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Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 125 - 126

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-02-01
Page
Seite 125 - 126 (sequence 2)
Language
German
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125 Die Juden in Rußland unter Nikolaus I. 126 Nach einer zeitgenössischen Zeichnung (Aus der Sammlung des Herrn S. Kirchstein, Berlin Wie Zar Nikolaus I. seine Juden zu Europäern umbildete. daß den Juden verboten wurde, von einem bestimmten Tage an, Bart und Schläfenloeken, sowie ihre traditionellen langen Oberkleider und den jüdischen Frauen ihre Kopfbedeckung, die Perücke, zu tragen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß jedem nicht oberflächlichen und psychologisch haltlosen Volk gerade diese Aeußerlichkeiten sehr teuer sind und etwas von religiöser Heiligkeit erhalten. (Man denke an die Bedeutung der Uniform für den Soldaten und den Staatsbeamten, der Amtstracht für den Geistlichen.) Nur unter dem Einfluß starker, lange einwirkender kultureller Strömungen wird ein tiefer veranlagtes Volk sich entschließen, dem Charakteristischen seines äußeren Menschen eine veränderte Gestalt zu geben. Die Haartracht der jüdischen Männer war übrigens ritualgesetzlich begründet, der „Scheitel" der verheirateten Frauen galt mindestens seit dem 15. Jahrhundert als eine Forderung fraulicher Züchtigkeit und. Keuschheit. Allein, Dschingis- Chan auf dern Zarenthron bewaffnete seine Polizeischergen mit Scheren und befahl, von einem bestimmten Tage ab, der in jeder Stadt ein anderer war, die Juden abzufangen, ihnen auf der Straße den langen Kaftan zu kürzen und Bart :und Seitenlöckchen abzuschneiden, den Frauen die Perücke vom Kopf zu reißen. Man kann sich kein besseres Mittel denken, die Juden von dem hohen Wert der russischen Kultur zu überzeugen. Für die niederen und höheren Polizeiorgane war diese Verordnung eine unerschöpfliche Quelle von Nebeneinnahmen und Belustigungen. Fast gleichzeitig beschloß Nikolaus, den Juden durch Schulen Aufklärung beizubringen. Wenn man das heutige russische Schulwesen betrachtet, wird man leicht begreifen, wie es damit vor sechzig bis achtzig Jahren aussah, als zu Lehrern ausrangierte Stallknechte und pensionierte Unteroffiziere ernannt wurden. Will man (des Zaren Nikolaus Liebe zur Kultur nach ihrem wahren Werte einschätzen, so rnluß man bedenken, daß er die Prügelstrafe in die Schule eingeführt hat, daß er die Söhne der Nichtadeligen und der Nichtbeamten vom Besuch der Gymnasien ausschloß und anordnete, daß die Beweise zu den geometrischen Lehrsätzen nur in den' Schulen für die ,„besseren Kreise" vorgetragen, in den Schulen für das Volk aber die Lehrsätze ohne. Beweise gelehrt werden sollten, da sonst der Pöbel übermütig werden und auch für andere Dinge Beweise fordern könnte. Nikolaus arbeitete mit aller Kraft daraufhin, den Sinn der Jugend auf die „praktischen" Wissenschaften hinzulenken, die etwas einbringen und zu nützlichen Zwecken führen. Er haßte die Geisteswissenschaften und .das klassische Altertum, sowie die Philosophie wie den Tod, weil von ihnen alle Anregungen zur Revolution und zur Kritik ausgingen. Dieser Zar empfand die ganze Welt als den großen Kerker des lieben Herrgott und sich selber als dessen obersten Kerkermeister. „Der haarsträubende Unsinn und 'die provozierende Rohheit der offiziellen Reaktion Nik'olaus I." haben einen pathologischen Zug. Er war von einer heuchlerischen, verlogenen Grausamkeit. Im Jahre 1827 wurden zwei

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