Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 19)
- Language
- German
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109 Wie die Ostjuden selbst ihre Frage zu lösen gedenken. 110 den, indem der jüdischen Masse möglich gemacht wird, aus dem bisherigen verzweifelten ökonomischen Elend herauszukommen, indem ihr der Zutritt zu jeder Arbeit gemeinsam mit allen anderen Bürgern des Landes eröffnet wird." „Die Schlagworte des Antisemitismus, in welcher Form immer, können den Interessen unseres Landes nur Unheil bringen. Nicht vermittels des Antisemitismus, nicht vermittels der nationalistischen Demagogie können wir die Uebel auf diesem Gebiete heilen, sondern durch eine ganze Reihe von Reformen, die auf eine Verbesserung der allgemeinen Verhältnisse des Landes hinzielen, die Kultur der Bevölkerung" hebena neue Arbeitswerkstätten eröffnen und das Land auf neue Bahnen allseitiger Entwicklung drängen. . . . Indem wir uns von Rußland loslösen und uns mit Westeuropa verbinden, müssen wir auch in der Judenfrage den gleichen Weg gehen, wie die westeuropäischen Völker: indem wir die Juden durch die völlige Gleichberechtiigung gewinnen. Gleichzeitig müssen wir von den Juden mit allem Nachdruck verlangen, daß sie aufrichtige Bürger des Landes werden, in seinem Interesse arbeiten, um seine Entwicklung sich bemühen. Das wird aber nur dann möglich sein, wenn Polen den Juden den Zutritt zu allen Quellen des Wohlstandes und der Kultur eröffnet." * * * Es hat aber dieser feierlichen Versicherung gar nicht bedurft, um überzeugt zu sein, daß die Befürchtung einer politischen Unterdrückung der Juden in Polen vollkommen unbegründet ist. Die Juden in Polen bilden ja nicht eine verschwindende Minorität, die man ohne großen Kraftaufwand an die Wand drücken und zerdrücken ikönnte. In Polen machen sie den sechsten /oder siebenten Teil, in einzelnen Städten .sogar fein Drittel oder gar die iHälfte der Bevölkerung aus'. Wie kann man vernünftigen und nüchternen, ihr Land liebenden Männern zutrauen, daß sie gegen einen so bedeutenden Bruchteil der Landesbewohner einen Krieg anfangen werden, um sie der Rechte zu berauben, die ihnen die Väter derselben Manner vor einem halben Jahrhundert erkämpft haben und in deren unbestrittenem Besitz sie seither waren (Galizien), die ihnen nur von dem gemeinsamen Feind gekürzt wurden (Königreich Polen)? Noch dazu in der ungeheuren Erschöpfung, die nach diesem Kriege eintreten wird, da das unbeschreiblich verwüstete, zerstampfte und ausgesogene Land alle Kräfte wird anstrengen und zusammenhalten müssen, um einigermaßen aufatmen zu können. Wäre es nicht Wahnsinn, friedliche, arbeitsame und intelligente Bürger mit Gewalt aus; dem Lande zu jagen, anstatt sie zu gemeinsamer Arbeit beim Wiederaufbau des Vaterlandes zu benutzen? Der Russe, als gemeinsamen Feind, konnte unter brutaler und tückischer Ausnutzung einer unnatürlichen Lage, verworrener Verhältnisse, und eines Rattenkönigs von IMlißVerständnissen die (Juden den Polen als den „innern Feind" hinstellen, der ihre Nationalität untergraben und ihr Land der ewigen Knechtschaft ausliefern wolle; er konnte auf diese Weise eine Zeitlang die „nationalistische Demagogie" zu einem Ausrottungskampfe gegen die Juden anstacheln. Steht solches aber auch unter einer wohlmeinenden Regierung zu befürchten, der die natürliche und ruhige Entwicklung des Landes am Herzen liegt? — Von der politischen Seite her braucht man sich also um die Zukunft der Juden in Polen keine Sorge zu machen. * * *■ Nun gibt es Propheten, die den Juden Polens aus ökonomischen Gründen den Untergang vorhersagen: „Es bildet sich in Polen ein Mittelstand heraus, der ihnen das Dasein unmöglich macht, und andererseits droht das sich immer mehr entwickelnde* Genossenschaftswesen, sie zu zermalmen.'* Wenn das wahr wäre, dann gäbe es für die paar Millionen Juden auf polnischer Erde in der Tat keine Rettung und es bliebe ihnen als einziger Ausweg nur, in den Ozean zu springen. Denn das Entstehen eines Mittelstandes und die Entwicklung des Genossenschaftswesens ist in allen Ländern der Welt ein natürlicher und 'unvermeidlicher Wirtschaftsprozeß. Die Natur hätte also sozusagen die Juden zum Aussterben verirrteilt und jeder Rettungsversuch wäre ein vergebliches Beginnen. Zum Glück existiert diese ganze den Juden von der ökonomischen Entwicklung des Landes angeblich drohende Gefahr nur in der Phantasie oberflächlicher Köpfe, die mit sträflichem Leichtsinn über Dinge urteilen, von denen sie nichts verstehen. Zunächst ist der polnische „Mittelstand'* schon seit der Mitte der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im Entstehen begriffen, da der Handelsminister Fürst Lubecki die Industrie in Polen schuf. Er trat Mitte der Fünfziger Jahre, als die Zollschranke zwischen, Polen und Rußland aufgehoben wurde, noch stärker in den Vordergrund, und vermehrte sich sehir stark seit Mitte der Sechziger Jahre, als der polnische Adel massenhaft deposseiert und überdies von allen Staatsämtern in seinem eigenen Vaterlande entfernt wurde: er drängte sich infolgedessen immer mehr zum Handel und zur Industrie und allen bürgerlichen Berufsarten. Gleichwohl hat es für die Juden in Polen keine friedlichere Zeit gegeben, als diese ganze Periode bis zum Anfang unseres Jahrhunderts. Zum Boykott verschärfte sich der wirtschaftliche Konkurrenzkampf nicht vor dem Jahre 1912. Da müssen doch wohl andere Ursachen im Spiele sein. Das Genossenschaftswesen aber ist doch eine in allen zivilisierten Ländern auftretende Erscheinung, In England steht es in hoher Blüte, in Dänemark hat es enorm zum Aufschwung des kleinen Landes beigetragen, in ^Italien, wo es von dem Juden Luzatti vor 56 Jahren geschaffen und seitdem mächtig ausgebaut wurde, bildet es eine der wenigen erfreulichen Erscheinungen des Wirtschaftslebens und hat das Volk vor dem völligen Ruin bewahrt. In Deutschland hat es eine so gewaltign Entwicklung erreicht, daß man in den Reihen des1 (christlichen) Mittelstandes schon angefangen hat, dagegen Stellung zu nehmen. An einigen deutschen Universitäten sind besondere Lehrstühle für Genossenschaftswesen eingerichtet worden. Hat man je gehört, daß aus diesen Ländern Millionen auszuwandern gezwungen worden wären infolge der Genossenschaften? Gegen wen richteten sich diese Institutionen in England, Diänemark, Italien, wo es so gut wie gar keinen jüdischen Mittelstand gab? Wenn in Polen die Juden von ihnen „zermalmt" werden, so liegt das offenbar an den Juden, die die natürliche Entwicklung nicht merken und es verabsäumen, sich ihr anzupassen und von ihr denselben Nutzen zu ziehen, wie die christliche Bevölkerung. In der Tat: das Genossenschaftswesen, wenn es rein wirtschaftlichen Charakter hat