Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 10)
- Language
- German
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163 Welches ist das wahre Interesse Deutschlands an dem Schicksal der Ostjuden? 164 •Deutschen erhalfenen eigenen Schulen, z. B. in Lodz und Warschau, sich ihnen willig öffnen werden, bleibt noch sehr zweifelhaft. Die bisherigen Erfahrungen lassen diese frage eher verneinen als bejahen. Der ist also kein Freund des jüdischen Volkes in Polen, der ihm rät, sich mit der polnischen Sprache auf Kriegsfuß, zu stellen ■und sich mit seinem Jargon vor ihr als vor einer Feindin zu panzern. Das würde den Juden nur unmöglich machen, im Lande zu bleiben und sich redlich zu ernähren. Nichts aber wünschen sie iso sehr, als dajs. Es wäre ein gewaltiger Irrtum zu meinen, daß sie deswegen etwa Gegner des Palästinagedankens seien, oder ihm auch nur gleichgiltig gegenüberstehen. Ffür alles, was bisher in Palästina erreicht Wurde, haben sie eine Unmenge Herzenswärme und eine Unmenge Geldes verausgabt, welch letzteres sie sich von ihrer Armut abgespart haben. Das wird auch weiterhin so sein. Die Kolonisation Palästinas durch Juden wird stets eine ihrer großen Angelegenheiten bleiben. Auch die glücklichsten Völker in den reichsten Ländern entsenden Auswanderer in die Ferne. Warum sollen die aus dem Osten auswandernden Juden überallhin gehen, nur nicht nach Palästina,? Warum dürfen alle Völker der Welt für [Palästina ein Interesse haben, nur die Juden nicht? Das tiefempfundene Bedürfnis, zur Urproduktion zurückzukehren, welches den modernen Menschen beherrscht, hat für den Juden eine viel größere Bedeutung, als für den Nichtjuden und hat angesichts der heutigen Agrarzustände im Osten nur in Palästina Aussicht auf Verwirklichung in größerem Maßstabe. Daß dies das Land der Väter ist, von den sonnigen Erinnerungen an eine glorreiche Vergangenheit umflossen, von der Mystik eschatologischer Zukunftshoffnungen umweht, kann doch nur in den Augen ängstlicher Philister ein Fehler sein. Die Ostjuden begreifen denn auch gar nicht, warum ihre Anhänglichkeit zum heiligen Lande in einen Gegensatz gebracht werden »muß zu ihrer Vaterlandsliebe; auf welche Weise ihre Förderung der Kolonisation Palästinas sie hindern könnte, ihre Bürgerpflichten in der Heimat vollauf und uneingeschränkt zu erfüllen, und ihre Bürgerrechte treu und zum Nutzen der Gesamtheit auszuüben. Nur möchten sie sich es dringend verbitten, jdaß von seiten Dritter, 'Unbeteiligter und Unberufener der Zionismus wie eine Peitsche gegen sie geschwungen werde, daß man die Besiedlung Palästinas durch Juden wie die Gründung einer Art Sträflingskolonie betrachte, wohin die Ostjuden gebracht werden sollen, um die Völker vor der drohenden Verseuchung durch den semitischen Geist zu behüten. Nur kaltherziger Stumpfsinn kann vorschlagen, daß man ein paar Millionen Menschen wie eine Herde räudiger Schafe nach einem fernen Lande hinwegtransportiere. Nur unglaubliche Beschränktheit kann von einer solchen utopistischen Aktion eine „Lösung der Judenfrage" erhoffen. Die Ostjuden werden, gleich allen Bewohnern ihres Landes, auswandern, wann sie wollen, wohin sie wollen, in der Zahl, die sie in ihrem Interesse für nötig erachten; in dem Lande ihrer Wahl werden sie mit sich anfangen, was ihnen gut und praktisch dünkt. Daß ausländische Antisemiten ihnen da Vorschriften machen wollen, halten sie für eine frivole Anmaßung. WELCHES IST DAS WAHRE INTERESSE DEUTSCHLANDS AN DEM SCHICKSAL DER OSTJUDEN? Nach dem Gesagten wird folgendes jedem einleuchten : die Hauptbedingung, die unerläßliche Hauptbedingung dafür, daß die Ostjuden nach dem Kriege es nicht nötig haben, in großen Massen zum Wanderstab zu greifen und zunächst Mitteleuropa zu überfluten, ist (von den politischen Gestaltungen abgesehen) die Herstellung oder Wiederherstellung eines erträglichen Verhältnisses zwischen den Juden und der christlichen Bevölkerung. Das mindeste, was hierzu gehört, ist, daß die Juden unter ihren andersgläubigen Mitbürgern nicht als Ausländer, als Fremde dastehen, die verdächtigt werden, daß deren Interessen und Bestrebungen denen der Landesbevölkerung entgegengesetzt sind oder auch nur von ihnen abweichen. Damit soll nicht gesagt werden, daß aller und jeder Interessengegensatz zwischen Juden und Nichtjuden aufgehoben werden müßte. Das ist leider auf dieser Welt unmöglich, glücklicherweise aber auch unnötig. Gibt es nicht innerhalb der christlichen Bevölkerung scharfe Gegensätze, die häufig zu erbitterten, lang andauernden Kämpfen führen? Zwischen Adel und Bürgertum, Städtern und Bauern, Lohnarbeitern und Kapitalisten. (Im Hinblick auf letzteren Gegensatz hat man ja sogar von ,,zwei Nationen" im Staate gesprochen.) Alle diese Kämpfe werden im Rahmen der gemeinsamen Staatsbürgerlichkeit ausgefochten, und wenn eine Seite ernstlich und dauernd in den Verdacht käme, diese Einheit zu sprengen und im Gegensatz zu den Interessen der Gesamtheit im Dienste des Auslandes zu kämpfen, so wäre ihre Rolle sofort für immer ausgespielt, und es bliebe ihr nichts anderes übrig, als den Staub des gemeinsamen Bodens abzuschütteln und im Ausland, dessen Interessen sie verficht, eine Zuflucht zu suchen. — Auch die (unvermeidlichen) Gegensätze zwischen Christen und Juden dürfen nirgends in der Welt diesen Rahmen überschreiten, wenn sie für die letzteren nicht verhängnisvoll werden und ihnen unausbleiblich das Verderben bringen sollen. Solch ein widersinniger Zustand könnte aber nur dort Platz greifen, wo die natürliche, gesunde Entwicklung durch eine gefährliche, auf das Unheil der Juden hinarbeitende Demagogie zerstört und in ihr Gegenteil verwandelt wird. Eines der wichtigsten Mittel, dies zu verhindern, besteht darin, daß die Juden die Sprache der christlichen Landesbevölkerung sich aneignen, um sich mit ihr über alle gemeinsamen und besonderen Angelegenheiten offenherzig, freimütig und redlich verständigen zu können und nicht wie eine stumme, wortlose Menge unter ihr umherzugehen. Nie und nimmermehr kann eine Minderheit unter einer Mehrheit leben und gedeihen, wenn die beiden Gruppen nur durch äußerliche, materielle Bande und nicht auch durch ideale, seelische Werte zusammengehalten werden, die höhere menschliche Sympathien und edlere Regungen mitschwingen lassen.