Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Kriegsliteratur [Rezension]
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 143 - 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584063--16119-2597231- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
143 Kriegsliteratur 144 kannten Münchener Philosophen und Pädagogen Prof. Dr. Fr. Wilh. Förster, der vom christlichen Standpunkt denselben Gedanken, vertritt und gegen den Dünkel und die Völkerverhatzung ins Feld zieht. Dem Umfange nach dürftiger ist die Chainukkagabe für 1915 ausgefallen, aber qualitativ ist sie nicht minder wertvoll. Das Heft eröffnet eine meisterhafte Paraphrase des Chanukkaliedes von Dr. Paul Rieger, schlicht und klangreich, von einem ehernen und zugleich anmutigen Rhythmus, ganz zum Singen einladend. Den Schluß bildet ein schönes, tief empfundenes, von reiner Frömmigkeit durchhauchtes „Gebet vor der Schlacht" von dem verewigten Jon Leh man n. Dazwischen liegt eine vortreffliche soziologische Skizze „Die Kraft der Wenigen" von Feldrabbiner Dr. L. Baeck, dessen Berichte aus dem Felde mit zu den besten Erzeugnissen der Kriegsliteratur gezählt werden müssen, ferner Auszüge aus den Büchern der Makkabäer. Tausende und Tausende, daheim und im Felde, werden für diese Gaben deren Bringer, den Verband der deutschen Juden, segnen. Unzähligen hat er in arger seelischer Bedrängnis, durch das gesprochene und das gedruckte Wort Trost zu spenden ermöglicht, ihnen die unerschöpflichen geistigen Hilfsquellen des Judentums sprudeln lassen, und Gott allein mag wissen, wieviele vor Abfall bewahrt. — Es gibt auch eine Kriegsliteratur besonderer Art, die man eher Friedensliteratur mitten im Kriege nennen möchte. Dazu gehört ein Vortrag des Frankfurter Rabbiners D,r. Caesar Seligmann ,,Völkerhaß und Menschenliebe"1), gehalten im Auftrage des Ausschusses für „Volksvorlesungen" zu Frankfurt a. M. vor einem interkonfessionellen Publikum. Voll Mut, Herzenswärme und Geist tritt der Verfasser dafür ein, daß man mitten im Wogen des Völkerhasses der Menschenliebe nicht vergesse. „Die deutsche Selbstzucht soll den größten Sieg im Jahre des großen Weltkrieges erringen, den Sieg der Menschenliebe gegen den Völkerhaß." Zum Schluß wird ein Gedicht Max von Schenkendorfs, des edlen Dichters der Freiheitskriege, angeführt, dessen letzte Strophe sich *) Verlag von Auffarth, Frankfurt a. M. wie ein Zitat aus dem Talmud anhört: Aber einmal müßt ihr ringen Noch in ernster Geisterschlacht Und den letzten Feind bezwingen, Der im Innern drohend wacht, Haß und Argwohn müßt ihr dämpfen, Geiz und Neid und böse Lust..... Erwähnt sei, daß ein christlicher Zuhörer von dem Vortrag des Rabbiners so erbaut war, daß er ihn auf eigene Rechnung in zehntausend Exemplaren drucken und verteilen ließ. Ein schöner Beweis dafür, daß im Getöse des Krieges die Stimmen der Menschlichkeit nicht ganz zum Schweigen gebracht worden sind. Einen Ton warmer und großzügiger Humanität hören wir aus der Schrift von Professor Karl Joel „Neue Weltkultur"3) heraus. Hier spricht ein erlesener Kulturmensch zu uns, ein Temperament voll Kraft und Gemüt, ohne eine Spur von Weichlichkeit, ein Mann, der alle Geistesschätze des Europäers mit tiefster Seele erfaßt und liebt. Sein Weltbild der Zukunft ist voll gesunden, herben, auf strengster Folgerichtigkeit aufgebautem Optimismus. Er erhofft nicht einen faulen, sondern einen tätigen, schöpferischen Völkerfrieden. „Völker sind Instrumente, die sich in der Stimmführung ablösen, — sagt Goethe.*' Diese sinnige Auffassung von der Welt der Völker als einem großen Chor, als einer Symphonie, findet sich auch im Midrasch, und ist sogar in das jüdische Volkssprichwort übergegangen. „Sind darum die anderen Stimmen zu totem Schweigen verurteilt oder zu leerem Echo und sklavischer Resonanz? Nein, dem Deutschen gerade wird die Weltgeschichte musikalisch als Symphonie erscheinen, die bei allem Hervorheben des Einzelnen doch vor allem das Ganze schwingen läßt und in jedem nach seiner Weise.4' Einen Monat früher hat hier der Philosoph Joel denselben Gedanken ausgesprochen, den der Reichskanzler in seiner denkwürdigen Reichstagsrede als Programm der künftigen deutschen Politik verkündet hat: den kleinen Völkern Freiheit anstatt Unterdrückung zu bringen. 3) Zehn deutsche Reden, herausgegeben von Axel Ripke» Verlag Kurt Wolff, Leipzig. Kriegsanleihe und Bonifikationen. Die Frage, ob die Vermittlungsstellen der Kriegsanleihen von der Vergütung, die sie als Entgelt für ihre Dienste bei der Unterbringung der Anleihen erhalten, einen Teil an ihre Zeichner weitergeben dürfen, hat bei der letzten Kriegsanleihe zu Meinungsverschiedenheiten geführt und Verstimmungen hervorgerufen. Es galt bisher allgemein als zulässig, daß nicht nur an Weitervermittler, sondern auch an große Vermögensverwaltungen ein Teil der Vergütung weitergegeben werden dürfe. War dies bei den gewöhnlichen Friedensanleihen unbedenklich, so ist anläßlich der Kriegsanleihen von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß bei einer derartigen allgemeinen Volksanleihe eine verschiedenartige Behandlung der Zeichner zu vermeiden sei und es sich nicht rechtfertigen lasse, den großen Zeichnern günstigere Bedingungen als den kleinen zu gewähren. Die zuständigen Behörden haben die Berechtigung dieser Gründe anerkennen müssen und beschlossen, bei der bevorstehenden vierten Kriegsanleihe den Vermittlungsstellen jede Weitergabe der Vergütung außer an berufsmäßige Vermittler von Effektengeschäften strengstens zu untersagen. Es wird also kein Zeichner, auch nicht der größte, die vierte Kriegsanleihe unter dem amtlich festgesetzten und öffentlich bekanntgemachten Kurse erhalten, eine Anordnung, die ohne jeden Zweifel bei allen billig denkenden Zeichnern Verständnis und Zustimmung finden wird-