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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 165 - 166

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Die Ostjudenfrage II. Teil
Date
1916-04-01
Page
Seite 165 - 166 (sequence 11)
Language
German
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165 Welches ist das wahre Interesse Deutschlands an dem Schicksal der Ostjuden? 166 Nun wird in Deutschland seit kurz nach Ausbruch des Krieges von den verschiedensten Seiten in allen Tonarten die ungeheuerliche und unbegreifliche Lehre verkündet, es liege im „deutschen Interesse* 4, daß die Verhältnisse der „Ostjuden" sich in einem gerade entgegengesetzten Sinne entwickeln. Bald ist es das Interesse des Deutschen Reichs, bald das der deutschen Nation, bald das des deutschen Volkes, bald der deutschen Kultur, das hier zitiert wird. Einmal sollen die Juden im Osten die Mission haben, in den slawischen Ländern die germanische Idee zu vertreten, oder als Schutz - wall gegen die slawische Hochflut zu dienen; der deutsche Realpolitiker in Oesterreich habe ein Interesse daran, daß die Juden in Galizien gegen die polnische Schlachta -in diesem Lande immerdar Krieg führen; die Juden haben die Aufgabe, den Osten zu germanisieren; die starke jüdische Minderheit in Polen mit ihrem deutschen Dialekt habe die Aufgabe, dem Deutschtum in diesem Lande einen Rückhalt zu gewähren. Den Juden in Polen soll ihr Jargon, weil er sie mit dem Deutschtum verbinde, erhalten werden; die polnischen Juden seien die Pioniere der deutschen Kultur in Polen; der Jargon der Ostjuden sei die mächtigste Waffe des Deutschtums im Auslande; die polnischen Juden seien Träger und Wegweiser der Kultur und des Volksgeistes, die in der deutschen Sprache ihren Ausdruck gefunden; im Interesse des Deutschtums müssen die Juden in Warschau sich mit den dort wohnenden Deutschen verbinden, um die Stadt den Polen zu entreißen und sie ihres polnischen Charakters zu entkleiden. Man versichert, daß die Ostjuden mit den Deutschen im Reiche eine Sprach- und Interessengemeinschaft bilden; man spricht von einer jüdisch-deutschen Kultur, die die Juden in Polen zu vertreten haben, oder von einer Sprach- und Kulturgemeinschaft zwischen dem deutschen Volk und den Ostjuden. Die Juden in Polen, versichert man, haben keinerlei „staatliche Aspirationen" und ihr Beruf sei, dort das Element zu bilden, dessen sich der deutsche Einfluß jederzeit nach Belieben bedienen kann. All dies und viel Aehnliches oder noch Stärkeres haben wir während der letzten 20 Monate in zahllosen Zeitungsartikeln und Broschüren gelesen. Wenn das nur zum kleinen Teil wahr wäre, so wäre das Schicksal der Ostjuden besiegelt: sie wären unrettbar dem Untergange geweiht. Ihre ureigensten Lebensinteressen stünden nämlich in einem schroffen, unversöhnlichen Gegensatz zu den Interessen des mächtigen Deutschen Reichs und der großen deutschen Nation. Während es für sie unabweisbare Lebensnotwendigkeit ist, mit ihren christlichen Mitbürgern im tiefsten Frieden und Einverständnis zu leben, würden es die Interessen des Deutschen Reichs erfordern, daß sie gegen ihre christlichen Mitbürger einen unablässigen Kampf führen, ewig mit ihnen im Kriegszustand sich befinden. Während ihre Mitbürger von ihnen verlangen würden, daß sie £ür die Interessen der Länder eintreten und sie fördern, in denen sie wohnen 'und Bürgerrechte beanspruchen, <Jie sie ernähren und beschützen, wjürde das Deutsche Reich von ihnen heischen, daß sie seine, des Deutschen Reiches, Interessen als die ihrigen ansehen und für sie streiten, nötigenfalls gegen die eigenen Landsleute und Mitbürger. Ihre eigenen höchsten Interessen würden sie mit zwingender Gewalt nötigen, an der Kulturentwicklung ihres Landes den regsten Anteil zu nehmen, an dessen Geistesleben mitzuwirken, an Wissenschaft, Kunst und Literatur mit ihren besten Fähigkeiten und mit Anstrengung aller Kräfte mitzuarbeiten, alle in ihnen schlummernden Begabungen zum Nutzen der Gesamtheit herauszuarbeiten, zu ihren Landsleuten in ihrer Sprache, und zwar in deren edelster und und bester Form, zu reden und ihre Gedanken mitzuteilen, da sie sonst zu geistiger Bedeutungslosigkeit hinabsinken müßten und als ein kulturell wertloses, nur dem materiellen Erwerbe hingegebenes und lediglich physiologische Tätigkeiten vollziehendes Element im* Lande dastehen müßten. Allein das Interesse des Deutschen Reichs und der deutschen Nation, denu-xlie Ostjuden zu dienen verpflichtet sind, soll erfordern, daß sie sich von dem Geistesleben und der Kulturentwicklung ihres Landes durch den Jargon wie durch eine chinesische Mauer absondern; dagegen müßten sie mittels eben dieses Jargons, der in Deutschland auch von den Juden nicht mehr verstanden wird, mit Deutschland verbunden bleiben, und von da her ihre Geistesnahrung saugen; von den durch diesen Kanal sickernden Tröpfchen sollen sie leben; die Brosamen, die von dem reichbesetzten, aber, ach, so fernen deutschen Tisch fallen, sollen ihnen als täglich Brot dienen; zugleich aber sollen sie vermittels eben dieses Jargons die Pioniere, Träger und Wegweiser der deutschen Kultur im Osten sein, den Osten germanisieren, die Landessprachen zurückdrängen, deren Entwicklung hemmen, und, im Gegensatz zu ihnen, dem Deutschtum einen Rückhalt gewähren. . In der ganzen Welt und in der ganzen Geschichte der Menschheit wären nun die Ostjuden das einzige Beispiel eines Volkes, das in dem einen Lande wohnt und in einem anderen lebt —• aber nur ein gespensterhaftes, unwirkliches Lebens mit dem einen Volke zusammen arbeitet und aus dieser Arbeit seine Nahrung zieht, und zusammen mit einem anderen kämpft, strebt und leidet — aber auch dies nur in der Phantasie, im Traume„ nicht im Wachen; in dem einen Staate Bürgerrechte genießt, aber den Interessen eines anderen dient, — noch dazu eines Staates, in dem es nie heimisch werden kann, da es sich dort auf die Dauer nicht niederlassen darf und nur einzelne seiner Individuen als Gäste auf kurze Zeit geduldet werden. Es ist klar, daß kein Mensch, geschweige denn Millionen Menschen, in einem solchen Zwitterleben länger als die kürzeste Spanne Zeit aushalten könnte. Das Leben der Völker und Staaten ist, auch im tiefsten Frieden, auch wenn sie innig miteinander verbündet sind, voll von Interessengegensätzen, die sich häufig zu Konflikten steigern, darum existiert unter ihnen immerdar ein latenter Kampf, der stets von neuem ausgekämpft wird, mit unblutigen Waffen, so lange es geht, mit blutigen, sobald jene versagen. Nur der kann seinem Lande nützlich sein und von seinen Mitbürgern als Gleichberechtigter geachtet oder auch nur geduldet werden, wer in diesem Konflikte! unbedingt und fraglos seinem Lande und seinen Mitbürgern die Treue bewahrt und — selbstverständlich unter strengster Wahrung der Gerech-

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