Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 101 - 102 (sequence 15)
- Language
- German
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101 Der wichtigste Lösungsvorschlag. 102 der polnischen Krönungsstadt eine Sehenswürdigkeit bildet: sein ehemaliger Sitz ist von einem ehernen Gitter umgeben, und eine Tafel kündet, daß seit seinem Ableben aus Pietät hier keiner sich niederlassen darf; zu seinem Grabe wallfahrtet noch heute das Volk aus fernen Gegenden. Auch Max 'Liebermann darf von sich sagen, daß das Vaterland keinen Anlaß hat, sich seiner und seiner Familie zu schämen. Diese stammt aus Ostgalizien, aus der Gegend von Drohobycz, wo ihre Angehörigen noch heute leben. Einer von ihnen ist der sozialdemokratische Abgeordnete von Przemysl, der gegenwärtig als Major-Auditor bei den polnischen Legionen Dienste tut. Eine stattliche Anzahl der hervorragendsten und angesehensten jüdischen Familien in Deutschland, deren Sprößlinge sich im öffentlichen Leben einen Namen gemacht, auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kunst, der Politik oder der Volkswirtschaft sich hervorgetan haben, müßten, wenn sie einmal nach jüdischer Sitte das Grab ihres Ahnherrn aufsuchen wollten, nach Oberschlesien oder Posen, oder gar nach Galizien oder Wolhynien, zu dem Friedhof irgendeiner kleinen verlorenen jüdischen Gemeinde pilgern. So die Familie J a f f e, deren Urahn der berühmte polnische Rabbiner Mordechai Jaffeh war; die Familie Bernstein, der der bekannte Führer der Revisionisten entstammt; die Familie Philipps o n, deren Väter Rabbiner in Krakau, Lemberg und Podhajce waren, die Familie Emden, deren Vorfahr in Lemberg begraben ist, der bekannte Mathematiker Prof. Rosanes in Breslau, selber in Brody geboren, dessen Vorfahren aus Lemberg stammen. Gabriel Riessers Großvater war bekanntlich Rabbiner in Minsk und Posen, woher er nach Hamburg berufen wurde. Ein Zweig der Familie Jolles lebt noch heute in Lemberg. Das gleiche gilt von der Familie Schiff. Sehr zahlreich sind die bedeutenden jüdischen Männer in Deutschland, die ihre Herkunft aus Schlesien, herleiten, das bekanntlich auch nicht im Westen; liegt, und dessen Juden demnach als richtige Ostjuden zu betrachten sind, die bis zum Siebenjährigen Kriege in ebensolchem Zusammenhange mit deutscher Kultur und deutschem Wesen standen, wie die heutigen östlichsten Ostjuden. Dieses Volk besteht offenbar nicht durchwegs aus Mongolen. Freilich kann man nicht von ihnen verlangen, daß sie alle sein sollen wie Salomon Münk oder Ferdinand Lassalle, Eduard Lasker, Aharon Bernstein, Ludwig und Ferdinand Cohn, Karl Weigert, Paul Ehrlich, Moses Lazarus, Rudolf Mosse, oder aber der große Maximilian Harden und der Geheimrat Witting, die es nicht verschmäht haben, in Posen das Licht der Welt zu erblicken. Aber Anatol Leroy-Beaulieu sagte: Um der einen Rachel willen hat es sich gelohnt, ganze Gemeinden elsässischer Juden mitsamt ihrem deutschen Jargon und ihrer sonstigen Unkultur nach Paris zu befördern. Deutschland wird nach dem Kriege einen enormen Bedarf an Kräften in jeder Richtung empfinden, und die Ostjuden mit ihrer „wirtschaftlichen Tüchtigkeit und ihrem diplomatischen Talent" könnten wohl ein ganz unschätzbares Element werden. Und George Cleinow ist nicht etwa ein voreingenommener Judenfreund, ah, keineswegs. Natürlich kann man sich die erwünschten Individuen nicht nach Belieben auswählen. Aber wenn von den ungefähr sechs Millionen Juden des Ansiedlungsrayons etwa zwei Drittel über Deutschland hingesät würden, so wäre das eine gerechte un!d gleichmäßige Verteilung, kein Landesteil würde sich beklagen können, daß er zu wenig Juden habe, und diese würden zum Heil des ganzen um so freier ihre besten Eigenschaften entfalten können. Mögen die Fritz und Paphnutius sich ärgern soviel sie wollen: wenn man große Weltpolitik treibt, kann man nicht auf dem Krähwinkelstandpunkt ängstlicher Artikelschreiber und kleiner Beamtenseelen stehenbleiben. Vielfach bewunderte man die ^Engländer, weil ihnen der Antisemitismus unbekannt und unverständlich war. Das kam aber nur daher, daß ihr Weltreich sie an ein universelles Schauen, an ein ganze Rassen und Weltteile umfassendes Denken gewöhnt hatte, das solche Armseligkeiten nicht aufkommen ließ. Es lehre uns der Feind, was wir sollen! Die Engländer, denen man praktischen Sinn und Verwaltungstalent nicht absprechen wird, zeigten nichts von Idiosynkrasie gegen „Ostjuden". Für Herrn Marcuse z. B. beginnt das „Ostjudenland" bei Pinne, Glogau oder Posen. Für einen Engländer ist es schon Frankfurt am Main oder Hannover. Am Ende ist aber auch Benjamin Disraeli nicht mit Wilhelm dem Eroberer nach Britannien gekommen, und er konnte doch wiederholt Premierminister dieses Landes, Führer der Hochtories und Begründer des Imperialismus werden. England schämte sich nicht, den ungarischen Ostjuden Vambery mit wichtigen Missionen im Orient zu betrauen, obgleich es doch im Lande keinen Mangel an bedeutenden Orientalisten hat; es hat den Ostjuden Siegfried Popper, einen der ersten Schiffbauer der Gegenwart, in seine Dienste berufen, als sein Heimatland Oesterreich ihm den Aufstieg weigerte. (Die österreichische Verwaltung sah den Mißgriff bald ein und nahm den Verabschiedeten, wieder in Ehren auf.) Der rumänische Ostjude Gaster kam in London zu solchen Ehren, daß er mit der Vertretung der Royal Society auf der Zweihundertjahrfeier der 'Preußischen Akademie betraut wurde. Den nicht einmal naturalisierten galizischen Ostjuden Slatin Pascha machte England zum Generalinspektor des Sudan, und er stand bei König Eduard in so hoher Gunst, daß dieser einmal auf einer Reise von Ischl nach Wien den Eisenbahnzug halten ließ und ausstieg, um Slatins Mutter und Schwester zu begrüßen. (Das hinderte den Generalinspektor freilich nicht, bei Ausbruch des* Krieges, auf der Rückreise von London nach Aegypten, sofort den Dienst zu quittieren und seinen Degen dem Kaiser Franz Josef zur Verfügung zu stellen.) Sir Edward Cassel und Sir Edgar Speyer, die ja auch „Ostjuden" sind, haben dem Handel und den Finanzen des Inselreiches nicht geringe Dienste geleistet. Israel Zangwill, der in Rußland geboren ist, gilt als einer der ersten Meister der englischen Literatur und einer der feinsten Stilisten des Landes. Oft und oft saßen jüdische Minister im englischen Kabinett. Der Lord Ober richtet* von England, der ja auch nicht auf der westlichen Hemisphäre geboren ist, hat jetzt als Abgesandter in Amerika dem Staat einen ungemein wichtigen Dienst geleistet. England hat an seinen Ostjuden kein schlechtes Geschäft gemacht, sonst würde der englische Adel sie wohl nicht als Seinesgleichen behandeln.