Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584063-2597166--16083-2597215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
111 Wie die Ostjuden selbst ihre Frage zu lösen gedenken. 112 und seine natürlichen Grenzen nicht überschreitet, hebt den Wohlstand der Bevölkerung gar gewaltig; dieser Wohlstand muß unbedingt auch den Juden zugute kommen. Innerhalb einer wohlhabenden Bevölkerung ergeht es ihnen doch besser, als mitten unter einer armen. Allerdings beseitigt das Genossenschaftswesen die meisten parasitären Gewerbe. Jedes, an sich noch so nützliche Gewerbe kann mit der Zeit, unter veränderten Umständen, parasitär werden. Dann müssen sich die Träger dieses Gewerbes den neuen, den veränderten Umständen anpassen, neue Produktionsweisen und -formen sich aneignen oder zu einem anderen Gewerbe übergehen. Daßes! den Juden an ökonomischer Anpassungsfähigkeit nicht fehlt, ist bekannt. Ueberall in der Welt entspringt dem natürlichen Bevölkerungszuwachs ein verschärfter Konkurrenzkampf, er richtet sich nirgends gegen eine besondere Nationalität, Sprachgruppe oder gar Konfession. Zu behaupten, diese Entwicklung habe etwa einen „antisemitischen Charakter", wäre Unsinn, und, weil irreführend, auch gefährlich. Ueberall in der Welt wird der aus dieser natürlichen Entwicklung erwachsenden Not vorgebeugt, indem sich die Bevölkerung zusammenschließt und zu gemeinsamer Arbeit neue Wege sucht, neue Erwerbsquellen erschließt, neue Absatzmärkte eröffnet, eine intensivere Wirtschaft nach rationellen Grundsätzen einführt. Darauf beruht der wirtschaftliche Fortschritt der Völker. Natürlich kann das nur geschehen unter dem Schutz einer wohlwollenden Regierung, die aufrichtig das Gedeihen der Bevölkerung fördert. Die russische Regierung dagegen ging nur darauf aus, das5 Land mit allen Mitteln niederzuhalten. Die Bevölkerungsklassen wurden gegeneinander aufgehetzt, durch Steuerdruck ausgepreßt, alle Bestrebungen zur ökonomischen Selbsthilfe nach Kräften unterbunden, die Eröffnung neuer Wohlstandsquellen verhindert und erschwert; es wurde selbstverständlich -zugunsten Rußlands und zu Ungunsten Polens regiert und verwaltet (Tarifpolitik, Differentialzölle). Ueberdies wurden hunderttausende Juden aus dem Ansiedhingsrayon zuerst proletarisieirt, dann in das Königreich Polen hineingedrängt, wo sie die ohnehin unter ihren Volksgenossen wütende mörderische Konkurrenz bis aufs äußerste verschärften; zuguterletzt wurde durch die Brodlosmachung von 40 000 Bahnangestellten das Heer der um den mageren Bissen Ringenden mit einem Miale vergrößert und der Kampf verbittert. Dazu kommt in Polen noch der verhängnisvolle Umstand, daß dem jüdischen Kleinbürgertum die polnische Sprache fremd ist, daß diese Klasse sich also mit der christlichen Bevölkerung nicht verständigen und aussprechen kann, um sich mit ihr zu einer gemeinsamen Aktion zu verbinden, gemeinsame oder parallele Organisationen zu schaffen. Die eine Bevölkerung weiß von den Noten, Kämpfen und Bestrebungen der andern gar nichts. Während in eine|r überaus reichen Zeitschriften- und Brosenürenliteratur dem polnischen Volk die Notwendigkeit der ökonomischen Selbsthilfe, der Kooperative, der Höherbildung des Handwerks, der Einführung moderner Organisationen dargelegt wurde, hatten die Juden, aus Unkenntnis der Sprache, keine Ahnung von der ganzen Bewegung und blieben im wirtschaftlichen Wettbewerbe mit den Christen um Jahrzehnte zurück. (Das Gleiche gilt zum größten Teil auch für Galizien.) Der Sprachfremde, mit dem man sich nicht verständigen kann, erscheint, zumal 'vwenn er auch noch durch Religion und Rasse, durch Sitte und Lebensweise, sogar durch die Tracht von uns getrennt ist, — als Feind. Der unvermeidliche, überall in der Welt vorhandene Konkurrenzkampf gewinnt also» in diesem Falle einen (gehässigen, feindlichen, erbarmungslosen Charakter, der alles als erlaubt erscheinen läßt. Zumal wenn eine tückische, auf das Verderben des Landes hinarbeitende Regierung kein Mittel scheut, um diesen Haß aufzupeitschen und ihn unversöhnlich zu machen. Warum soll ich," sagt sich der Durchschnittsmensch, „einen mir Sprachfremden, mit dem mich nichts1 verbindet, der sogar auf den Untergang meiner Nationalität hinarbeitet, geschäftlich unterstützen, während Zehntausende meiner Volks- und Glaubensgenossen hungern und zugrunde gehen?" Und in dem Moment, da diese U e - berzeugung die Oberhand gewinnt, ist der Boykote mit allen seinen häßlichen Begleiterscheinungen da! Aber ebenso wie er, räumlich und zeitlich begrenzt, aus bestimmten Ursachen hervorgegangen ist, so wird er mit der Beseitigung dieser Ursachen auch verschwinden. Die wirtschaftlichen Antriebe zur Massenauswanderung nach dem Westen werden wegfallen, dagegen wird sich für die Juden beim Wiederaufbau ihres Vaterlandes ein weites Gebiet fruchtbarer Betätigung eröffnen.