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Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 103 - 104

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Die Ostjudenfrage
Date
1916-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 16)
Language
German
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103 Der wichtigste Lösungsvorschlag. 104 Warum soll Deutschland diese Kraftquelle sich verstopfen, anstatt sie sich zunutze zu machen? Der Aufstieg Deutschlands bringt eine ähnliche Weite des Horizonts wie in England mit sich und darum wird Cleinow und nicht die Philister durchdringen, und man kann sich darauf einrichten, daß in den nächsten Jahren drei bis vier Millionen aus dem großen Judenreservoir nach Deutschland herübergeschafft werden. Sie werden als Lohndrücker deutsche Arbeiter schädigen? Keine Angst! Sie werden nur vorübergehend auf den unteren Sprossen der Leiter stehenbleiben. Als Hausierer werden sie beginnen und als Kommerzienräte endigen und ihre Söhne werden sogar, gleich dem Herrn Max Marcuse — der Name ist in Wolhynien sehr häufig —, Artikel gegen die etwa nachdrängenden Ostjuden schreiben und ihre Schädlichkeit nachweisen. So ungefähr malt sich vermutlich George Cleinow die Sache aus, und darum hat er auch schon im Osten eine entsprechende Aktion ein- , geleitet. Die Schulen in Polen werden in zwei Kategorien eingeteilt: in polnische mit polnischer Unterrichtssprache, und deutsche mit deutscher Unterrichtssprache, zu der letzteren Kategorie gehören alle Schulen, die von deutschen und alte, welche von jüdischen Kindern besucht werden. Hierdurch ist mit jeder nur erwünschten Unzweideutigkeit der Grundsatz ausgesprochen worden, d^ß die Juden in Polen den daselbst wohnenden Deutschen gleichgestellt sind. Wenn nun Herr Geheimrat Fritz mit Recht verlangt, daß die aus Rußland und der ganzen übrigen Welt heimkehrenden Ansiedler deutscher Abkunft, „deren WIE DIE OSTJUDEN SELBST IHRE Ein gemeinsames Merkmal kennzeichnet alle oben erörterten Pläne zur Lösung der Ostjudenflrage »oder zur Bannunig der Ostjujdengefahr: man hjat;es ganz und gar für überflüssig gehalten, die Ostjuden selber dabei um ihre Meinung oder ihre Wünsche zu befragen. Man hat sich nicht erkundigt, wie sie selber über ihre Zukunft in ihren Heimatsländern denken. Hätte man das getan, es wäre an den Tag gekommen, daß die ganze „Ostjudengef£ahru eine Chimäre., ein Hirngespinst, ein leerer Traum i s! t, von 'dem sich weltfremde Stubenhocker, müßige Theoretiker peinigen lassen, der aber, beim Lichte der Wirklichkeit besehen, in nichts zerrinnt. Die Ostjuden denken gar nicht daran, in Massen auszuwandern und sich auf Deutschland zu stürzen. Erstens wissen sie sehr gut, daß sie im Westen nirgends mit Enthusiasmus willkommen geheißen werden, und es hat wahrlich nicht erst dieses Federkrieges gegen sie bedurft, der seit Mbnaten in Deutschland geführt wird, dieser Flut von Beschimpfungen und Verleumdungen, die sich sogar in jüdischen Blättern von seiten jüdischer Gelehrten und Vorkämpfer über sie ergoß — um ihnen zu beweisen, daß man hier ihre Gegenwart überall, nur nicht in Deutschland, wünsche. Zweitens sind sie überzeugt, daß nach dem Kriege nicht nur keine Notwendigkeit einer gesteigerten MassenausWanderung vorhanden sein wird, sondern daß die Ursachen, die sie bisher gezwungen haben, in so abnorm großer Zahl ihre Heimat zu ver¬ Wiedervereinigung mit dem deutschen Volk erwünscht und zu fördern ist," in Deutschland Tür und Tor geöffnet finden, so gilt das nach der klaren Willensmeinung der Verwaltung der besetzten Gebiete in gleichem Maße von den polnischen Juden. Ihre Wiederkehr nach Deutschland wäre ja im Grunde nur eine Heimkunft nach dem Lande, das sie vor vier- bis sechshundert Jahren, freilich ziemlich unfreiwillig, verlassen haben und dessen Sprache, allerdings in ziemlich abweichender Form, sie noch heute sprechen. Nun sollen sie diese Sprache jetzt gründlich? erlernen, um so bald als möglich in größerem Massen nach Deutschland ziehen und dort ihre Mission erfüllen zu können. Deutschland bedarf ihrer. Nichts bindet die Menschen so 'sehr an ein Land, als die Sprache. Man fühlt sich nur dort hingezogen, wo man mit den Menschen sich leicht und fließend verständigen kann. Die sephardisehen Juden wandern bekanntlich fast nie nach Deutschland ein, sondern nur nach den romanischen Ländern Europas oder nach Südamerika. Der polnische Jude, der seit seiner Kindheit in der deutschen Sprache erzogen wird, wird sich gewöhnen, diese als seine Muttersprache, und das Land, wo sie alleinherrschend ist, als seine Heimat, als sein eigentliches Vaterland zu betrachten. Polen wird für ihn die Fremde, ein vorübergehender Aufenthaltsort, eine Provinz der Verbannung sein. Nach Deutschland wird er immer streben, und dorthin wird er stets drängen. Und, wie es allen Anschein hat, ist eben darauf das Sinnen einflußreicher Kreise in Deutschland gerichtet. FRAGE ZU LOESEN GEDENKEN. lassen, verschwinden und die Emigration auf ein Minimum zurückgehen, wenn nicht ganz aufhören wird. Was zunächst die russischen Juden anbetrifft, so wissen sie sehr wohl, daß es nicht natürliche, in der wirtschaftlichen Lage des Landes begründete Ursachen waren, die die Judenpolitik Rußlands bewirkt haben, welche vermittels einer unerhörten Ausnahmegesetzgebung und grausamer Pogrome ihnen das Leben unmöglich machte und sie in die Ferne trieb. Sie wissen wohif daßdiese Politik in dem herrschenden, von den schlimmsten fand korruptesten Elementen getragenen System der Reaktion gelegen ist. Dieses System hat bankerott gemacht und Jwird über kurz oder lang abdanken. Die Juden sind entschlossen, sich das Daseinsrecht und die Daseinsmöglichkeit im Lande zu erkämpfen. Daß diesnicht im Handumdrehen erreicht werden kannr wissen sie ebenfalls. Sie bedenken z. B., daß in dem hochgebildeten und aufgeklärten Deutschland das! kleine Häuflein Juden trotz seiner hohen Kultur und trotz der tiefen Sympathien, deren es sich bei den geistig führenden Kreisen der Nation erfreuter trotz der großen Opfer an religiöser und kultureller Eigenart, die es brachte, mehr als hundert Jahre um die formale Gleichberechtigung" kämpfen mußte, die wirkliche aber noch immer nicht ganz erreicht hat, daß es im Verlaufe dieses- Kampfes Phasen gegeben hat, in denen jede Ausgicht, das Ziel zu erreichen, geschwunden zu sein schien. Die russischen Juden sagen sich also, daßisiei ebenfalls nicht zu verzagen brauchen und sich mit Zähigkeit und Geduld wappnen müssen — zumal sie fest entschlossen sind, von den wahrhaft heiligen

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