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Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 99 - 100

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Die Ostjudenfrage
Date
1916-02-01
Page
Seite 99 - 100 (sequence 14)
Language
German
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99 Der wichtigste Lösungsvorschlag. 100 Verfasser auf eine schlagende Weise, indem er die wirtschaftlichen und kulturellen Zustände in Polen denen in der Ostmark (Posen und Westpreußen) entgegenstellte. Er bezeichnete die Bauernfrage und die Judenfrage als die beiden wichtigsten Probleme, von deren vorteilhafter Lösung die Zukunft des polnischen Landes und Volkes abhänge. Nachdem er die glänzende Art dargelegt hat, wie Preußen die Bauernfrage in Posen gelöst, schildert er die Lage der Juden in Polen, „wo sie 25 bis 75 Prozent in den Flecken und Städten ausmachen, und wohin seit 1902 auch die Juden aus dem russischen Ghetto strömen". Dort stehe die jüdische Bevölkerung jedem vorwärtsstreberiden Polen , als undurchdringliche Mauer entgegen und zwinge ihn, nach Amerika oder Rußland und Sibirien zu gehen. „Daraus wird der Leser leicht ermessen, welche Schwierigkeiten den Polen in ihren nationalen Bestrebungen erwachsen." Dann fährt er fort: ,,Aber diese für die Polen im Rahmen der hier behandelten Frage des nationalen Aufbaues ungemein wichtige Frage hat die preußische Regierung spielend und man kann sagen, ohne jede Härte, gelöst. Die Judenfrage ist für die Polen eine soziale Frage undl eigentlich erst durch ihren sozialen Charakter eine nationale Frage. In den Städten der Ostmark war bis vor etwa vierzig bis fünfzig Jahren, ähnlich wie in Russisch-Polen, der gesamte Handel, der wesentliche Teil ihres Handwerks wie des Verkehrs, in jüdischen Händen. Der deutsche Handelsstand hatte nur in den größeren Städten einige Bedeutung, der polnische war gleich null. Mitder Aufteilung zahlreicher Großgüter und dem Einzug des bäuerlichen Genossenschaftswesens verloren die auf die ländlichen Produkte angewiesenen Juden den Boden. Andererseits eröffnete sowohl die starke Industriealisierung Mitteldeutschlands, wie das Emporblühen Berlins außerhalb der Provinzen Posen und Westpreußen neue Erwerbsmöglichkeiten für die Juden und erleichterte den Abzug aus der Ostmark. Und daher fand der Pole, der mit Ersparnissen heimkehrend, sich in seiner Heimat niederlassen wollte, die Konkurrenz des Juden beseitigt." Auf diese Weise wurde also die Judenfrage, die in den östlichen Provinzen Preußens ehemals gerade so brennend war wie gegenwärtig in Polen, „ohne Härte," sondern ganz friedlich gelöst. Die gleiche Methode verspricht Cleinow auch auf Russisch-Polen in Zukunft anzuwenden. Hier sind also mit aller nur denkbaren Deutlichkeit und Klarheit die Richtlinien gekennzeichnet, nach denen die Judenfrage in Polen gelöst werden soll: Nicht von einem Ansiedlungsrayon, wie ihn Herr Fritz wünscht, noch einer Transportierung der Juden nach Palästina oder Mesopotamien oder gar Sibirien ist die Rede. Es soll mit ihnen so verfahren werden, wie im Posenschen und in Westpreußen. Dort ist die ehemals so große Zahl der Juden seit 1846, da ihnen die Freizügigkeit gewährt wurde, auf ein kleines Häuflein zusammengeschrumpft, das zusehends zusammenschmilzt. Natürlich sind diese zehntausende Juden nicht vom Erdboden verschwunden, noch sind sie nach Palästina oder Mesopotamien ausgewandert, sondern die starke Industriealisierung Mitteldeutschlands und das Emporblühen Berlins bot ihnen im Reich neue Erwerbsmöglichkeiten. Man darf mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß ganz Deutschland und alle Städte darin nach dem Kriege einen noch stärkeren Aufschwung; nehmen werden. Und darum soll der ganze Strom der Juden aus Polen nach Deutschland abgeleitet werden. In der Heimat werden die auf die ländlichen Produkte angewiesenen Juden den Boden verlieren und abwandern. Das wird die Aufteilung zahlreicher Qroßgüter und der Einzug der ländlichen Genossenschaften bewirken. Davon gab es bisher nur kleine Anfänge und man suchte sich mit dem stümperhaften Judenboykott zu helfen. Wenn aber erfahrene undmit großen Mitteln ausgerüstete Männer das in die Han!d nehmen werden, wird es viel rascher und besser vonstatten gehen. Außer den auf die ländlichen Produkte angewiesenen Juden gibt es dort eine sehr zahlreiche Schicht, deren Angehörige die aus Deutschland bezogenen Industrieprodukte und Halbfabrikate verarbeiten und nach Rußland» exportieren, andererseits solche, die die russischen Rohprodukte und Halbfabrikate nach Deutschland einführen. Allein auch diese werden mit viel größerem Nutzen für sich un<J für das Reich arbeiten, wenn sie ihre Werkstätten und Handelshäuser in Deutschland aufschlagen. Man sieht, Cleinow, der nüchterne, entschlossene,, erfahrene Praktiker ist frei von jeder Judophobie. Er hat offenbar keine Angst, daß die Juden gleicht im Wirtschaftsleben und bald auch im politischen Leben die Führung an sich reißen" könnten. Er findet offenbar auch nicht, wie der famose Herr Max Marcuse (von dem weiter unten die Rede sein wird), daß „diese Juden die größte Gefahr für die Eintracht und das Gedeihen der Völker" wären. Im zweiten Band seines großen Werkes über Polen konstatiert Cleinow, daß die polnischen Juden „durch wirtschaftliche Tüchtigkeit und diplomatisches Talent eine Dankesschuld an die Polen abgetragen haben für deren Gastfreundschaft vor Jahrhunderten: sie bewahrten den polnischen Adel und das ganze Land vor dem völligen Ruin". Ein verantwortlicher Politiker, ein weltkundigery tatkräftiger Mann in gebietender Stellung kann nicht den Standpunkt subalterner Bureaukraten und bornierter Literaten einnehmen. Freilich, die unfähige, ratlose, bestechliche russische Verwaltung wußte mit diesem Menschenmaterial nichts anzufangen; anstatt es zum Wohle des Staates fruchtbar zu machen, ließ sie es verkommen, peinigte es grausam, und trieb es zum Land hinaus. Aber Deutschland .wird schon wissen,* diesen "bildsamen und begäbungsreichen Menschenstoff zu formen und ihm im Interesse des Gemeinwohls den höchsten Nutzen zu entlocken. Wenn Cleinow in die Vergangenheit blickt, so muf> er sich sagen, daß der Zuwachs an Juden, den Preußen seit Annexion der östlichen Provinzen durch Friedrich den Großen erhielt, dem Lande gar nicht zum Schaden gereichte. Die Familie Mendelssohn z. B. hat bis auf den heutigen Tag sicher kein Unheil über Deutschland gebracht. Moses Mendelssohn aber rühmte sich, der Urenkel und Namensträger des großen Krakauer Rabbiners Moses Isserls zu sein, dessen Name noch heute in der ganzen Judenheit mit Ehrfurcht genannt wird, dessen schöne, kleine Synagoge ir*

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