Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 127 - 128 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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127 Die Juden in Rußland un!er Nikolaus I. 12S Juden in Odessa zum Tode verurteilt, weil sie vor der Pest ins Ausland fliehen wollten. Nikolaus! änderte die Todesstrafe mit folgender Begründung ab : „Die Schuldigen sollen Spießruten laufen, tausend Mann, zwölfmal! Gott sei Dank, die Todesstrafe gab es bei uns nicht, und ich will sie nicht einführen:" Solche Gnadenakte übte er häufig nicht nur gegen Juden. Natürlich starben die Gestraften unter den Streichen der Soldaten, auch ohne Todesurteil. So war <der Mann beschaffen, der die Juden Rußlands der Kultur zuführen wollte. Der Graf Uwarow, der unter ihm 1833—1849 Unterrichtsminister war, kündigte bei seinem Antritt den Kuratoren der Lehrbezirke als sein Programm an, „dahin zu wirken, daß die Bildung der Nationin dem vereinten Geiste der Orthodoxie, Autokratie und Nationalität vor sich gehe." Das war das be-' rtichtigte Programm der „drei Einheiten": ein Glaube, ein Zar, ein Volk. Alle Bewohner Rußlands sollten zur Orthodoxie und zum Großrussentum „erzogen", und jede Regung des Widerstandes! gegen den Absolutismus brutal unterdrückt werden. Wie der Zar die Philosophie, so haßte Uwarow die Literatur. Ihre zahmsten Repräsentanten wurden mit schweren Kerkerstrafen, Sibirien usw. bestraft. Der Unterrichtsminister, der auch Präsident der Akademie war, äußerte allen Ernstes den Wunsch, die russische Literatur möchte überhaupt aufhören! Wenn nun derselbe Uwarow die „Aufklärung" der Juden fördern wollte, so ist es klar, daß er damjit nur die „Unifizierung Rußlands in religiöser Beziehung" im Auge haben konnte. Daß Isaak Ber Levvynsohn dem er zum Lohn für seine schriftstellerische Tätigkeit einen Brillantring vom Zaren verschaffte) von den besten Absichten Üwarows überzeugt war und Abraham Mapu ihn sogar andichtete und mit einem hebräischen Wortspiel seinen Namen als „Wolkenzerstreuer" deutete, zeugt nur für die Weltfremdheit dieser beiden Schriftsteller: ein gnädiges Lächeln des Ministers genügte, um sie zu verblenden. Sie sahen für die Juden eine glückliche Epoche heranbrechen. Es sollten besondere jüdische Schulen geschaffen werden, mit einem ganzen Apparat von Beamten, Aufsehern und Direktoren, deren, höhere und bestbezahlte Sprossen sämtlich von Christen oder getauften Juden besetzt wurden; die Mittel dazu sollten aber die Juden selber aus einer unermeßlich drückenden Koscherfleisch- und Lichtersteuer bestreiten. (Letztere sollte von jedem zu rituellen Zwecken angezündeten Licht, wie Sabbat-, Chanukka- und Fiabdalah - Kerzen;, Fackeln bei Hochzeiten, Jahrzeitlämpehen u. dgl entrichtet werden.) Zum „Minister für jüdische Volksaufklärung" wurde Dr. M. Lilienthal ernannt, der aus Südbayern stammte und in Riga als Lehrer wirkte. In Deutschland interessierte man sich leidenschaftlich für die Sache und einige Jahre lang waren hier die jüdischen Zeitungen voll von der großen Aktion Lilienthals, der als ein Herold der europäischen Kultur im Osten dastand, als ein .Missionar des geläuterten Judentums, und zum Helden und Bahnbrecher emporgewachsen war. Wenn 'man die Vertrauensseligkeit der obengenannten hebräischen Schriftsteller, die nie aus dem Dunstkreis des Ghettos hinausgekommen, nie „europäische" Luft geatmet, entschuldigen kann, so bleibt die Leichtgläubigkeit des westeuropäischen Kulturträgers und Lichtspenders Lilienthal unverzeihlich. Diesen Menschen hatte Gott dazu geschaffen, als friedliches Schulmeisterlein zu wirken, Kinder-Schulfeiern zu veranstalten, vor einer anr dächtigen Zuhörerschar Trauungs- und Leichenreden zu halten, und in der sanftseligen Sabbatnachmittagsstimmung moralische Betrachtungen über einen Bibelvers anzustellen. Sein Unstern wollte, daß er die furchtbar harte Aufgabe unternahm, die Juden Rußlands, mit denen er sich in ihrer Sprache nicht einmal recht verständigen konnte, unter Nikolaus I. aufgeklärt zu machen. Was für eine Vorstellung er von seiner Mission und von seinen Auftraggebern hatte, beweist ein vor wenigen Jahren bekannt gewordener Brief von ihm (abgedruckt in „Jewrejskaja Starina", 1912), in dem es mit rührender Naivität u. a. heißt: „Der Sieg ist unser und der Wurf mit den Würfeln des Lichtes und der Finsternis ist zu unsern Gunsten gelungen, und der Monarch, |hat den [darüber verfügenden' Ukas in voriger Woche allergnädigst unterzeichnet. Es war ein harter Kampf, den ich durchzukämpfen hatte, aber die Freude des Sieges läßt alles Vergessen .... (Es galt für ihn) „1. Gutzumachen, was die Juden verdorben hatten, 2. den Widerwillen gegen dieselben zu beseitigen, 3. den Fanatismus, trotz seines wilden Gebärdens, zum Fortschritt zu bewegen und ihn von dem Wohlwollen der Regierung zu überzeugen" . . . usw. Natürlich erregte diese ganze Bewegung nur eine ungesunde Gärung unter den Aufgeklärten und bestärkte noch die Abneigung der großen konservativen Masse, deren Instinkt diesmal das Richtige traf, gegen alle weltlichen Studien, in denen sie nur ein Mittel der Regierung erblicken mußte, sie ihrer Religion abtrünnig zu machen. (Lilienthal warf schließlich seine Flinte ins Korn und ging nach "Amerika, wo er einen seinen Fähigkeiten angemessenen Wirkungskreis fand.) Wenn die Juden über das Wohlwollen des Zaren Nikolaus I. irgendwie im Zweifel waren, so brauchten sie nur den Militärdienst zu betrachten, zu dem er sie herangezogen hatte. DER MILITÄRDIENST. Der Militärdienst, zumal wenn er auf breite Schichten pflichtmäßig ausgedehnt ward, bildet wohl einen der tiefsten Einschnitte im Leben der Völker. Wenn man bedenkt, wie energisch sich jetzt die Engländer der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, mitten in diesem für ihr Vaterland so furchtbaren Krieg, wiedersetzen, wird man begreifen, wie sehr es den Juden "Rußlands vor dem Waffendienst grauen mußte. Dabei ist nicht zu vergessen, Saß die Engländer ein sportfreudiges, in allen Leibesübungen erfahrenes Volk sind, daß ihre Söhne seit jeher in allen Weltteilen Krieg zu führen gewohnt waren, daß unter er nährte, schwächliche Personen bei ihnen zu den größten Seltenheiten gehören, daß jeder Engländer für sein wahres Vaterland kämpft, welches ihm alles gewahrt, was er davon forcfern kann, welches ihn an seinem Reichtum jund an seiner Größe uneingeschränkt teilhaben läßt, daß er in der Armee ungehindert jede Stufe erklimmen kann, zu der ihn seine Fähigkeiten berechtigen, daß er nach Abdienung seiner Pflichtjahre auf eine Versorgung" durch den Staat rechnen darf, daß .endlich der Militärdienst ihn zu keiner wie immer gearteten Verletzung* religiöser Vorschriften nötigt. Beim Juden, zumal beim russischen, war von all dem just das Gegenteil der Fall. Am schwersten fiel für ihn ins Ge-