Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Kriegsliteratur [Rezension]
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 141 - 142 (sequence 1)
- Language
- German
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141 Kriegsliteratur 142 KRIEGSLITERATUR. Dem „V c r b a 11 d der deutschen Juden" werden nicht nur die Juden Deutschlands, sondern die der ganzen Welt nicht genug Dank wissen können dafür, daß er die geistliche Fürsorge für die jüdischen Soldaten im Felde mit so hingebungsvoller Treue und solch unermüdlichem Eifer organisiert hat. Seinen Anregungen ist es in erster Reihe zu danken, daß die Armeeleitung einerseits und die jüdischen Gemeinden andererseits die Notwendigkeit eingesehen haben, jeder Armee einen Feldrabbiner beizugeben. Man hat hüben und drüben darüber gelächelt. Man fand es einerseits rückschrittlich und andererseits radikal, ja sogar „assimilatorisch", eine' Nachahmung fremder Sitte, daß jüdische Rabbiner wie christliche Geistliche das Heer begleiten, um bei den jüdischen Kriegern die „Seelsorge" auszuüben. Der Verband der deutschen Juden, der die Sache in die Hand genommen hatte, ließ die Kritiker kritisieren und tat, was die Stunde von ihm forderte. Freilich übt der Rabbiner im religiösen Leben des Juden keineswegs gleiche Funktion wie der Geistliche in dem der christlichen Gemeinschaft. Letzterer ist Priester, ersterer ist}, wie sein Titel besagt, Lehrer. Der Priester ist mit Vollführung der religiösen Handlungen betraut, die ohne seine Mitwirkung überhaupt keine Giltigkeit haben und null und nichtig sind. Im Judentum gibt es derartiges nicht. Der Rabbiner ist nur primus inter pares, er ist der Fachmann, den seine Studien dazu befähigen, die anderen zu belehren und zu leiten. Er hat keine Vorrechte, sondern, nur größere Pflichten. Priester wird man durch Empfang von Weihen, Rabbiner, sehr prosaisch und bürgerlich, durch Ablegen einer Prüfung. Der Rabbiner ist in einem gewissen Sinne auch Vertreter der jüdischen Gemeinde, den sie mit dem Vollzug gewisser ihr obliegender Tätigkeiten betraut hat. Und eben als Vertreter der jüdischen Gemeinde, richtiger der jüdischen Gemeinschaft, ist es gut, daß er auf dem Schlachtfeld anwesend ist, damit die jüdischen Soldaten in den erhebenden, sowie in den schrecklichen Stunden des Kriegsgetümmels wissen, daß ihre Gemeinschaft in der Person ihres Vertreters bei ihnen ist und ihnen in den seelischen Nöten beisteht. Es ist eine Freude und eine Genugtuung, daß die jüdische Gemeinschaft — was vor hundert Jahren noch unmöglich war — in der Person der Feldrabbiner eine stattliche Reihe hochgebildeter, weltkundiger Männer ins Feld hat schicken können, die, fest im Judentum wurzelnd, das Judentum würdig zu repräsentieren vermögen; sowohl den jüdischen. Soldaten gegenüber, von denen so mancher nie im Leben ein „jüdisches Wort*' zu hören bekam, wie den christlichen Kameraden, Mannschaften wie Offizieren, und nicht zuletzt den christlichen Feldgeistlichen gegenüber, die vielleicht nie zuvor Gelegenheit hatten, mit einem Juden in nähere Berührung zu kommen, und nun eine ganz andere Art von Juden kennen lernen müssen, so ganz verschieden von dem Bild, das in ihnen von altersher lebt. Und den Feldrabbinern andererseits bietet sich Anlaß, die jüdischen Soldaten, ihre Art und ihr Wesen, zu beobachten und so das jüdische Naturell von einer neuen Seite kennen zu lernen, im Vergleich und im Zusammenwirken mit ihren Kameraden anderen Stammes. Nicht ohne Neid denkt man an die reichen psychologischen Erfahrungen, die diese Männer sammeln werden. Die Berichte, die die deutschen Feldrabbiner bisher an ihre Gemeinden gesandt haben, bilden denn auch eine wahre Bereicherung der jüdischen Literatur. Gesammelt, vermehrt und ergänzt, werden sie einst merkwürdige Dokumente zur Geschichte unserer Zeit und zur Kenntnis der jüdischen Seele bieten. Der Verband der deutschen Juden hat viermal den jüdischen Soldaten literarische Gaben ins Feld geschickt. Man muß sagen, daß diese bescheidenen Hefte es verdienen, auch daheim von Nichtkämpfern gelesen zu werden; und gewiß wird noch 'lange nach dem Kriege so mancher nach ihnen greifen. Da ist zuerst der „Gruß zum Chanukkafest 1914". An der Spitze der herrliche Psalm 144, wahrscheinlich ein Kriegsgesang aus der Makkahäerzeit. Mancher Vers wie eigens für die jetzige Zeit gedichtet: Gepriesen sei der Herr, mein Hirt, der meine Hände zum Kampfe gewöhnt hat, meine Finger zum Streite..... Der Mensch gleicht dem Hauche, seine Tage dem schwindenden Schatten. . . . Strecke deine Hand aus der Höhe, reiße und rette mich aus der gewaltigen Flut, aus der Hand der Fremden, deren Mund Falschheit redet, und deren Rechte sich zur Lüge hebt. In einer schönen und warmherzigen Skizze erzählt Rabbiner Dir. Bergmann in Berlin die Makkabäergeschichte. Meisterhaft knapp und klar ist die Darstellung, die große Zeit und ihre Kämpfe treten lebendig vor die Seele des Lesers. Wie schön und stolz klingt das Wort Jehudas: „.Unsere Feinde kommen zu uns voller Frevel und Uebermut, um uns hinwegzuräumen und Unser Vaterland zu zerbrechen. Wir aber kämpfen für unser Recht und unsere Heimat/4 Es folgen Stücke aus der Bibel und aus der modernen Literatur, die sich zu einem stimmungsvollen Ganzen vereinen. Nicht minder geschmackvoll ist der „Passah-Gruß" aus biblischen Stücken und aus Kapiteln der Haggada und modernen Beiträgen zusammengesetzt. Hier zeichnen sich die schöne Uebersetzung des 35. Psalms von Dir. Paul Rieger und die geistvolle Studie „Freiheit" von Dir. .Emil Cohn besonders aus. — Zu den, hohen Herbstfeiertagen sandte der Verband ein kleines, sehr geschmackvolles und feinsinnig zusammengesetztes Gebetbuch ins Feld. Dem hebräischen Text ist eine treffliche deutsche Uebersetzung beigegeben. Außerdem ein Heft, enthaltend zwölf Studien und Skizzen der Feldrabbiner über verschiedene Gegenstände nebst einigen alten hebräischen Liedern in schöner deutscher Uebersetzung. Auf welcher Höhe sich diese kleinen, inhaltreichen Studien bewegen, davon möge die Skizze über die ,j,Auserwähltheit" von Dir. Emil Levy Zeugnis ablegen. „Uns Juden war und ist die Auserwähltheit nicht Lohn, sondern Aufgabe, stete Gewissensarbeit, kategorischer. Imperativ, dauernde Mahnung zur Reinheit und Sittlichkeit." „Denn jedes Volk ist im gewissen Sinne „auserwählt", hat seine beisonderen Anlagen und Fähigkeiten, die es zum ^Heil der Welt in Schöpfungen umsetzt." Der Verfasser begegnet sich hierin mit dem rühmlich be-