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Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 93 - 94

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Die Ostjudenfrage
Date
1916-02-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 11)
Language
German
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93 Die Abwehrmittel gegen die Ostjudengefahr und ihre Unzulänglichkeit. 94 die auszuschließende Rasse zu erkennen vermöchte, ist er nicht imstande. Er sagt: „Da aber die Rassenfremdheit in vielen Fällen unsicher, streitig und schwer festzustellen sein wird, so soll außer ihr, die Angehörigkeit zu einem asiatischen oder slawischen Staate, einschließlich Galiziens und der Balkanstaaten, an sich Ausschließungsgrund sein. Zuzulassen wären natürlich stets deutsche Rückwanderer und Abkömmlinge von Deutschen." Nun kämpft die Türkei und Bulgarien an der Seite Deutschlands, und es wirft auf die Bundestreue sowie auf die diplomatische Klugheit des Geheimrats Fritz ein seltsames Licht, wenn er gegen diese beiden Staaten solche feindlichen Maßnahmen, noch dazu mitten im Kriege, vorschlägt. Wie aber, wenn die anderen Staaten Reziprozität üben und ihrerseits keine Deutschen einlassen, sogar die schon vorhandenen zur Emigration ins Vaterland zwingen würden? Dann wäre das friedliche Zusammenleben der mitteleuropäischen Völker mit den Deutschen unmöglich. Es könnte vielleicht gar zu einem neuen Kriege kommen, jedenfalls müßte die Aufrichtung einer solchen Scheidewand1 zwischen den Deutschen und anderen Völkern die Ausbreitung des „deutschen Gedankens in der Welt", diese *große kulturelle Weltmission, deren Wirksamkeit nach dem Kriege beginnen! soll, beträchtlich erschweren. Materiell würde das Deutsche Reich durch ein solches Fernhalten von Juden vielleicht gewinnen, aber ideell schweren Schaden erleiden, — was dem Idealisten Fritz entgangen ist. Von einem Einwanderungsverbot gegen Lungenkranke, welches er in Erwägung zieht, kann man sich im Hinblick auf die Juden wenig versprechen, denn wie Fritz selber hervorhebt, „dieses Volk ist, sei es au$ Anlage, sei es infolge einer im jahrhundertelangen Ghettoleben erworbenen Unempfänglichkeit tuberkulösen Krankheiten weniger als andere Völker ausgesetzt." Prof. Wolfgang-Heinze tröstet sich ebenfalls mit dem Gedanken, daß die Tuberkulose unter den Ostjuden zahlreiche Opfer fordern könnte, muß aber zugeben, daß es gewagt wäre, darauf mit Bestimmtheit zu rechnen. Auch die Geschlechtskrankheiten sind unter den Ostjuden wenig verbreitet, „sei es infolge ihres niedrigen Kulturstandes, sei es infolge der an ihren männlichen Neugeborenen ausnahmslos vorgenommenen Operation." Von diesen beiden großen Freundinnen des Menschengeschlechtes, der Tuberkulose und der Lues, ist also gegen die Ostjuden wenig zu erhoffen. Man könnte auch ein Bildungszeugnis empfehlen und von jedem Einwanderer mindestens die Kenntnis des Lesens in einer europäischen Sprache fordern. Zum Unglück gibt es einstweilen keinen, der nicht wenigstens „Jiddisch" lesen, zu allermeist auch schreiben könnte. Und das Jiddisch aus der Reihe der europäischen, Sprachen auszuschließen, geht doch! nicht an, (nachdem seine Verwandtschaft mit dem Deutschen und seine Elignung zur Vermitthing der deutschen Kultur sooft und nachdrücklich betont wurde. Die Kenntnis eines europäischen Alphabetes, das Prof. Wolfgang-Heinze fordert, könnten sich die Juden sehr rasch aneignen. Man müßte also ein direktes Gesetz gegen die Juden machen. Fritz weist darauf hin, daß jetzt schon die ausländischen Juden in einigen preußischen Provinzen, so in Ostpreußen, gewissen Aufenthaltsbeschränkungen unterliegen: „1. (Nur) Kinder der jseit 1882 -ansässigen Ausländer können eingebürgert werden. 2. Spätere Zuwanderer müssen alle zwei Jahre von neuem die Genehmigung nachsuchen, mit i'hren Familien hier wohnen zu dürfen. Wer keine Familie hat, muß sich verpflichten, hier keine zu gründen oder aus Rußland (Oesterreich) einzuführen. 3.. Die in den letzten fünf bis zehn Jahren Eingewanderten und die seit zwanzig und mehr Jahren hier Wohnhaften, die aber erst kürzlich! geheiratet haben, müssen sich bei der Aufenthaltsbewilligung verpflichten, daß ihre Söhne bei Erreichung des neunten Lebensjahres Preußen verlassen." Allein es ist zu bedenken, daß all das sicher zu den Ueberbleibseln der mittelalterlichen Gesetzgebung gehört, von denen Graf Bernstorff in New York öffentlich erklärt hat, daß „die letzten Schranken, die noch in Deutschland sich vor den Juden erheben, nach dem Kriege fallen werden". Wenn aber der Geheimrat Fritz auf das Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika und Australien, Wolfgang-Heinze auf das Beispiel Kanadas* sich beruft, die scharfe Bestimmungen gegen die Einwanderung unerwünschter Fremder eingeführt haben und von Deutschland die Nachahmung} dieses Beispiels fordert, so übersehen sie eine Kleinigkeit: Weder Amerika noch Australien, noch Kanada haben die Länder, deren Einwohnern sie die Einwanderung verbieten, erobert und ihren Reichen angegliedert; andererseits wandern Amerikaner und Australier in jene Länder nicht ein. Anders ist Deutschlands Stellung den dem" Geheimrat Fritz so unerwünschten Ländern gegenüber. Was er fordert, ist, daß Deutschland die Judenpolitik Rußlands fortsetze und einen Ansiedlungsrayon einführe, nur mit der Grenze nach Westen anstatt nach Osten. Es ist übrigens nur zu bedauern, daß diese Herren mit ihren Vorschlägen nicht einige Monate gewartet haben, sie hätten von Australien und Kanada noch mehr lernen können. Der Ministerpräsident von Australien hat ein Gesetz eingebracht, wonach den Deutschen fernerhin die Einwanderung in dieses Land verwehrt sein solle; die schon naturalisierten Deutschen müssen den Nachweis führen, daß ihre Naturalisation „ehrlich gemeint" sei, sonst solle sie rückgängig gemacht werden. In Kanada hinwiederum ist ein antideutscher Bund gegründet worden, der drei Parolen auf seine Fahne geschrieben hat: Keine deutschen Arbeiter, keine deutschen Grundbesitzer, keine deutschen: Einwanderer! Vor kurzem hat ein richtiger Pogrom gegen die Deutschen in Kanada stattge4 gefunden, ein Pogrom ganz nach echtrussischemi Ritus. Dasselbe wie Fritz und Paphnutius verlangen im Grunde alle anderen „Gesetzgeber", die in der letzten Zeit hervorgetreten sind. Adolf Bartels macht die Sache kurz: Er verlangt, daß sämtliche Juden (und Polen) aus den eroberten Landesteilen nach — Sibirien (auf Grund eines Ver-* träges mit Rußland) verjagt werden sollen, „umi so für einen deutschen Hundertmillionenstaat Raum zu schaffen". Eine radikale Lösung, die} nur etwas zu umständlich wäre. Ein russischer Staatsmann eröffnete im Januar einem amerikanischen Journalisten, daß in Rußland (damals) der Plan bestand, die Juden nach dem Kriege in eine der den Deutschen abzunehmenden Kolonien abzutransportieren. Dort, wo der Pfeffer wächst,

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