Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 151 - 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584064-2597243--16128-2597276- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
151 Die Selbstzerfleisch ung der Juden. 152 chen. Es ist albern, zu denken, daß man in Rußland nac'h dem Kriege von Deutschland nichts mehr wird wissen wollen. Trotz „Petrograd", trotz des infernalischen, künstlich aufgewühlten Deutschenhasses, der zu einer systematischen, raffinierten Deutschenverfolgung geführt hat, wird man aus Deutschland nach wie vor die wichtigsten Industrieartikel, aber auch — Ideen einführen. Und da werden solche Schriftsteller wie Fritz und Paphnutius und ihre zahlreichen Gesinnungsgenossen für die guten russischen Patrioten ein gefundenes Fressen sein. Dieser Herr Paphnutius gibt sich wohl keine Rechenschaft davon, was für eine verhängnisvolle Tragweite sein frivoles Wort haben kann, (daß man der Pogrompolitik „Verstand und Weitblick nicht absprechen könne!" Leute, wie der Herr Fritz, versichern, daß die Juden in Deutschland der böse Wurm sind, der den Volksgeist, den Volkswohlstand und die Volksmoral zerfrißt, daß sie das Reich dem Verderben entgegenführen, und sie trösten sich mit der frommen Hoffnung, daß die Juden über lang oder kurz aussterben werden. Müssen sich da die Russen nicht sagen: Wenn das starke, siegreiche und innerlich so festgefügte Deutschland mit seiner Handvoll Juden nicht fertig werden kann, und sich auf ihr völliges Verenden freut, was sollen wir Russen mit unseren Millionen Juden anfangen? Was anderes, als sie ausrotten und verjagen? Wenn man sich in Deutschland entschließen könnte, diesen ewigen Judendiskussionen zu entsagen,?die, unnütz unfd unfruchtbar, nur einen ungesunden Kitzel befriedigen, so würde man eine der Hauptursachen der Einwanderung von Ostjuden nach Deutschland beseitigen. Man halte folgende Regel fest: Je weniger .antisemitische Ideen aus Deutschland nach dem Osten hinübergesandt werden, d e s t o weniger O s t j u d e n werden von dort nach Deutschland herüberkommen! DIE SELBSTZERFLEISCHUNQ DER JUDEN. Im Vorhergehenden ist bereits einige Male von 'dem „Westjuden" Herrn Prof. Dr. (Max Marcuse und seinem Urteil über die „Ostjuden" die Rede gewesen., Diese offenbar nur einer sehr beschränkten Zahl von Fachmännern bekannte Leuchte wird von Herrn Geheimrat Fritz als unbestreitbare Autorität zitiert und ihre Aeußerung prangt als Leitmotiv an der Spitze der Studie von Prof. Wolfgang-Heinze. Die Aeußerung ist ein so schönes Dokument der Zeit, daß man sie ganz hierher setzen muß, um sie (der weitesten Oeffentlichkeit bekannt zu machen: „Die 7 Millionen polnische, rumänische und andere östliche Juden sind Arme und Elende, ihre Not schreit zum Himmel. Aber es sind uns Fremde, sie wollen es sein, und ihre Art, zu denken, zu erwerben, zu leben, paßt nicht in das Wesen und jdie Ordnung der westlichen Kulturs'taaten. Man helfe diesen Juden des Ostens aus dem Jammer ihres Leibes und ihrer Seele — so wie jeder die Hilfe für am wirksamsten hält. Nur nicht länger auf die Weise, daß man sie unbeschränkt bei uns aufnimmt. Diese Juden 'sind unser aller Unglück, sie lassen immer von neuem Schranken erstehen, führen uns immer wieder Ghettoluft zu und sind die größte Gefahr für das Gedeihen und (die Eintracht der Völker. Es ist im höchsten Grade beklagenswert, daß die [Erkenntnis und jeder Versuch der Abwehr dieser Gefahr als ein Zeichen politisch-rückständiger Gesinnung betrachtet und in den Volksvertretungen demgemäß nur den ganz rechtsstehenden Parteien überlassen worden ist." Also [sprach Max Marcuse. Es ist doch wunderbar, wie rasch die Welt fortschreitet. Noch im Jahre 1879 schrieb Treitschke: „Die Israeliten des Westens und des Südens gehören zumeist dem spaniolischen Judenstamm an, der auf eine vergleichsweise stolze Geschichte zurückblickt und sich der abendländischen IWeise immer ziemlich leicht eingefügt hat. Wif dagegen (gemeint sind die deutschen Antisemiten) haben es mit jenem deutsch-polnischen (aschkenasischen) Judenstamm zu tun, dem die Narben vielhundertjähriger christlicher Tyrannei sehr tief eingeprägt sind", und diese Juden „stehen erfahrungsgemäß dem europäischen und namentlich dem germanischen Wesen ungleich fremder gegenüber." Inzwischen hat sich eine glückliche Evolution vollzogen, kraft welcher Herr (Max Marcuse sich zum spanischen Juden emporentwickelt hat, während die Ostjuden" an die Stelle seiner von Treitschke so gründlich verachteten Stammesgenossen getreten sind. .Noch hübscher würde sich die Sache ausnehmen, wenn man bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückgreift. Damals gab es nämlich in Bordeaux eine jüdische Gemeinde. Ob es heutzutage eine gibt, ist weiteren Kreisen unbekannt, jedenfalls hat man von ihren Geistestaten und ihrer Bedeutung nichts gefrorc. Aber damals gab es eine, bestehend aus spanischen lund portugiesischen iMarannen, die, dorthin geflüchtet, anfangs unter der Miaske des Katholizismus lebten, bis sie sich offen zum Judentum bekennen durften. Damals entstand ebenfalls eine „Ostjudenfrage." Die Jjuden in Deutschland, vom Elsaß bis zur Mark Brandenburg, pflegten, wie gesagt, seit dem 13. Jahrhundert vor Austreibungen und Unterdrückungen nach Polen auszuwandern. Infolge der seit einem Jahrhundert in Polen herrschenden Wirren waren .die deutschen Juden damals gezwungen, sich nach dem Westen zu wenden. Die portugiesisch-spanischen Juden, die Sephardim, die damaligen „Westjuden'4, begegneten ihnen überall mit Geringschätzung und Antipathie. Als in Bordeaux sich hundertzweiundf ünf zigdeutsche Juden angesiedelt und es zu einem gewissen Wohlstande!und Ansehen gebracht hatten, war dies den Sephardim ein Dorn im Auge. Sie verfaßten daher im Jahre 1760 neue Gemeindesatzungen, die ihrem Gemeindevorstand die Befugnis erteilten, jeden deutschen Juden als Landstreicher binnen drei Tagen aus der Stadt entfernen zu lassen. ,,Sie brandmarkten von vornherein alle fremden Juden nicht portugiesischen Ursprunges als Landstreicher und Bettler, die ihnen, den Reichen, zur Last fielen. Sie verleumdeten dieselben, daß sie durchweg ein ehrloses, betrügerisches Gewerbe betrieben, und nahmen solchergestalt die Bürgerschaft und die Behörden gegen sie ein." (Graetz.) Jakob Rodrigues Pereira bewirkte beim König Ludwig XV. die Bestätigung dieser Statuten, und so ^wurden Ende 1761 sämtliche deutsche Juden aus Bordeaux ausgewiesen. Nur „zwei alte Manner und Frauen, die