Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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89 Wie aus der Ostjudenfrage eine Westjuden frage wurde. 90 David Friedländer Ursachen ihrer schmählichen Niederlagen, der Zerrüttung und Verkommenheit ihres Staatswesens nachzuforschen, unter ihnen solche Herren wie Fritz und Paphnutius erstehen, die für alle Uebel den „verderblichen Einfluß" der Deutschen verantwortlich machen. Der Anfang ist schon getan. Von vielen Seiten wird nämlich die „deutsche Reaktion" in Rußland als die Hauptursache der ganzen Verrottung hingestellt, indem man darauf hinweist, daß die Deutschen in vielen einflußreichen Stellungen die Träger der reaktionären Prinzipien und, Bekämpfer allen Fortschrittes gewesen seien! Sogar die Judengesetze und die Pogrome werden auf den Einfluß hoher Würdenträger und Politiker deutscher Abkunft zurückgeführt. Es ist bezeichnend, daß ein Teil der russischen Presse die Gesetze Maklakows zur Enteignung der Deutschen, ein anderer deren Mißhandlung und Verfolgung während des letzten Sommers damit motivierte und rechtfertigte, daß Rußland den Kampf gegen die „deutsche Reaktion", die es zugrunde zu richten drohe, aufnehmen müsse! Das war nicht etwa als Witz gemeint. * >K * Das arme, von seinem Häuflein Juden geknechtete, geistig, moralisch und wirtschaftlich ausgesogene und in seinem Aufschwung gehemmte Deutschland blickt durch die Augen der Herren Fritz und Paphnutius neidvoll und sehnsüchtig zu dem glücklichen Rußland empor, welches jetzt, prangend in hehrer Glorie, von aller Welt bewundert dasteht. Dieses Land hat es verstanden, durch eine weise Gesetzgebung die Oberherrschaft der Juden und alle ihre verhängnisvollen Folgen sich vom Leibe zu halten. Paphnutius drückt das mit folgenden unvergleichlich schönen Worten1 aus: „Sie (die Juden in Rußland) leben zum großen Teil in den kümmerlichsten Verhältnissen, in ihren Erwerbsmöglichkeiten durch eine harte Gesetzgebung beschränkt und durch ein brutales Verwaltungssystem, zu dessen Einrichtungen der Pogrom gehört. Freilich kann man diesem System wohl Menschlichkeit und Gerechtigkeit, aber doch nicht durchaus Verstand und Weitblick absprechen, denn es verfolgt das klare Ziel, eine Entwicklung der Judenfrage, wie sie in den westlichen Ländern eingetreten ist, zu verhindern. In einem kulturarmen Lande, dem ein breiter Mittelstand fehlt, und in dem die besten Kräfte des Volkes noch in einem durchaus gesättigten bäuerlichen Proletariat gebunden sind, würden die Juden nach einer Emanzipation nur zu leicht im Wirtschaftsleben und bald auch im politischen Leben die Führung an sich reißen." Wer Rußland so liebt, wie das Paphnutius tut, muß mit Entsetzen daran denken, was aus diesem Lande geworden wäre, wenn es dieselbe fatale Dummheit gemacht hätte, wie z. B. Deutschland, seine Juden zu emanzipieren. Dann wäre Rußland vielleicht auf dieselbe Stufe herabgesunken, auf der Deutschland sich jetzt befindet. Es wäre z. B. unmöglich, daß die Stadtverwaltung von Moskau in öffentlicher Sitzung eine halbe Million Bestechungsgelder für die Bahnbeamten votiert, um die Lebensmittelzufuhr für die Bevölkerung Hochverdienter Vorkämpfer der Emanzipation der Juden in Preußen.