Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 9)
- Language
- German
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161 Volkssprache und Kultursprach?. 162 Es wäre unmöglich, im Berliner Dialekt Naturkunde, Weltgeschichte oder Elemente der Logik vorzutragen; Vollends zu einem Instrument höherer Bildung 'und eines komplizierten Geisteslebens mangelt ihm jegliche Tauglichkeit. Das Niederdeutsche z. B. hat Dichterwerke von hohem Rang aufzuweisen, die sogar einer Uebersetzung ins Hochdeutsche gewürdigt worden sind, aber man versuche doch, Kants Kritik der reinen Vernunft oder Humboldts Kosmos in die Sprache Fritz Reuters zu <übertragen! — Es kommt auch noch ein sozialer Umstand hinzu. Es wäre wohl möglich, für die Juden ein gesondertes Volksschulwesen zu errichten, aber über diese IStufe hinaus, sobald Fach¬ oder Mittelschulen in Betracht kommen, sind die puden einfach zu wenig" ^zahlreich, um allein für sich solchen Unterrichtsanstalten zu genügen. Die aus den Volksschulen kommenden jüdischen Kinder, (die ausschließlich oder auch nur vorwiegend im Jargon Unterricht genossen, würden in den anderssprachigen, besonders den polnischen Schulen dem Unterricht aus mangelnder Beherrschung der Unterrichtssprache nicht folgen können, sie würden zurückbleiben, zu den schlechtesten Schülern gehören. Ueberdies würden sich die Juden durch die Unkenntnis des Polnischen den Zugang zu der überaus reichen Literatur auf allen Gebieten menschlichen Wissens verschließen, Büchern, die zum Selbststudium und zur Weiterbildung unumgänglich sind, und von denen der Jargon nicht einmal träumen kann. Dieser Entgang ließe sich durch die zahlreichen Romane, Novellen, Gedichte, populäre Artikel, Theaterstücke und dergleichen Volksliieratur im guten wie im minder guten Sinne, die der Jargon aufweist, nicht ersetzen. Die Folgen einer Absperrung der Juden gegen [die polnische Sprache und Literatur würde sich in wenigen Jahren als kultureller und wirtschaftlicher Rückgang der jüdischen Bevölkerung nach allen Richtungen äußern, und als Reaktion einen Haß der Juden gegen den Jargon hervorrufen, so daß sie ihn gänzlich über Bord werfen, ihn auch aus jenen Gebieten verdrängen, in denen er noch wichtige kulturelle Aufgaben zu lerfüljen berufen ist, und so seinen Untergang beschleunigen. Wer es gut mit den Juden und mit dem Jargon meint, der möge sich hüten, ihm Lasten aufzubürden, unter denen er zusammenbrechen muß. Anders die Deutschen in Polen. Der größte Teil von ihnen sind Bauern, die in Dörfern und Kolonien beisammen wohnen, der weitaus kleinere zerfällt in eine Gruppe sehr reicher Großindustrieller und Großkaufleute, und in eine andere, die aus Fabrikarbeitern besteht. Einen deutschen Mittelstand, ein deutsches Kleinbürgertum gibt es in Polen nicht. Nur in Lodz und 'Warschau sind die Deutschen zahlreich genug, um ein höheres Schulwesen gesondert tragen zu können. Aber ihnen stehen auch (die 'Mittel- und die Hochschulen in Deutschland uneingeschränkt offen, der jüdische Mittelstand und das Kleinbürgertum dagegen kann diese Schulen, auch wenn ihm der Zutritt zu ihnen nicht verwehrt wäre, schon aus materiellen Gründen nur in äußerst geringem Maße benutzen. Lind ob die von den —- h t, v Vv il'1' --^S'P ^.v^x Fritz Lederer, Opole