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Ost und West · 1916-04-01 · Heft 4-5 (April-Mai 1916) · p. Seite 149 - 150

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 4-5 (April-Mai 1916)
Article
Die Ostjudenfrage II. Teil
Date
1916-04-01
Page
Seite 149 - 150 (sequence 3)
Language
German
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149 Anfang, Verlauf und Ende der ostjüdischen Massenwanderungen nach dem Westen. 150 trauensvolle Hoffnung, daß die Zustände einer stetigen Besserung entgegensehen und schließlich zu einer völligen Gleichberechtigung führen werden. Ueberall die eifrigsten Bemühungen, im Volke die Kenntnis der russischen Sprache zu verbreiten, die Jlugend zu „nützlichen Bürgern" heranzuziehen, sie dem Handwerk oder Studium zuzuführen; an der Hebung der jüdischen Massen wird mit Ausdauer 'und Energie gearbeitet. In dieser friedlichen Stimmung läßt nichts' die Nähe des wilden Sturmes ahnen, der alle Hoffnungen zunichte machen und das ganze Leben so radikal umgestalten sollte. Den Umschwung bewirkte der Antisemitismus, das ist der alte Judenhaß, der sich in Berlin neu herausstaffierte, einen neuen Namen sich beilegte und mit alten, nur neuartig polierten Argumenten bewaffnet, am Ende der siebziger Jahre sein Wesen zu treiben anfing. Der Vater der «.Pogrome ist nicht Pobiedenoszew, sondern S t ö c k e r. In Rußland hielt man immer die Augen auf Deutschland gerichtet. Was hier gedacht, gelehrt und diskutiert wurde, das war mustergiltig. Natürlich ist es viel leichter, sich die Unkultur als die Kultur aus der Fremde anzueignen. Wenn in Berlin hohe geistliche Würdenträger, Gelehrte, Politiker, Universitätsprofessoren ernstlich die Frage aufwerfen durften, ob nicht den Juden die ihnen seit einem Jahrzehnt gesetzlich gewährte, von den führenden Geistern und Schichten aber seit einem Jahrhundert als selbstverständlich erachtete volle Gleichberechtigung zu entziehen und sie unter Fremdenrecht zu stellen, oder des Landes zu verweisen, oder gar von neuem in ein Ghetto zu sperren seien, so war für ^Rußland der Zwang, sich zu schämen, verschwunden. Man durfte fortab allen Instinkten die Zügel schießen lassen. Nun ist der Deutsche infolge einer zweihundertjährigen Zucht, infolge seines hochentwickelten Rechtsinnes und seiner überlegenen Kultur so diszipliniert, daß er sich in großer Anzahl zu einer Rechtswidrigkeit nicht hergeben kann. Nehmen wir das Unmögliche an, es fiele einer Regierung in Deutschland ein, dem Pöbel zu erlauben, die Juden zu plündern und zu morden, so würde sich sofort nach den ersten Versuchen gewiß aus der Mitte des Volkes selber eine scharfe Opposition erheben, die den Ausschreitungen ein Ende machte. Die deutschen Antisemiten setzten sich hin und verlangten Gesetze, regelrecht,, streng nach denVorschriften abgehandelte und rechtskräftig gewordene Gesetze zur Vertilgung der Juden. Vorher wollte sich keiner herablassen, selber Hand anzulegen. Der Russe kennt solche Hemmungen nicht. Seine „schirokaja duscha" wird von den primitivsten Trieben zwischen den schärfsten Gegensätzen hin und her geschleudert. Während die Deutschen debattierten, griff er zum Mordbeil und zur1 Brandfackel. Wozu erst ein geschriebenes Gesetz.? Von hundert Russen würden es ohnehin neunundneunzig kaum zu entziffern verstehen. Die Regierung und Bureaükratie sorgten dafür, daß alle Phrasen der deutschen Antisemiten in Rußland den breitesten Massen genau bekannt wurden. Die deutschen Antisemitenführer, von Stöcker bis zu Ahlwardt, wuchsen sich in Rußland zu Kulturgrößen ersten Ranges, zu den echtesten Trägern deutscher Bildung und Gesittung aus. Stöcker und die Seinen ließen schlau durchblicken, daß Bismarck selbst ihre Bestrebungen begünstigte und förderte, da der Antisemitismus als Abieiter für (die revolutionären Strömungen unter den Massen gute Dienste leisten konnte. Auch das ließen sich die Russen nicht zweimal sagen. Einen solchen billigen und bequemen Abieiter konnten sie ebenfalls brauchen. Durfte Treitschke den rohen Antisemitismus der Frühzeit rechtfertigen oder gar gutheißen als „eine Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen das fremde Element" — welches seit anderthalb Jahrtausenden mit den Deutschen auf demselben Boden lebte, und in Sprache, Kultur und Sitte sich von ihnen kaum merklich unterschied! — wie sollte da das Volksgefühl der Russen zurückbleiben, mit welchen die Juden erst seit einem Jahrhundert in Berührung gekommen waren und denen sie innerlich und äußerlich so unähnlich waren? In Rußland hatte die Bedrückung der Juden überdies eine Bedeutung, von der in Deutschland keine Rede sein konnte, nämlich als Einnahmequelle für das Beamtentum aller Kategorien. Wie die Tschinowniks, Vom Schutzmann bis hinauf zum Generalgouverneur, bei den Juden Gold erpreßten, ist genugsam bekannt. Aber es dürfte wenig bekannt sein, daß der Graf Ignatiew, Ende der achtziger Jahre an der Spitze einer der zahlreichen Spezialkommissionen für die Angelegenheiten der Juden stehend, die polnischen Juden wissen ließ, daß er plane, die Maigesetze und ähnliche schöne Sachen auch dem Königreich Polen zum Geschenk zu machen, aber bereit sei, mit sich reden zu lassen. Die polnischen Juden verstanden den Wink. Einige der angesehensten Männer in Warschau sammelten ein erkleckliches Sümmchen, man sprach von einer Million Rubel, sogar polnischer Hochadel und polnische Großindustrielle beteiligten sich an der Sammlung, und — (das Unheil wurde von Polen labgewendet. Man sieht, was für fruchtbaren Boden die Lehren des deutschen Antisemitismus in Rußland fanden. So ist eben die Saat, die hier gesät wurde, dort blutig aufgegangen. Was hier Theorie blieb, verwandelte sich dort in grauenhafte Praxis. In Deutschland diente der Antisemitismus höchstens als Ablenker, aber nicht gegen die Umsturzbewegungen (ein deutscher Reichskanzler nannte den Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie), wohl aber für das Bedürfnis, zu hassen und weh zu tun, von dem eine gewisse Menschensorte immer beherrscht wird, und das sich an den Juden gefahrlos und bequem ausleben konnte. Den deutschen Juden hat indessen der Antisemitismus sehr wenig geschadet. Er hat höchstens seelisches Unglück angerichtet, Verbitterung und Herzenspein gestiftet, und zwar bei (den Edelsten und darum Empfänglichsten unter den Juden. Er hat lauch durch seine Verlogenheit und haßerfüllte Uebertreifoung und Verallgemeinerung die gesunde Selbstkritik der Juden verzögert und erschwert. Sonst waren seine Wirkungen unbedeutend. In Rußland dagegen brachte er über die Juden grenzenlosen Jammer und Verderben, Schrecken, Zerstörung und Heimatlosigkeit : Die große Wanderung nahm ihren Anfang. Und den Anprall bekamen |die westlichen Länder, vor allem) Deutschland, zuerst zu spüren. Nun droht das Spiel von neuem losgehen zu wollen. Alles, was jetzt gegen die Juden in Deutschland vorgebracht wird, schmeckt wie ein abgestandener, durch ein paar ätzende Gewürzsorten aufgefrischter Aufguß von dem, was vor vierzig Jahren in den antisemitischen Broschüren und Hetzartikeln zu lesen war. In Rußland aber wird man aufbor-

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