Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 135 - 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-02-01
Page
Seite 135 - 136 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584063-2597175--16111-2597227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

135 Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. 136 Augen, zeugten von Fieber oder schwerer Erkältung*). . . . * # * Nicht die Juden allein beglückte Nikolaus I. mit diesem Svstem, auch die Polen «bekamen eine Zeitlang davon zu verspüren. Nach der Niederwerfung1 des Aufstandes von 1831 wurden die polnischen Soldaten auf das Grausamste durch Spießrutenlaufen u. dgl. gepeinigt, die Güter der Polen konfisziert, ihre Jugend zu Zehntausenden in Ketten etappenweise nach Sibirien verschickt und dort in den Bergwerken und durch den ewigen Winter zu Tode gequält. Aber auch an den Kindern kühlte Nikolaus sein Mütchen. „Am 19. Februar 1832 gab der Stabschef der Militärkolonien, General Tolstoj, dem Statthalter von Polen, dem berüchtigten Paskiewicz, bekannt, daß der Zar befohlen habe, die verlassenen, verwaisten -und, obdachlosen Kinder im ganzen Königreich aufzusammeln und nach Minsk zu bringen, wo der dortige Garnisonchef sie übernehmen, sie in Kantonistenbataillone, unterbringen, und dann laut Anordnung des Stabschefs den Abteilungen in den Militärkolonien zuweisen werde. Mit echt moskowitischer Tücke ließen nun die Behörden austrommeln, daß alle unterstützungsbedürftigen Kinder sich melden sollten. Die versammelten Kinder wurden einfach gefangen genommen. Wenn Eltern oder Verwandte protestierten, wurden 'sie in Ketten gelegt und wegen Widerstands gegen die Behörden vor Gericht gestellt. Eine solche Szene, die sich am 17. Mai 1832 abgespielt hat, schildert ein Augenzeuge folgendermaßen: „Es war ein kalter und regnerischer Tag, die Straßen waren menschenleer. Gegen ein Uhr vernahm man ein ungewöhnliches Getöse, Pferdegetrampel vermischt mit jammernden Frauenstimmen. Es war eine Karawane mit geraubten, Kindern, die von' der Alexanderkaserne zur Stadt hinauszog. Wer daheim etwas an Nahrungsmitteln', Kleidungsstücken oder Geld besaß, trug es hinaus und warf es in die Wagen und gab es den armen Wesen, die den Eltern und dem Vaterlande für immer entrissen wurden. Die ihren Kindern nacheilenden Mütter warfen sich unter die Räder der Wagen, andre versuchten, die Pferde aufzuhalten. Allgemeines Jammern, laute Flüche, die aber vorläufig fruchtlos blieben . . . Auf dem Lande verbargen sich die Bauern mit ihren Kindern in den Wäldern und führten um ihre Sprößlinge förmliche Schlachten mit den Kosaken. Das Schicksal der geraubten Kinder war furchtbar. Man behandelte sie wie Verbrecher. Der geringste Widerstand wurde unbarmherzig mit Knutenhieben bestraft. Bis zur Grenze des Königreichs durften sie Wagen benutzen, weiterhin aber mußten sie zu Fuß gehen. Von den paar ersten, nach Bobruisk gesandten Transporten langten nur 115 an, 335 starben unterwegs ioder verkümmerten in den Spitälern. Die in Bobruisk angelangten waren die größeren, aber sie waren körperlich ganz herab- *) Noch in den Achtziger Jahren kam es vor, daß manche Gemeinde einem ehemaligen Kantonisten, der vor mehr als 30 Jahren in ihren Grenzen eingefangen wurde und für einen ihrer Angehörigen dienen mußte, eine Summe Geldes gab oder sonst für ihn sorgte, und so seine Vergebung des durch die vorige Generation begangenen Unrechtes erkaufte. Dagegen haben ehemalige Kantonisten, die zu Reichtümern gelangt waren, in den Gemeinden, die einst an ihnen gefrevelt, wohltätige Stiftungen für Waisen, Volksküchen, u. dgl. errichtet. gekommen, mit Ungeziefer bedeckt, die Köpfe von einem abscheulichen Grind überzogen. Alle mußten ins Spital abgeliefert werden. Die meisten dieser Kinderscharen verschleppte man nach Sibirien. Unterwegs wurden die Zusammenbrechenden ihrem Schicksal überlassen, indem man Brot für drei Tage neben sie hinlegte. Leute, die aus Sibirien zurückkehrten, fanden unterwegs zahlreiche kleine Leichen, neben dem unberührten Brot zusammengekauert. Es kommt häufig vor, daß ein Transport erwachsener polnischer Verschickter auf dem Wege in die sibirische Verbannung noch lebende Kinder findet und sie mit sich nimmt. Polnische 'Edelleute, die schwere Ketten nach sich schleifen, laden die gefundenen Kinder auf ihre Schultern. Die unterwegs starben, hatten ein glückliches Los gewählt, sie waren einer langen Kette höllischer Qualen entgangen." Limanowski erzählt: „In meiner sibirischen Verbannung begegnete ich mehreren Kantonisten. Man konnte nicht ohne tiefe Rührung und Zorn ihre Schilderung von den überstandenen "Qualen hören. Ihre Muttersprache hatten sie vergessen, aber ihrer polnischen Abstammung waren sie sich bewußt und sie hegten im Herzen einen schrecklichen Haß gegen ihre Verfolger. Der Zarismus hat keine Janitscharen aus ihnen gemacht, aber aus ihrem Blut und ihrem Geist erstehen fürchterliche Rächer." Diese Schilderung paßt ganz auf die jüdischen Kantonisten. Den Polen gegenüber mußte Nikolaus alsbald diese Politik einstellen, die am Ende doch das Mißfallen Europas erregen konnte, den Juden gegenüber brauchte er sich nicht zu genieren. Das System dauerte bis zu seinem Tode (2. März 1855). Während des Krimkrieges gab es zwei Aushebungen in Rußland. In Westrußland mußte die nichtjüdische Bevölkerung 19, in Ostrußland 9 Rekruten vom Tausend der Bevölkerung stellen, die Juden dagegen 30 vom Tausend. Die Juden taten selbstverständlich, wie oben erwähnt, alles, was in ihrer Kraft lag, um ihren männlichen Nachwuchs diesem Militärdienst zu entziehen. Darunter litt natürlich die — Statistik. Der russische Generalstabsoberst Zelenskij (zitiert bei Kerzen) bemerkt in seiner Beschreibung des Gouvernements Minsk mit Schmerz, daß es ihm nicht möglich war, aus den Matrikeln ein klares Bild von der Zahl der innerhalb der genannten Periode geborenen und verstorbenen jüdischen Personen zu gewinnen. Natürlich nützten den Juden, alle solche Kunststücklein nur wenig, da die Schergen und die Häscher sich um die Matrikel nicht kümmerten. Sobald die Knaben sich dem 8. Lebensjahre näherten, wurden sie massenhaft über die Grenze geschafft, nach der Moldau und der Wallachei (wie dazumal das heutige Rumänien hieß), dann nach der .Bukowina und hauptsächlich nach Polen und Galizien. Die Kinder wurden auf Wagen verladen und herübergeschmuggelt, wobei es über 'unwegsame, öde Gegenden, über Wälder und Flüsse ging". Auf der galizischen Seite organisierten die jüdischen Gemeinden einen regelrechten Dienst, zu dem die Mittel aus eigenen Spenden auf „pidjon schebujim" (Lösegeld für Gefangene) aufgebracht wurden, beherzte und handfeste Männer widmeten sich diesem äußerst gefährlichen Dienst, und brachten, oft mit eigener Lebensgefahr, die Kinder nach Galizien herüber, wo die Gemeinden oder kinderlose Familien sie in Obhut nahmen. Die an der russischen Grenze begüterten polnischen Edelleute halfen den Juden mit schöner Teilnahme dabei. Be-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.