Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 155 - 156 (sequence 6)
- Language
- German
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355 Die Seibstzerfleischung der Juden. 156 Wien kam es: so weit, idaß der Generalstabschef den Oberrabbiner Dr. Güdemann bitten ließ, sich zu dem Unglücklichen ins Hospital zu begeben, um ihm Trost zuzusprechen und ihn vom Selbstmord durch Verhungern abzubringen. Dann verwandelte sich dieser galizische Jude in einen preußischen und erlebte dieselbe Geschichte nicht weit von den masurischen Seen. In der „Frankfurter Zeitung" tauchte er schließlich als hessischer Jude auf, dem dieses Erlebnis mit einem französischen oder belgischen Glaubensgenossen in Flandern passierte. Schließlich mußte er sichs gefallen lassen, von einem Dichterling zu einer sentimental- Verlogenen Novelle verarbeitet zu werden. Aehnlich ergeht es jenem andern iAhasver, der seine leibliche Tochter um ein paar schnöde Silberlinge der Schande feilbietet. In Kolomea wurde er gesehen, in Wilna, in Lublin, an der ganzen Ostfront, und hie und da auch an der Westfront. Wenn er Glück hat, kommt er noch in die Literatur. Man weiß, wieviel jetzt in der Welt geflunkert wird. Wer eine Reisie tut, auch in den friedlichsten Zeiten, weiß vieles zu erzählen, und erst wer aus dem Krieg heimkehrt! Man kann sicher sein, daß in neun von zehn Fällen jder Soldat, welcher der Bevölkerung der besetzten Gebiete Uebles nachredet, dieser Bevölkerung gegenüber sich roh oder auch gewalttätig betragen hat, und sich nun vor seinem Gewissen rechtfertigen will, indem er sie schlecht macht. „Den silbernen Löffel habe ich deswegen bei der Hauswirtin gestohlen, weil sie eigenes Haar trägt", sagt der diebische Postillon in der jüdischen Anekdote. Man denke an all die Dinge, welche die russischen Offiziere aus Ostpreußen in ihre Heimat schrieben, und die in russischen Blättern veröffentlicht waren. Daß deutsche Offiziere erzählt haben sollen, bei den Ostj'uden sei es eine alltägliche Erscheinung, daß die Väter ihre Töchter feilbieten, ist schlechterdings ausgeschlossen. Von dem Geschichtsforscher Philippson hätte man erwarten können, daß er in der Benutzung von Quellen etwas vorsichtiger verfahren würde. Damit soll keineswegs geleugnet werden, daß unter den Ostjuden die gewerbsmäßige Prostitution existiert — die unter den deutschen Juden zu den ganz ausnehmlichen Erscheinungen gehört. Das ist eben der Grundfehler in der Betrachtung der Zustände unter den Juden im Osten, dessen sich alle deutschen „Forschungsreisenden" schuldig rmachen, und das .hindert sie, die Sachlage richtig zu beurteilen, daß sie lan die Juden in Rußland, Polen und Galizien denselben sozialökonomischen Maßstab anlegen, wie an die Glaubensgenossen in ihrer Heimat. Indessen gehören in Deutschland die Juden, mit verschwindend wenigen Ausnahmen, dem wohlhabenden Mittelstand an, ein beträchtlicher Teil von ihnen sogar den oberen und obersten Schichten dieses Standes. In Deutschland ist noch nicht jeder hundertste Mensch ein Jude, im Osten gewöhnlich jeder achte oder zehnte, in manchen Städten jeder zweite. Warschau allein hat mehr Juden als halb Deutschland. Ein jüdisches Proletariat gibt es in Deutschland überhaupt nicht. Massenelend unter den Juden ist hier gänzlich unbekannt. Die Prostitution und alles was drum und dran hängt, wie Zuhältertum und Kuppelei, sind unvermeidliche Begleiterscheinungen des Massenelends. Aber es sei betont, was Kenner der Verhältnisse öfter festgestellt haben, daß unter den Juden das Laster seine rohesten und schlimmsten Formen nur äußerst selten annimmt, daß die Opfer auch in der niedrigsten Schande noch immer eine gewisse Haltung bewahren, die sie vor dem Versinken in die Verbrecherwelt behütet, und daß sie Verhältnismäßig häufig den Rückweg in die Ehrbarkeit suchen und finden. Wenn aber Herr Prof. Philippsion die Ostjuden für unwjürdig erklärt, in ihrem Lande die „Repräsentanten der deutschen Kultur und Interessen'^ zu jsein (wozu diese Juden aus 'tau'send anderen Gründen sich nicht berufen fjühlen, und was sie mit Entschiedenheit ablehnen), weil sich unter ihnen Zuhälter finden, die ihre weiblichen Angehörigen feilbieten, so müßte er auch die — Berliner frür Unwürdig dazu erklären. Solche Subjekte finden sich nämlich auch unter ihnen. Tugendhafte Geschichtsprofessoren, die eine gütige Fee vor jeder harten Berührung mit den Rauheiten und Häßlichkeiten des Lebens behütet hat, können es ja nicht wissen, aber minder begünstigte Sterbliche wissen es. Mitten im tiefsten Frieden, in den schönsten Sommerabenden, konnte der durchreisende Fremde es erleben, von allerlei distinguiert aussehenden Herren und Damen beiseite genommen zu werden!und ganze Mengen von knospenhaften Töchtern, Schwestern und Kusinen in allen Farben angeboten zu bekommen — in Berlin unter den Linden! Nun denke man sich den furchtbarsten aller Kriege seit zwanzig Monaten das Land zerstampfend, die Bewohner allen Schrecknissen schutzlos preisgegeben, die Häuser verbrannt, die Felder verwüstet, die Werkstätten zerstört, Kinder und Greise voir Hunger und Seuchen zu Hunderten gestorben; Frauen und Mädchen von Tscherkessen und Kosaken und deren militärischen Befehlshabern geschändet. Erst wenn Unter solchen Umständen die Berliner Zuhälter und Kuppler standhaft bleiben und nie eine Tochter oder Schwester dem Fremden feilbieten würden, erst dann wären die Berliner berechtigt, auf die Bewohner des Ostens einen Stein zu werfen, früher nicht. Wer aber solcher einfachen Erwägung unfähig ist, bekundet hur, daßi ihm jegliche Eignung, soziale Vorgänge zu beurteilen, abgeht. Er mag ruhig bei seinen vergilbten Pergamenten bleiben, und über die Menschen verflossener Zeiten, denen seit Jahrhunderten kein Zahn mehr weh tut, zu Gericht sitzen. Wo es sich um das Wohl und Wehe lebendiger, von dem furchtbarsten Schicksal heimgesuchter Menschen handelt, täte er besser, zu schweigen.