Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584060-2584063-2597166--16071-2597203- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S7 Wie aus der Ostjudenfrage eine Westjudenfrage wurde. 88 wurden nach kurzem Wirken aus dem Wege geräumt.; Die Juden sind von jedem Einfluß auf Gesetzgebung, Verwaltung, Rechtsprechung und Militärwesen gänzlich ausgeschlossen. Keine Volksseele der Welt ist so rein geblieben von jeglicher Befleckung durch jüdischen Geist, wie die „schirokajä russkaja duscha". Der einzige russische Richter jüdischen Glaubens, der überhaupt je existiert hat, namens Treitel, galt in der ganzen Welt als eine Sehenswürdigkeit. Wenn nun in den von den Herren Fritz und Paphnutius vertretenen Anschauungen ein Fünkchen Wahrheit wäre, so müßten Deutschlands! Gegner nicht nur auf der ganzen Linie siegreich1 und Deutschland längst zerschmettert und unterjocht sein, sondern es müßten noch obendrein folgende Dinge zutreffen: England müßte in ethischer Beziehung am höchsten stehen. Jede Spur von Materialismus, Kapitalismus und Egoismus müßte aus dem öffentlichen Leben und der Politik Englands ausgeschlossen sein, es müßte ausgeschlossen sein, daß dieses Land einen Krieg' führte um das Monopol am Sklavenhandel (Friede von Utrecht), um Absatzmärkte für Industrieartikel, um Handelsverträge mit Meistbegünstigungsklauseln, um Gold- und Kohlengruben oder Baumwollpflanzungen oder Bankprivilegien und Eisenbahnkonzessionen. Wenn England das Schwert zieht, so sollte das nicht zu dem Zwecke geschehen, um fremde Länder zu erobern und1 freie Republiken mit Diamantenfeldern zu unterjochen, sondern ausschließlich um Sphärenmusik und himmlisches Manna, um die Erkenntnis Gottes und die Veredlung des Menschen. In Frankreich müßte die Sittlichkeit, namentlich die sexuelle, in vollkommen makelloser Reinheit dastehen: die Politik müßte nach den höchsten Prinzipien der Ethik geleitet werden, und es müßte absolut unmöglich sein, daß Rachsucht und Eitelkeit und Rentenhunger diese Nation zu einem Bündnis mit Rußland und zu einem mörderischen Krieg triebe. In Rußland aber müßte eine musterhafte Verwaltung, eine ideale Rechtspflege, eine stramme Ordnung und eine tadellose Disziplin herrschen, das Offizierkorps müßte das tapferste und die Armee die begeistertste, hingebungsvollste und — siegreichste sein. Habgier der Generale und Intendanten, Bestechlichkeit der Beamten, Auspressung der produktiv Arbeitenden und Unterdrückung der Besitzlosen müßten zu den ganz unerhörten Dingen gehören. Der allgemeine Wohlstand und die Volksgesundheit müßten dort blühen, wie nirgends in der Welt. Und in der Presse aller drei Länder müßte Lüae, Heuchelei, Verleumdung nicht das kleinste Plätzchen haben. Indessen weiß vielleicht sogar Herr Fritz, daß die Wirklichkeit von dem hier entworfenen Bild ziemlich weit entfernt ist. * * * Tatsächlich sollte man, wo es sich um praktische Fragen handelt, von dem Einfluß eines Volksstammes auf den anderen, so wenig als möglich reden. Das ist ein noch viel weniger aufgehelltes Gebiet als die Rassenfrage und gibt manches unlösbare Rätsel auf. Zum Beispiel folgendes: Es ist bekannt, daß auf die Russen von allen Fremdvölkern keines einen so tiefgehenden und langandauernden Einfluß ausgeübt hat, wie die Deutschen seit Peter dem Großen, zunächst die Balten (1710), dann aber auch die Deutschen aus Deutschland; abgesehen davon, daß die Gotenwanderung sich bis an die Wolga und an das Kaspische Meer erstreckt hat, so daß noch im 15. Jahrhundert Gotisch dort heimisch gewesen sein soll, abgesehen davon, daß die ersten Gründer des russischen Staates offenbar Germanen gewesen sind, wird doch sogar die Abstammung Tolstojs von einem nach Moskau eingewanderten Deutschen namens Fett abgeleitet. Die Deutschen waren in den höchsten Stellungen der Regierung vertreten, in der Verwaltung, in der Justiz, in der Diplomatie, im Heere. (Während die Deutschen in Rußland 1,1 Prozent der Bevölkerung ausmachen, waren sie, nach Massaryk, zu Ende der Regierungszeit Alexanders II. in der Ziviladministration mit 32, in der der obersten Truppenkommandos mit 41, im Senat und im Reichsrat mit 33—36, im Kriegsministerium mit 46, im Ministerium des Aeußern mit 57, in den anderen Ministerien mit 27—39, in dem Eisenbahnministerium mit 39, in der Post- und Telegraphenverwaltung sogar mit 62 Prozent vertreten.) Es gab russische Botschafter deutscher Herkunft, die kein Wort Russisch verstanden. Von den hundert Generalen, die 1831 die russischen Truppen gegen Polen führten, waren 56 Deutsche. Die mächtigen Stellungen und der große Einfluß der Deutschen erregten den Neid der „echten" Russen. Als Alexander I. dem General Jermolöw freistellte, sich eine Gunst abzubitten, antwortete dieser: „Majestät, machen Sie mich zu einem Deutschen." Würdenträger deutschen Ursprungs, wie Sabler, Schwarz, bekleideten sogar die Stellung eines Prokurors des Heiligen Synod. Als Plehwe ermordet wurde, weinten ihm die Deutsche Tageszeitung und die Kreuzzeitung bittere Tränen nach und wiesen auf seine zahlreiche Verwandtschaft unter dem preußischen Adel hin. Auch noch im jetzigen Kriegt begegnet man auf Schritt und Tritt unter hohen Generalen, Gouverneuren und sonstigen Beamten deutschen Namen von bestem Klang. Alles, was in Rußland an höherem Geistesleben, Philosophie und Wissenschaft vorhanden ist, baut sich auf Gedanken auf, die aus Deutschland importiert sind. Ein russischer Professor, der nicht Deutsch verstünde, gehört zu den größten Seltenheiten. Sogar der Panslavismus ist zum größten Teil gedanklich das Werk von Deutschen: Haxthausen, Orest Miller, Hilferding, Engelhardt u. a. Einige der größten russischen Verleger und Zeitungsinhaber sind Deutsche. Wie soll man es nun erklären, daß von der ganzen Tüchtigkeit, Biederkeit, Ehrlichkeit, Treue und Diszipliniertheit der Deutschen so ganz und gar nichts auf die Russen abgefärbt hat? Oder sollte die Welt der Macht des radikalen Bösen! so unrettbar verfallen sein, daß alle Völker durch die Handvoll Juden verdorben, aber selbst durch das mächtige und große Volk der Deutschen nicht gebessert werden können? Nun macht man in Rußland bekanntlich nichts so gern und so flink nach, wie deutsche Theorien und Hypothesen. Man darf also mit Sicherheit erwarten, daß nächstens, wenn die Russen ebenfalls Selbsteinkehr halten und daran gehen, den