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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 153 - 154

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Die Ostjudenfrage II. Teil
Date
1916-04-01
Page
Seite 153 - 154 (sequence 5)
Language
German
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153 Die Selbstzerfleischung der Juden. 154 den Mlühsalen der Vertreibung erlegen wären", und ein 'Mann, „der sich große Verdienste um die Stadt erworben hatte," wurden von der Maßregel verschont. „Alle Uebrigen wurden ins Elend gestoßen." Diese Vertriebenen und Verstoßenen waren die Urgroßväter unserer heutige n „Westjuden." Die Hartherzigkeit der Sephardim von Bordeaux erregte in Frankreich mißliebiges Aufsehen, und die Christen sagten sich, die Distinktion zwijschen Sephardim und Äsichkenasim wäre ihnen nicht recht Iklary, wenn in Frankreich Juden nicht wohnen dürfen, dann müßte dies für alle Sorten von Juden Igelten. Die Missetat drohte, sich gegen die Ur- 'heber zu wenden. Ueberdies hatte Voltaire vor kurzem eine Schrift voll gehässiger Anklagen gegen die Juden veröffentlicht, um sich jfür die schmutzigen Händel schadlos zu halten, die er mit zwei Berliner Juden gehabt und die ihn beinahe um die Gunst Friedrichs des Großen gebracht hätten. Da trat ein Literat auf den Schauplatz. Es war der steinreiche und mächtige, aber ebenso beschränkte Isaak Pinto, ein aus Bordeaux stammendes, sehr angesehenes Mitglied der sephardischen Gemeinde zu Amsterdam. In einer Erwiderung auf Voltaires Angriffe gab Pinto die Wahrheit aller Anschuldigungen zu, allein sie gälten (nur für die nichtsephardischen Juden. Wolle man Juden finden, wie Voltaire sie schilderte, müsse man weit, weit gen Osten, nach Metz, Frankfurt (a. M., Berlin, gehen, und diese Juden verachtete Pinto, wie er versicherte, nicht minder als Voltaire. „Wenn ein portugiesischer Jude in Dondon oder Amsterdam eine deutsche Jüdin heiraten .wiürde, so wiürde er für ewig von der Gemeinschaft der Seinigen ausgeschlossen und würde nicht einmal auf ihrem Begräbnisplatz eine Ruhestätte finden.'* ,,Ein englischer Jude (die englischen Juden waren lauter Sephardim) gleiche so wenig einem Religionsgenossen von .Konstantinopel, wie dieser einem chinesischen Mandarin. (Die Juden von Konstantinopel waren bekanntlich auch Sephardim, aber Pinto hatte sie offenbar aufgegeben, sie aus der sephardischen „Rasse" hinausgeworfen; sie waren ja seit der Vertreibung iaus der iberischen Halbinsel „Ostjuden" geworden.) Ein Jude von Bordeaux und einer von Metz scheinen zwei ganz verschiedene Wesen zu sein." „Das käme daher, daß die portugiesischen Juden von den edelsten Familien des Stammes Juda ihre Abkunft herleiteten, iund diese Abstammung sei von jeher für sie in Spanien und Portugal ein Antrieb zu großen Tugenden und ein Schutz vor Laster und Niedrigkeit gewesen. Man fände daher bei ihnen keine der Verbrechen oder Vergehen, deren sie Voltaire beschuldigte." Anders die deutschen, die „Ostjuden";» die vom Pöbel von Juda abstammten. Pinto entschuldigte allerdings ihren unehrenhaften Handel lund Wandel und ihr verächtliches Auftreten mit den gehäuften Leiden, der Knechtung und Demütigung, die sie in Deutschland seit jeher zu ertragen hatten. Aber gemeinhaben wollte er mit ihnen! nichts; sie führten ihm immer wieder Ghettoluft zu und waren für ihn „unser aller Unglück," paßten nicht in das Wesen und die Ordnung der westlichen Kulturstaaten von Bordeaux und Amsterdam und bildeten die größte Gefahr für das Gedeihen und die Eintracht der Völker usw. usw. ... Den Rest lese man gefälligst bei Herrn Prof. Dr. Mlax Marcuse nach. Mian sieht, die Grenzscheide zwischen Ost und West verschiebt sich immer mehr nach Osten. An den heutigen Ostjuden kann man vielleicht noch einmal Wunder erleben1 . . . . * * * Leider steht dieser Herr nicht vereinzelt, auch von sonst achtbarer und wohlwollender jüdischer Seite sind in den letzten Monaten, seit Ausbruch der Diskussion über die Ostjuden gegen diese Anklagen erhoben worden, wie man sie sonst nur in der antisemitischen Presse zu lesen gewohnt war. In der ^Allgemeinen Zeitung des Judentums"- versicherte Herr Prof. Martin Philippson, daß „eine starke Anzahl der dortigen Juden den Goi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern aluch ihre Pflicht ist." „Offiziere und Mannschaften unseres Pleeres" haben ihm „von der scheußlichen Prostitution erzählt, zu der viele Juden ihre eigenen weiblichen Angehörigen benützen, wenn sie dadurch ein gutes Geschäft machen können." Der Geheimrat Fritz zitiert das Wort eines Ijüdischen Schriftstellers, namens Dr. Julius Goldstein: „Der verhängnisvollste Sieg, den der Antisemitismus errungen hat, ist das Eindringen seiner Meinungen in den Gedankrenkreis: mancher deutschen Juden." Herr Prof. Philippson hat die {Wahrheit dieses Wortes prächtig illustriert. We>r boshaft wäre, könnte mit einem (sehr üppigen Blütenkranz ganz ähnlich lautender Phrasen aufwarten, die in den antisemitischen und verwandten Zeitungen (und Flugblättern seit Ausbruch des Krieges den deutschen Juden gewidmet wurden. „Sie haben den Stock verschluckt, mit dem man sie einst geprügelt/' heißt es einmal bei Heine. Den Stock zu verschlucken, mit dem man im gegenwärtigen Augenblick geprügelt wird, und diesen Stock gleich wieder hinauszubringen und ihn gegen andere zu schwingen, das ist eine schöne Leistung. Was den Juden anbetrifft, der seine eigenen weiblichen Angehörigem benutzt, um von deren Prostitution Nutzen zu ziehen, so 'ist er in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" schon einmal dagewesen, ein Herr, namens Dr. Theodor Lessing, hat ihn hier im Jahre 1909 beschrieben, er soll Karfunkel stein geheißen und damals in Krakau sein Unwesen getrieben haben. Es wurde festgestellt, daß es in Krakau weder ein Individuum noch eine Familie dieses Namens gegeben hat. Seit Ausbruch des Krieges ist er wiederholt in verschiedenen Gegenden des Ostens (aber auch des Westens!) gesehen worden. Dies Schicksal teilt er mit einem anderen chimärischen Juden, der seit den ersten Kriegstagen auf allen Schlachtfeldern des Ostens und des Westens herumspukt. Nur besteht dieser letztere Jude eigentlich aus zwei Juden. Zu allererst trat er in der Gestalt eines galizischen Juden auf, eines Landstürmmannes, der auf österreichischer Seite bei Krasnik oder Komarow an einem Bajonettangriff auf die Russen teilnimmt: er hat gerade einem russischen Soldaten das spitze Eisen in den Leib gerannt, da ruft der Getroffene •im Umsinken: „Schema Jissroel! . . . Ich hab eine Fralu mit fünf kleinen [Kindern!"' . . . Der österreichische Landstürmer ist ob der Entdeckung, daß der russische Gegner ein Glaubensgenosse gewesen, tiefsinnig geworden, nimmt weder Speise noch Trank zu sich und geht im Lazarett einem schrecklichen Ende entgegen1 .... Einer hörte dann in tKrakiau von einem preußischen General, daß er diesen Juden mit eigenen Augen gesehen habe. In

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