Feinde lauern ja nur auf jeden Vorwand, überall in der Welt und besonders in Osteuropa solche Stimmungen zu wecken und zu schüren und Deutschland als den Bedroher und Zerstörer der Freiheit und Selbständigkeit besonders der kleineren Nationen hinzustellen. Nichts ist leichter, als Argwohn und Haß zu wecken, besonders gegen einen Starken und Gefürchteten; sie zum Schweigen zu bringen, ist schwer. Sollte aber die Legende, daß Deutschland die östlichen Nationen, in erster Reihe die Polen, mit Hilfe der Juden zu unterjochen, ihre Nationalität zu zerstören und sie zu germanisieren strebe, sich einwurzeln und zur politischen Ueberzeugung werden, so hätte das für die Juden die Folge, daß sie, dem nackten Selbsterhaltungstrieb gehorchend, alle ihre Sympathien für deutsches Wesen, deutsche Bildung und Sprache in sich auszulöschen gezwungen wären, wenn sie nicht als Todfeinde der Nation, unter der sie leben, dastehen wollten,