Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 157 - 158 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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157 Volkssprache und Kultursprache. 158 Fritz Lederer, Bei Sandomir VOLKSSPRACHE UND KULTURSPRACHE. Obwohl keiner es für nötig gehalten hat, die Ostjuden zu befragen, was sie mit sich nach dem Kriege anzufangen, wo sie zu verbleiben gedenken, so hat doch ein großer Teil von ihnen — und zwar der hier zuvörderst in Betracht kommende Teil, nämlich die Juden im deutschen Okkupationsgebiete —, eine ganz unzweideutige, wenn auch indirekte Antwort auf diese Frage gegeben. Die Juden in Warschau und Lodz haben nämlich an das Gouvernement Eingaben gerichtet, in welchen ein Teil um die Belassung des Polnischen, ein anderer, weitaus der größte, um die Belassung des Jargons als Unterrichtssprache in ihren Volksschulen baten. Hätten nun diese Juden die Absicht, nach dem Krieg sich massenweise nach Deutschland zu drängen, es zu überfluten und sich hier eine neue Heimat zu gründen, so würden sie nach Möglichkeit trachten, das Polnische und den Jargon rasch zu vergessen, da diese beiden;Sprachen in Deutschland ihnen nicht nur nicht nützen, sondern sehr schadern, ja gefährlich werden könnten, indem sie ihre Unbeliebtheit nur noch steigern. Da sie aber in ihrem vielhundertjährigen Vaterlande zu bleiben gedenken, so können sie dort ohne die polnische Sprache wirtschaftlich Und kulturell nicht vorwärtskommen. Andererseits betrachtet die große Masse den Jargon als ihr natürliches*, überliefertes Verständigungsmittel im Heimatlande. M'an hat aus dieser Forderung der polnischen Juden allerlei Schlüsse gezogen, die die Sache in einem falschen Lichte erscheinen ließen. Nichts ist irriger, als anzunehmen, daß sie damit eine Abneigung gegen die deutsche Sprache zum Ausdruck bringen wollten. Umgekehrt: würde man ihnen verbieten, deutsch zu lernen, so würden sie dies als ein großes Unglück betrachten, zu dessen Abwendung sie wohl, nach ihrer überlieferten Sitte, einen allgemeinen Fasttag anzuordnen fähig wären. Ihnen ist Deutsch die große Weltsprache, die den Weg zur allgemeinen, europäischen Kultur eröffnet, sie ist ihnen von allen F r e m d s p r a c h e n die nächste und liebste, aber sie ist immerhin die Sprache eines' fremden Landes, die man nur als solche pflegt. «Mit der Forderung Ides Polnischen öder des Jargons als Unterrichtssprache, haben sie nur betont, daß sie als ihr Land, in welchem sie fürder zu bleiben gedenken, das1 Land betrachten, in dem diese Sprachen heimisch sind. Dächten sie daran, nach Deutschland einzudringen, so müßten sie die Mahnung des Herrn S a'k o b i e 1 s k y befolgen, der zu den Lodzer Juden sagte: „Der Tag hat £4 Stunden, davon müssen die Juden 20 auf das Studium des Deutschen verwenden." Dieser gewiß hervorragende Pädagoge ist erst vor kurzem ins Land gekommen, kennt die Verhältnisse nicht und es ist ihm unbekannt, daß es einem polnischen Juden wohl noch nie passiert ist, wegen Mangels an Kenntnis des Deutschen seine Nahrung daheim nicht zu finden und zur Auswanderung gezwungen