Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 4-5 (April-Mai 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage II. Teil
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 Anfang, Verlauf und Ende der ostjüdischen Massen Wanderungen nach dem Westen. 148 Wanderung aus Polen war, nach allem, was wir feststellen können, sehr gering. Die Anzahl der Judeni hatte sich dort fast gar nicht vermindern:; kaum war einige Beruhigung eingetreten, als auch diese Intellektuellenauswanderung aufhörte und sogar eine, wenn auch viel geringere Einwanderung ausi dem Westen wieder einsetzte. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand eine neuartige Intellektuellenemigration nach dem Westen, nämlich die der „Weisheit ssucher" (dorsche chochmah), die nach Deutschland pilgerten, um dort an der Quelle aller Wissenschaft und Kultur zu trinken. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf das letzte Jahr vor demj Krieg dauerte diese ^Emigration an, änderte aber stets ihre Stärke, Tendenz und Richtung. In den, letzten zwei Jahren vor dem Krieg entstand an den deutschen Universitäten eine Bewegung gegen die ausländischen (aber nur jüdischen) Studenten, die zu sehr fühlbaren Beschränkungen führte und nach der Schweiz und Oesterreich (mit Ausnahme von Galizien), sogar nach Frankreich, hinübergriff. Dagegen gab es sogar nach der ersten Teilung Polens eine nicht geringe, wirtschaftlich bedeutsame Wanderung aus Deutschland und aus Oesterreich nach Polen; sie nahm nach der preußischen Okkupation (1793) zu und hielt bis Anfang der dreißiger Jahre an. Dann ruhte sie während der ganzen Regierungszeit Nikolaus!' L, um feof jrt nach dem Krimkriege wieder einzusetzen und bis in die Miitte der achtziger Jahre, nämlich bis zur verschärften, besonders gegen ausländische Juden gerichteten Fremdengesetzgebung unter Alexander III. anzudauern. Während dieser Periode wanderten nach Polen und Rußland aus Deutschland insbesondere Kapitalisten, Techniker, Großkaufleute, Unternehmer aus, die für ihre Tätigkeit ein weites Feld suchten. Von. einer Auswanderung russischer und polnischer Juden nach d e im Westen hörte man all die Zeit gar nichts. Das änderte sich mit einem Schlage seit dem Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Auf die ersten südrussischen Pogrome, die an sich schon eine furchtbare Katastrophe waren, folgten weitere und dazwischen kam die berüchtigte Ignatiewsche Mäigesetzgebung, die sich mit Recht als eine provisorische bezeichnete, da alle folgenden einander an Grausamkeit und Sinnlosigkeit überboten. Tausende und Abertausende jüdischer Existenzen wurden ruiniert, Zehntausenden wurde das Leben Unmöglich gemacht und jede Hoffnung auf Besserung schien vergeblich. Damals begann die große Wanderung jüdischer Massen nach dem Westen, die größte, welche die jüdische Geschichte kennt, und dauerte bis zum Kriege fort. Es soll damit durchaus nicht gesagt werden, daß in der vorigen Epoche gar keine Juden aus dem Osten nach dem Westen kamen. Es kamen ihrer welche, allerdings nur in verhältnismäßig geringer Anzahl, aber die kamen, waren immer sehr willkommen. Es waren zunächst reiche Kurgäste, die die Kurorte und Sommerfrischen, die Hotels und Kaffeehäuser, die Wartezimmer der berühmten Aerzte füllten; es waren JCaufleute und Plandelsagenten, die die großen Be- Stellungen machten. Es waren schließlich Rentner, die in abendländischer Atmosphäre ihre großen Einkünfte verzehrten. Den Opfern der ersten Pogrome, die durch Deutschland gejagt wurden, kamen 'nicht nur die Juden, sondern zum Teil auch die Christen mit einer großartigen Hilfsbereitschaft entgegen. Es war der Protest der Humanität gegen die Barbarei. Erst als die Weisheit und der Weitblick der russischen Regierung nicht nachließ, und die Pogrome mitsamt ihren Folgen, der Massenemigration, nicht aufhörten, da fing man in Deutschland an, die Ein- und Durchwanderer mit scheelen Augen anzusehen und die preußische Regierung sah sich veranlaßt, die oben erwähnten scharfen Bestimmungen für die nächstbe- Idrohte Provinz, Ostpreußen, zu erlassen. # * * Nun verlohnt es sich aber, zu fragen: was hat im Jahre 1882 den plötzlichen Umschwung in der Lage der Juden Rußlands herbeigeführt? Vergebens sucht man nach einer organischen) Ursache, sozialer, politischer oder wirtschaftliche^ Natur, die den jähen Ausbruch der Pogrome erklären könnte. Nicht die geringste Aenderung war eingetreten, die die Lage der Ostjuden in ihren Wohnorten unhaltbar oder diese für die christliche Bevölkerung unerträglich gemacht hätte. Es1 war nichts als ein Auflodern der niedrigsten Masseninstinkte, vor denen die Hemmungen entfernt und die noch dazu von kräftiger Hand aufgepeitscht wurden. Die lussische Bureaukratie hatte planvoll und zielbewußt den Pöbel — und dieser reicht in Rußland viel höher hinauf als anderswo — auf die Juden gehetzt. Solche Instinkte schlummern mehr oder minder tief in den Menschen, überall können sie geweckt werden, hier mit einem größeren, dort mit einem geringeren Kraftaufwand. Bei den Russen sind sie primitiver, brutaler, roher und blutgieriger, als anderswo, und es bedarf nur des leisesten Anstoße^ nur der Lockerung der niederhaltenden Macht, um sie zum Ausbruch zu bringen. (Man vergesse auch nicht, daß die weitaus meisten Pogrome in Südrußland, d. h. in, der Ukraine, veranstaltet wurden; die ausführenden Organe waren die Nachkommen Chmielnikis und seiner Kosaken, die um die Mitte des 17. Jahrhunderts und jspäter oft noch die bekannten Metzeleien an den Juden in Polen vollführt und von jeher Tradition und Uebung in der Sache hatten.) Aber die Juden in Rußland selber waren von den Pogromen überrascht und entsetzt. Die ganze Regierungszeit Alexanders II. war von liberalem Geist getragen. Die Verwaltung war immer milder, von den drückenden Vorschriften wurden immer mehr Ausnahmen gemacht. Rußland europäisierte sich langsam, die Juden wurden immer mehr in das Getriebe des erstarkenden wirtschaftlichen Lebens hineingezogen, die Grundsätze des europäischen, namentlich des deutschen Humanismus gewannen allmählich die Oberhand, die alte, eingewurzelte religiöse Intoleranz trat zurück. Män hielt es für uneuropäisch und unzivilisiert, nach den alten barbarischen Grundsätzen zu regieren, man sdhämte sich der rückständigen Anschauungen, deren Ausdruck unter anderem die Bedrückung der Juden war. Es hatte den Anschein, als sollten alle diese Ueberbleibsel der Vergangenheit stufenweise hinweggeräumt werden, um Rußland dem übrigen Europa anzugleichen. Es ist interessant, in den hebräischen Zeitungen und sonstigen Publikationen der russischen Juden aus dem letzten Jahre vor den Pogromen zu blättern. Ueberall herrscht eine ruhige Zuversicht,; eine ver-