Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 18)
- Language
- German
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107 Wie die Ostjuden selbst ihre Frage zu lösen gedenken. 10S der Goldbergwerksbesitzer und der Städtetag fotrdern die Erleichterung und Abschaffung der Judengesetze. iMian sieht, aus den entlegensten Gegenden des Reichs sind Stimmen der angesehensten Kreise für die Juden laut geworden. Und da die russischen Ju)den keinen Augenblick im Zweifel sind, daß diese russischen Kreise ihr Vaterland mindestens so gut kennen und lieben, wie die antisemitischen Literaten und Geheimräte in Deutschland, so haben sie keine Ursache, auf das Urteil dieser letzteren besonderes Gewicht zu legen. Um dieser Strömung unter der russischen Bevölkerung, die vorauszusehen war, entgegen zu wirken, hatte der Großfürst Nikolaus Nikola je witsch, das Oberhaupt der Reaktionäre, das oben genannte Denunziations-Komitee ins Leben gerufen. Es folgten die Pogrome in Polen und die grausamen Evakuierungen der Juden aus dem Kriegsgebiet. Das machte auf die russische Bevölkerung einen tiefen Eindruck, da ihr von autoritativer Seite die Juden als der innere Landesfeind hingestellt wurden, der an den Niederlagen der Armee die Schuld /trage. Sogar hervorragende Männer, wie Fü(rst Trubezkoj, ein ausgesprochener Judenfreund, wurden einen Augenblick irre. Aber die Regierung erhob dieselbe Anklage des Landesverrates gegen alle im Reiche wohnenden Deutschen, die stets als die Stützen von Thron und Altar dastanden. Die sibirischen Städte und Dörfer füllten sich mit baltischen Baronen, die nächsten Verwandten der bis dahin berühmtesten russischen Heerführer wanderten ins Gefängnis. Friedliche deutsche Bauern und Handwerker, die stets als Musteruntertanen galten, wurden ganz genau wie die Juden in Viehwagen verladen und von einem Ende des Reichs ans andere geschafft, sie starben gleich den evakuierten Juden unterwegs zu Hunderten an Hunger, Durst und Seuchen. Gleichzeitig wurde die Unfähigkeit und Verkäuflichkeit der höheren Führer und der Vorsteher der Ministerien, der Versorgungs- und der Verpflegungsämter festgestellt. Oberste und Generale wurden gehängt. All das öffnete auch den Dümmsten die Augen. So kam es, daß mitten in der Evakuierungstätigkeit der Regierung d i e größten Städte Rußlands zu gunsten der Juden ihre Stimme erhoben, dafür eintraten, daß man den Juden das Innere Rußlands öffne und aus ihrer Mitte die Flüchtlinge nicht entferne. Die russischen Bürgerkreise haben in vielen Fällen sich der Juden warm angenommen, als fühlten sie den Drang, für die Missetaten ihrer Regierung Expiation zu üben. Nur die Minister und ihre großen und kleinen Schergen verharrten bei den alten Praktiken. Die Londoner „Daüy chronicle" brachte am 1. Mlärz 1. J. ein Interview ihres Petersburger Korrespondenten mit dem Dumapr,äsidenten, Grafen Rodsianko, in welchem dieser gewiß nicht umstürzlerisch gesinnte Politiker folgendes sagte: „Nach dem Krieg wird es in Rußland Redefreiheit geben und keine Unterdrückung mehr. Nach dem Krieg wird niemand imstande sein, die Redefreiheit einzudämmen. Rußland wird ein Parlament haben. Es wird keine Revolution geben. Der Krieg hat dem alten Konservatismus einen solchen Schlag versetzt, daß er nicht mehr besteht. Nach dem Krieg werden wir Reformminister haben, und Rußland wird sich reformieren." Man überschätzt fdie Tragweite solcher Worte im Munde eines solchen Mannes sicher nicht, wenn man sie als ein ernstes Zeichen der Gesinnung auffaßt, die in den entscheidenden Kreisen der russischen Gesellschaft herrscht, und die schließlich doch obsiegen muß. Rein wirtschaftlich aber wird Rußland zu seiner Erholung nach den mörderischen Strapazen dieses Krieges sio sehr d-es inneren Friedens bedürfen, es »wird ein so großer Mangel an Menschen auf allen Gebieten des werktätigen Lebens herrschen, daßi man kaum daran denken wird, die Praxis der Austreibung von neuem zu beginnen. Die russischen Judien haben also, wie man sieht, keinen Anlaß, nach dem Krieg eine Massenwanderung nach Deutschland anzutreten. Die Worte, welche mit dicken Lettern auf der „Bauchbinde*' der Fritzschen Broschüre prangen: „Sechs Millionen russischer Juden, die auf ganz niedriger Kulturstufe stehen, haben sich jin Bewegung gesetzt, und drohen, Deutschland zu /überfluten" — Worte, die weiten Kreisen, auch der Juden in Deutschland einen heillosen Schrecken eingejagt haben, sind nichts, als leerer Schall und Rauch, man kann sie nur begreifen, wenn man die Broschüre gelesen und gemerkt, wie leichtfertig ihr Verfasser mit seinem Stoff umgeht, wie wenig er sich Mühe gegeben hat, die angeführten Zitate zu verstehen und Ordnung in das Chaos seiner an sich schiefen und oft unrichtigen Angaben zu bringen. Was nun die Juden in Po len anbetrifft, so fallen dortfaiit dem Wegfall der russischen Herrschaft alle politischen (Motive fort, die die Juden zu einer MlassenausWanderung zwangen. Es bedarf nur der Wiederherstellung des Ediktes des Marquis Alexander W i e 1 o p o 1 s k i vom 8. Juni 1861 — und das ist durch die deutsche Regierung bereitsi geschehen — um die völlige bürgerliche (und politische) Gleichstellung der Juden mit den christlichen Landesbewohnern zu bewirken; diese Gleichberechtigung wurde seit Mitte der Sechziger Jahre durch die russische Regierung auf dem Verordnungswege, also selbst nach russischen Begriffen widerrechtlich — stückweise, aber nicht ganz aufgehoben. Wie aber die führenden polnischen JCreise sich die Stellung der Juden in ihrem Lande nach dem Kriege denken, erhellt unzweideutig aus dem Manifest des Obersten Nationalkomitees, welches alle polnischen Parteien — mit Ausnahme der russophilen Nationaldemokraten, die jetzt sämtlich in Rußland weilen — repräsentiert. Dieses Manifest, welches von der Hauptleitung in Krakau noch im Herbst 1914 an alle Einzelkomitees versandt und im August 1914 nach der Einnahme Warschaus durch die Deutschen wiederholt wurde, hat die Bedeutung eines Pragramms. Es werden darin die Grundsätze der Politik entwickelt, die die Polen in Zukunft zu befolgen entschlossen sind. Betreffs der Juden heißt es dort: „Beim Ordnen der polnisch-jüdischen Beziehungen, welche sich in der letzten Zeitzufolge der abnormalen politischen und wirtschaftlichen La^ge des Landes und der demagogisch-nationalistischen Agitation in unserer MJtte so verschärft haben, müssen wir uns entschieden auf den Boden der europäischen Grundsätze stellen. Wir müssen an die alten polnischen Traditionen den Juden gegenüber, an die Tradition der Czacki und Wielopolski, anknüpfen und die Energie aufbringen, um die jüdischen Massen zu richtigen Bürgern . zu machen und sie für die Interessen des Landes zu gewinnen. Das kann aber nur geschehen, indem den Juden völlige Gleichberechtigung gewährt und ihnen die Bedingungen eines normalen Daseins zugesichert wer-