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Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 133 - 134

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-02-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 6)
Language
German
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133 Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. 134 mit drei, herangezogen wurden. Durch dieses System wurden die Häuser derselben Familie gegeneinander aufgestachelt und zur gegenseitigen Denunziation erzogen. Oft wurde Haß und Groll unter Brüdern gesät Noch schlimmer kam es im Jahre 1853. Da wurde nämlich ein Ukas erlassen; der alle nicht mit Pässen versehenen Juden für vogelfrei erklärte, deren sich jeder bemächtigen und für einen seiner Angehörigen als Soldat „abgeben" durfte. Den Gemeinden stand es frei, „fremde" Juden, die sich ohne Paß bei ihnen aufhielten, abzufangen und als Vertreter für die Ihrigen der Behörde auszuliefern. Es entstanden unter der Aegide der Regierung Banden von Häschern, am Volksmunde Chappers*) (russisch: lowzy, hebräisch: chotphim oder chatphanim) genannt, bestehend ausabgestraften Verbrechern, gewerbsmäßigen Denunzianten' u. dgl., die auf paßlose Juden Jagd machten und sie den Militärbehörden zuführten. Sie erhielten für den Kopf 30 bis 40, oft auch bis 70 Rubel. Alte, Schwächliche, Kranke, alle galten gleich. Besonders hatten sie es auf die kleinen Knaben von acht Jahren abgesehen, die ja seit 1850 militärpflichtig waren. Die Chapper traten, ähnlich den heutigen Mädchenhändlern, in verschiedenen Vermummungen auf, meist als ehrenwerte, streng fromme, ganz nach alter Mode, in langen Kaftanen und Pelzmützen angetane würdige Männer, mit langem Bart und Schläfenlöckchen. Sie machten sich an die kleinen Knaben heran, die sie durch Leckerbissen und Spielzeug an sich lockten, paßten den erwachsenen Männern auf, die sich ohne Paß aus ihrem Wohnort entfernt hatten, häufig nahmen sie mit Gewalt die Pässe weg und vernichteten sie, oft fingen sie auch Kinder unter 8 Jahren, und beschworen, daß diese ihnen gestanden hätten, das achte jähr überschritten zu haben **). Die Opfer wurden den Lokalbehörden abgeliefert, unter deren Schutz die „Chapper" standen, so daß der Volkszorn ihnen nichts anhaben konnte. Das alles klingt heute wie ein Märchen, so daß man es einfach nicht glauben würde, wenn wir nicht eine Fülle von zeitgenösischen Zeugenschaften hätten. Auf den bekannten Erzähler und Sittensohilderer Jakob Abramowitsch (Mendele Mocher Seforim), der die Zeit als junger Mann miterlebt, machte sie einen so unauslöschlichen Eindruck, daß fast alle seine Erzählungen von diesen Vorgängen förmlich beherrscht sind. Man durfte in Rußland über diese Epoche bis in die neuere Zeit nicht ganz ausführlich schreiben. Seit einigen Jahren sind Erinnerungen von Kantomisten erschienen, viele, mündliche Ueberlieferungen wurden aufgezeichnet, zu Erzählungen verwendet und in Gedichten poetisch dargestellt. (So u. a. von Smolenski, Jakob Kahan, Jehuda Steinberg, Ben-Ami.) Manche dieser Schilderungen erregen dieselbe Stimmung wie Dostojewskis Memoiren aus dem Totenhaus. Wir sehen da den Kampf der Mütter gegen die „Chapper" und deren Schergen, wir sehen, wie die Kinder geknebelt und in die Wagen geworfen und dann den un- *) Von chappen fassen, ergreifen; stammt aus dem Romanischen, französisch: happer. **) Am meisten fielen ihnen schutzlose Kinder, Waisen u. dgl. zum Opfer. Es gab auch ,,Chapper", die diesen Beruf nur zum Schein ausübten, und die bedrohten Familien warnten, damit sie ihre Knaben rechtzeitig in Sicherheit brachten. Solchen widmete das Volk ein ehrendes Andenken. endlich weiten Weg bis gen Sibirien verschleppt werden. Bogrow schildert in seinen „Memoiren eines Juden" eine selbsterlebte grauenhafte Szene, wie ein zehnjähriger Knabe just an einem Sederabend aus den Armen seiner Eltern entrissen wird. Sobald er die Türe aufmacht, um den Propheten Eliah zu begrüßen, der nach dem schönen jüdischen Kinderglauben an diesem Abend in jedes jüdische Haus kommt, dringen die „Chapper" mit Polizisten ein, und packen den Knaben, während alle Anwesenden starr vor Entsetzen bleiben und die Mutter in Ohnmacht fällt. Das Los des 'jüdischen Soldaten schildert Bogrow mit folgenden Worten: „Er konnte auf Treu und Glauben dienen, konnte anstellig, ehrlich, willig und pflichttreu sein, es half alles nichts, er blieb im grauen Mantel des Offiziersburschen oder mußte seine fünfundzwanzig Jahre als Trommelschläger oder Trompeter abdienen, wozu noch einige Jahre mit in den Kauf kamen, 'um dann als invalider Bettler, stumpf und verwildert, ohne Dach und Fach und Existenzmittel zu seiner oder einer (anderen jüdischen Gemeinde zurückzukehren." — „Jede Mutter, deren Kind zu den Soldaten genommen wurde, betete zu Gott, daß er ihm' einen schnellen Tod schicke." Alexander Herzen schildert in seinen Erinnerungen eine Szene aus dem Leben der jüdischen Kinder-Soldaten, wie folgt: „Im Jahre 1835 traf er in der Poststation eines abgelegenen Dorfes im Gouvernement Wiatka einen Etappenoffizier. Er erkundigte sich nach dessen Reiseziel. „Sehen Sie," antwortete der Offizier, „man hat da eine Partie dieser verfluchten, kleinen Jüdchen von acht oder neun Jahren aufwärts zusammengepeitscht. Anfangs befahl man, sie nach Perm zu treiben, aber die Route wurde geändert, wir treiben sie nach Kasan. Hundert Werst zurück wurden sie mir übergeben, mein Vorgänger sagte: Nur Scherereien hat man mit diesem Pack, weiter nichts. Der dritte Teil, wissen Sie, ist unterwegs geblieben {der Offizier zeigte mit dem Einger auf den Erdboden). Nicht die Hälfte wird den Bestimmungsort erreichen." Herzen fragte ihn tief erschüttert, was das für eine plötzliche Krankheit wäre, die die Knaben so massenhaft hinwegraffte. Der Offizier antwortete: „Das ist gar keine Krankheit, aber sie sterben!wie die Fliegen dahin. Das Jüdlein, wissen Sie, ist schwächlich, unfähig, zehn Stunden hintereinander durch den Kot zu waten und dabei nichts (anderes zu sich zu nehmen, als hartes Soldatenbrot. Und lauter fremde Menschen ringsum, weder Vater, noch Mutter, keine Zärtlichkeiten. Na, das hustet dann tein wenig, dann beißt es ins Gras. — Ach ja, nur Scherereien hat man in solchem Dienst," seufzte der Offizier. „Man kommandierte die Kleinen herbei und stellte sie in Reih und Glied auf. Das war eines der schrecklichsten Schauspiele, die ich je gesehen. Die armen, armen Würmer! Die 12- und 13-jährigen konnten sich noch einigermaßen halten. Aber die S- bis 9-jährigen! . . . „Kein Malerpinsel wäre imstande, das Grauenhafte dieses Anblicks wiederzugeben. Bleich, zu Tode erschöpft, mit erschrockenen Gesichtern standen siei in ihren groben, schweren Soldatenmänteln da, und ihre hilflosen, jammervollen Blicke wandten sich den Garnisonsoldaten zu, die sie Irnit groben Schreien und brutalen Rippenstößen in eine Ischnurgrade Linie ordneten. Dieblauen Lippen, die dunkelgeränderten

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