Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 91 - 92 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584063-2597166--16073-2597205- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
91 Die Abwehrmittel gegen die Ostjudengefahr und ihre Unzulänglichkeit. 92 zu sichern. Es wäre unmöglich, daß, während in der einen Stadt die Lebensmittel so reichlich vorhanden sind, daß die Schweine damit gefüttert werden, zwanzig Meilen weiter die Leute an Hungertyphus sterben, weil die Regierung mit ihrem großen Verstand und Weitblick, anstatt für Bahnen und andere Verkehrsmittel zu sorgen, Pogrome veranstaltete, um eine Entwicklung der Judenfrage wie im Westen zu verhindern. Rußland wäre nicht mit 81 Prozent Analphabeten gesegnet, deren Seelen nicht in Gefahr geraten, durch eine von Juden verpestete Literatur vergiftet zu werden. Und Rußland, das den 'fruchtbarsten und gesegnetsten Boden von Europa besitzt — vielfach fruchtbarer als der Frankreichs —, würde nicht mitten im tiefsten Frieden alle paar Jahre von weitgreifenden Hungersnöten heimgesucht werden, die Tausende und iTausende von Seelen in ein besseres Jenseits befördern und Zehntausende daran gewöhnen, die härtesten Entbehrungen tapfer zu ertragen. Daß Deutschland alle diese und noch viele ähnliche Segnungen entbehren muß, ist gewiß nicht allein seiner Judenemanzipation zuzuschreiben. Aber daß dieser Zustand eine Folge jener Strömungen ist, die die Emanzipation der Juden schließlich unumgänglich machten, ist leider nicht zu leugnen. Sogar auf einem Gebiet, welches der Politik scheinbar fernliegt, zeigt sich die — Ueberlegenheit Rußlands über den Westen und insbesondere Deutschland. In Rußland, welches mit den besten Boden der Welt hat, liefert nach der Statistik des Finanzministeriums (1907) eine Desjatine Boden 42 Pud Weizen, in Nordamerika 60, in Oesterreich 75, in Ungarn 77, in Frankreich 78, in Deutschland 120, in England 137 Pud. Man kann nämlich den Ackerboden gleichwie das Menschenmaterial intensiv oder nichtintensiv bewirtschaften. * sie * Und während Fritz und Paphnutius Deutschlands Fehltritt, die Juden emanzipiert zu haben, bitter beklagen, wird dieser von ihren russischen Kollegen geradezu verflucht, und zwar aus viel höheren, idealen Motiven, man möchte sagen, von den Zinnen der europäischen Kultur und Gesittung herab. Bekanntlich verteidigen die Russen in diesem Kriege die edelste europäische Gesittung und Kultur gegen die deutschen Barbaren. Nun haben sich die Russen in den Kopf gesetzt, und wiederholen es in allen Tonarten oft und oft, daß die großartigen Erfolge der deutschen Waffen und der überraschende Widerstand des Landes gegen die Aushungerungspolitik zwar in erster Reihe der Tapferkeit der deutschen Soldaten und der Genialität der Führer zuzuschreiben, daß daran aber auch der Erfindungs- und Organisationsgeist Deutschlands „schuld sei". (Paphnutius hätte darüber Erbauliches in den „Grenzboten" Nr. 5 von 1916 lesen können.$ Nun sagen die Russen, diesen Erfindungs- und Organisationsgeist Deutschlands haben zu einem sehr beträchtlichen Teil die deutschen Juden verschuldet, die sich sämtlich gegen die europäische Kultur und Gesittung und gegen Rußland insbesondere verschworen haben. (Weshalb die russischen Kollegen den Herren Fritz und Paphnutius auch fortwährend an den russischen Juden Rache zu nehmen auffordern.) Die Russen nennen sogar die Namen der einzelnen Missetäter, z. B.: Prof. Dr. Adolf Frank, der die bedeutendste agrikulturchemische Entdeckung der ietzten fünfzig Jahne gemacht hat, nämlich die Gewinnung des Kali als Düngemittel, wodurch die Produktivität des mageren deutschen Bodens enorm gesteigert wurde. Sodann der geniale Chemiker Fritz Haber, der die Gewinnung des Düngers gar aus dem Stickstoff der Luft gelehrt hat — eine Entdeckung von kolossaler Bedeutung für den Ackerbau —, ein echter Russe hat sie in seinem Zorn einen „echt jüdischen Trick" genannt. Derselbe Chemiker hat neuerdings wichtige Kampfmittel und Geschosse hergestellt, die den Feinden sehr viel zu schaffen machen. Ehrlich hat das Salvarsan dargestellt und der Volksgesundheit damit gerade im Kriege enorme Dienste geleistet. Dasselbe gilt von Wassermann, dessen „Reaktion" zu den wichtigsten diagnostischen Mitteln der Therapie gehört. In derselben Reihe steht Albert Neisser. Daß; im Kriegsjahre 1915 zwei deutschen und einem österreichischen Juden die drei Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie verliehen wurden, finden die russischen Kollegen der Herren Fritz und Paphnutius einfach empörend. Da man nicht ungestraft Rausenberger heißt, so stempelten die Russen den Träger dieses Namens, den Konstrukteur der Zweiundvierziger, zu einem Juden und machen alle seine Glaubensgenossen verantwortlich für die Einnahme so vieler französischer und russischer Festungen. Die teuflischen Machinationen, vermöge deren Deutschland trotz der Einkreisung der Aushungerung spottet und seine Rohstoffvorräte unerschöpflich erscheinen, werden ebenfalls Juden zugeschrieben, namentlich Albert Ballin und Walter Rathenau. Die Russen sagen sich mit Recht: Ohne die Emanzipation wären alle diese Juden in irgendeinem Ghetto oder Ansiedlungsrayon verkommen und hätten nicht dazu beitragen können, die Erlösung Europas durch die Kosaken von dem Joch der deutschen Barbaren zu verhindern. Sie sagen sich mit Grauen, daß Rußlanjd, welches mehr als zehnmal soviel Juden hat als Deutschland, im Falle ihrer Emanzipation für den Fortschritt der europäischen Kultur eine ernste Gefahr werden könnte. Man wird zugeben, daß sich diesem Gedankengang eine gewisse Berechtigung nicht absprechen läßt. DIE ABWEHRMITTEL GEGEN DIE OSTJUDENGEFAHR UND IHRE UNZULAENGLICHKEIT Es erhebt sich nun die Frage, was tun? Geheimrat Fritz schlägt einfach Grenzschluß vor. „Durch ein Reichsgesetz ist die Einwanderung von Angehörigen fremder Rassen kurzerhand zu verhindern/* Schön. Aber wie soll man die Rasse feststellen? Die Broschüre ist zwar voll von allerlei Rassentheorien, die als untrügliche Wahrheiten vorgetragen werden. Der Verfasser weiß sogar ganz genau, aus wie vielen Urrassen die gemeine und verwerfliche jüdische Rasse sich zusammengesetzt hat. Aber dem Gesetzgeber exakte Merkmale zu nennen, nach welchen er