Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 159 - 160 (sequence 8)
- Language
- German
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159 Volkssprache und Kultursprache. 160 zu sein. So schmeichelhaft es für die polnischen Juden wäre, sich auf dieselbe »Stufe gestellt zu sehen, wie die in Polen wohnenden Deutschen, so können sie betreffs der Unterrichtssprache es ihnen nicht nachtun und müssen darum auf diese unverdiente Standeserhöhung verzichten. Die Deutschen sprechen Hochdeutsch als Muttersprache, sie sind erst vor zwei oder drei |M:enschenaltern ins Land gekommen, unterhalten mit den :Deutschen im Reich vielfache, meist sogar Familienbeziehungen, und, was das Wichtigste ist, sie können jeden Augenblick ungestört nach Deutschland auswandern, ohne auf irgendein Hindernis' zu stoßen, Jja, sie würden dort sogar sehr willkommen geheißen werden. Da erscheint es natürlich, daß sie 'Hochdeutsch als die Unterrichtssprache ihrer Schule auch felrner beibehalten. Anders die Juden: sie 'wohnen seit mehreren Jahrhunderten in Polen, ihre Sprache ist vom Hochdeutschen schon so weit entfernt, daß sie letzteres erst erlernen müssen, und die wirklichen Deutschen sie ganz und gar nicht verstehen; man weiß wohl, daß sie in Deutschland sehr ungern gesehen sind, wenn sie sich dort niederlassen wollen, daß sie auf unüberwindliche Hindernisse stoßen, wenn sie dort Bürgerrechte erwerben wollen. Wenn sie nun auf einmal 'Hochdeutsch in ihren Volksschulen als Unterrichtssprache einführen sollten, anstatt des Polnischen oder des Jüdischen (in den Chedarim), so wäre das eine offenbare Unfreundlichkeit, ja eine förmliche Kriegserklärung an ihr Vaterland und ihre polnischen Landsleute; es würde aussehen, wie wenn sie zu den Polen sprächen: wir wollen in eurem Lande leben, mit euch Handel treiben, ihr sollt eure Waren von uns kaufen, unsere Handwerker sollen euch die gewerblichen Artikel liefern, aber wir erklären als unsere Muttersprache die Sprache eines fremden Landes, eines fremden 'Volkes, mit euch wollen wir nichts gemeinsam haben; wir wollen euch völlig fremd bleiben, wollen gleichsam als Ausländer unter euch leben, in allem und jedem von euch geschieden, nur gleiche Bürgerrechte mit euch genießen. — Man muß nämlich bedenken, daß der in Polen lebende Deutsche, auch wenn er in Sprache und Nationalität sich vom Polen scheidet, doch sein Glaubensgenosse ist und mit ihm durch alle jene starken und zarten Bande verknüpft bleibt, welche die Religion um die Gesamtheit ihrer Bekenner schlingt. Die Juden dagegen trennt von ihm die Religion und der ganze von ihr ausgehende Lebensstil, die Sitte, der Brauch, die Feste. Wenn sie sich auch noch durch die Sprache als Zugehörige einer fremden Nation bekennen, so ist ihre Fremdheit eine vollständige, keine Brücke führt herüber, hinüber. Da aber die wichtigsten Interessen der Juden es unerbittlich fordern, im Lande als gleichberechtigte Bürger, als Eingeborene dazustehen, nicht aber als Fremde, die nur zu leicht Gefahr laufen, für Feinde gehalten zu werden, deren man sich je eher, je lieber entledigt, indem man sie aus dem Lande drängt, so haben sich die Juden entschieden geweigert, eine fremde Sprache als Unterrichtssprache in ihren Schulen sich aufnötigen zu lassen. Aber ebenso wie es falsch wäre, in diesem Akt eine Unfreundlichkeit gegen das Deutsche zu erblicken, wäre es verfehlt, aus der Forderung der überwiegenden Mehrheit der Juden nach dem Jargon als Unterrichtssprache zu schließen, daß sie etwa auf die gründliche Erlernung des Polnischen vernichten. Und töricht wäre es, aus dem LTmstand, daß ein Teil der Juden das Polnische, ein Teil den Jargon als .Unterrichtssprache fordert, zu folgern, Idaß die Juden Polens in „zwei Nationalitäten" zerfallen, eine jüdisch-polnische und eine Jargon- Nationalität, wie dies im Ernste versucht worden ist. Es gibt in Polen unter 'den Juden eine sehr breite Oberschicht, der das Polnische seit Jahrzehnten Müttersprache ist, gleichwie den deutschen Juden das Deutsche. Auch in Deutschland hat die Annahme des Hochdeutschen durch die Juden, obgleich der Jargon ihm so nahe verwandt war, einen längeren Zeitraum erfordert, 'so daß zuerst nur die Wohlhabenden und Gebildeten die Landessprache sieh ganz zu eigen machten. Da al>er der Uebergang vom Jargon zum Polnischen viel schwieriger ist und die große M'asse der Juden in Polen eine verhältnismäßig zahlreichere ist, als die Klasse der sozial Bevorzugten, so vollzieht sich dieser Pr!orzeß hier naturgemäß viel langsamer. Indessen empfinden heutzutage auch die einfältigsten und weltfremdesten unter den Juden dieses Landes, daß der weitaus größte Teil der Uebelstände, an denen sie, als Einzelne wie als Gesamtheit in wirtschaftlicher wie kultureller Beziehung leiden, von der Unkenntnis der Landessprache herrührt, und von der daraus folgenden Fremdheit und Verständnislösigkeit, mit der sie den Bewegungen innerhalb der polnischen Bevölkerung gegenüberstehen. Die Juden empfinden gerade jetzt stärker als je zuvor die Notwendigkeit, dem heranwachsenden Geschlecht die gründliche Kenntnis und tadellose Beherrschung der polnischen Sprache beizubringen. Allein das hindert sie nicht, ihren Jargon auf ihre Weise zu lieben, sie schätzen in ihm nicht nur das von den Vätern überlieferte VerständiguhgsmitteL siondern auch noch einen Speicher, der eine ansehnliche, sehr wertvolle, populäre Literatur religiösen und weltlichen Inhaltes, einen großen Reichtum an ethischen Gedanken, kostbare Schätze erprobter Altväterweisheit und das Gold echter Volks- ■poesie in sich bewahrt. Freilich fällt es keinem Juden ein, ihn als „Nationalheiligtum" zu betrachten, von dem man sich nicht um den Preis des Lebens trennen darf, wie etwa die Religion Und alles, was durch sie dem jüdischen Volke heilig geworden ist. Viele, darunter sogar einige der hervorragendsten Jargonschriftsteller, sprechen die Ueberzeugung aus, daß er nicht die Kraft habe, dem harten Drange des Lebens zu widerstehen und früher oder später untergehen werde. Allein nur totale Verkennung des jüdischen -Naturells kann annehmen, daß die Juden deswegen sich beeilen werden, ihn, auf Befehl, an einem Tage, wie ein abgenütztes Kleid in die Rumpelkammer zu weifen. Je nachdrücklicher man ihm den Untergang voraussagt, desto mehr wird er ihnen lieb und wert» wenn man ihn ihnen entreißen will, wird er ihnen sogar teuer, wenn man ihn beschimpft, empfinden sie es als eine ihnen angetane Beleidigung. Das Praktische und Nützliche ist fjür die Juden nie ausschlaggebend gewesen, bei der Bewertung der Güter dieser Welt. Das tägliche Beispiel lehrt sie, daß die Anhänglichkeit an den Jargon niemanden zu hindern braucht, die Landessprache gründlich zu erlernen und elegant zu handhaben. Der Jargon kann als Unterrichtssprache selbstverständlich nur für die ersten Stufen der Volksschule in Betracht kommen. Sobald der gründlichere wissenschaftliche L^nterricht beginnt, muß er zurücktreten, denn dafür ist er, wie jede Volksmundart, nicht geeignet.