Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-02-01 · Heft 2-3 (Februar-März 1916) · p. Seite 85 - 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 2-3 (Februar-März 1916)
Article
Die Ostjudenfrage
Date
1916-02-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584063-2597166--16070-2597202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

85 Wie aus der Ostjudenfrage eine Westjuden frage wurde. 86 so oft gedruckt, so viel studiert und kom-> mentiert; in keinem Lande der Welt fand er — von Reuchlin bis auf Wünsche und Strack — unter den Nichtjuden so viele Versteher uricl Verteidiger. Vor etwa fünfzig Jahren schrieb Graetz, in keiner Sprache der Welt gebe es eine so zahlreiche judenfeindliche Literatur, wie in der deutschen., Allein das beweist nur, daß man sich in Deutschland mit den Juden mehr als anderswo beschäftigt hat, und auch eine abwehrende, streitbare Beschäftigung mit einem Gegenstand führt eine gewisse Infizierung herbei. Andererseits ist die objektive, rein wissenschaftliche Befassung mit dem Judentum in allen seinen Erscheinungsformen nirgends so intensiv gewesen, wie in Deutschland. In der ganzen Welt schöpft man die Kenntnis des Judentums neben den hebräischen aus deutschen Büchern, womit nicht nur die reiche wissenschaftliche Produktion der jüdischen Gelehrten Deutschlands gemeint ist. Wer nicht Deutsch versteht, kann auf diesem Gebiete einfach nicht mitreden. England dagegen war seit 1290 bis auf Cromwell völlig judenrein. Vorher beherbergte es einzelne, versprengte jüdische Gruppen, die gar nicht in Betracht kamen. Nachher siedelten sich in London eine Handvoll Juden an, und zwar Juden der erlesensten Sorte, von der Geheimrat Fritz, wie dies schon Treitschke getan, beinahe schwärmt, nämlich die Sephardim. Die niedrigen, gemeinen Aschkenasim aus Deutschland kamen viel später und in sehr geringer Zahl dahin. Bis auf den heutigen Tag gibt es in ganz Großbritannien 238 000 Juden, von denen mehr als zwei Drittel erst seit dreißig oder vierzig Jahren eingewandert sind, ganz für sich leben und gar keinen Einfluß auf die Engländer haben. Nur eine kleine Auslese von jüdischen Familien, die sich, bei allem strengen Festhalten an der jüdischen Religion, sozial und kulturell mit dem exklusiven Briten längst verschmolzen haben, besitzen in der Gesellschaft gleichen Rang und Ansehen. Fast genau dasselbe gilt von Frankreich. Dieses Land war seit 1394 bis auf Ludwig XIV. völlig judenrein. Dann hatte Frankreich die Juden im Elsaß und Lothringen, die aber außer jeder Verbindung mit den Franzosen im wirklichen Frankreich standen. Später siedelten sich in Südfrankreich einige hundert Marannenfarnilien aus der pyrenäischen Halbinsel an — wiederum Elitejuden nach Fritz. Die ungefähr 90 000 Juden, die in ganz Frankreich leben, bilden noch nicht ein Viertel prozent der Bevölkerung, ungefähr die Hälfte davon ist in den letzten fünfzig Jahreh eingewandert. In ganz Frankreich gibt es drei oder vier größere Judengemeinden. Die Juden, die in Frankreich irgendwie durch hervorragende künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen oder aber durch großen Reichtum zur Geltung1 kommen, lassen sich an den Fingern aufzählen. Rußland hat bis zur ersten Teilung Polens! überhaupt nur an seinen Grenzen versprengte jüdische Gruppen gehabt. Als im Jahre 1549 Abgesandte des Polenkönigs Sigismund August von Iwan dem Schrecklichen Handelsfreiheit für die litauischen Juden im moskowitischen Reich forderten, erwiderte er: „Diesen Menschen soll ich Zutritt zu meinem Reich gewähren, die den Heiland gekreuzigt, das Christentum lästern und die abscheuliche Giftpflanze Tabak in meinem Lande verbreitet haben?" (Die jüdischen Händler aus Polen haben nämlich in Rußland die Tabakstaude, aus der das Land seither unermeßliche Reichtümer gezogen hat, eingeführt.) Als er 1563 Plozk eroberte, ließ er die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt kurzerhand in der Dwina ertränken. Diese beiden Züge charakterisieren bis auf den heutigen Tag die russische Judenpolitik. Große Massen von Juden bekam Rußland erst mit den Provinzen, die es sich nach der ersten Teilung? Polens aneignete. Katharina II. erließ am 4. Dezember 1762 nach ihrer Thronbesteigung ein Edikt: „Angehörige aller fremden Völker sollen in meinem Reiche willkommen sein, mit Ausnahme der Juden.". Noch heute ist das ganze von dem allein herrschenden und ausschlaggebenden Stamm "der 'Grd"Brussen "bewohnte 'Gebiet den Juden streng verschlossen. Dieser Stamm; wird also von jeder intimen Berührung mit ihnen aufs Peinlichste bewahrt. Die wenigen „Hebräer", die innerhalb dieses Riesengebietes wohnen dürfen — es sollen ihrer ungefähr 200 000 unter beinahe 90 Millionen Russen sein —, sind so verstreut und vereinzelt und durch die Gesetzgebung und Rechtsprechung so gekennzeichnet, daß von einem Einfluß ihrerseits auf die Russen gar nicht die Rede sein kann. Es sind fast ausschließlich Großindustrielle und Großfinanziers, deren Verdienste in ihrem Wirkungskreise selbst von den ärgsten Judenfeinden anerkannt werden. Das Finanzwesen ist übrigens der einzige nicht ganz kranke Punkt in dem durch und durch verseuchten russischen Riesenleibe. Witte, der verdienstvolle Organisator des russischen Geldwesens, hat mit Hilfe der jüdischen Fachmänner das Reich vor dem finanziellen Bankerott bewahrt; er war auch ein heftiger Gegner der offiziellen Judenpolitik. Juden haben in den letzten dreißig oder vierzig Jahren in der Literatur und in der Poesie Rußlands sich freilich eine geachtete Stellung errungen, aber die Literatur hat ja auf den Kern dieses Volkes von 81 Prozent Analphabeten überhaupt keinerlei Einfluß. Noch geringere Bedeutung hatten für den öffentlichen Geist einige sehr bedeutende Aerzte und Naturforscher jüdischer Abstammung, wie Zacharin, Mendelejeff, Metschnikow oder Chwolson, einige hervorragende Künstler, wie Lewithan oder Antokolski, ein Kunsthistoriker wie Wolynski, und einige philosophische Schriftsteller, die nur von einer kleinen Elite gekannt werden und die einem weiten Publikum, noch mehr den herrschenden Kreisen, völlig fernstehen. Der einzige Russe, der sich mit dem Judentum tiefer und gründlicher befaßt hat, war der edle, feinsinnige und subtile Solowiew, der freilich darüber zum Freunde und warmen Verteidiger der Juden 'geworden ist. Aber wie wenig Solowiews Geist in Rußland Geltung1 hat, dürfte sogar Herrn Geheimrat Fritz bekannt sein. Seit etwa zehn Jahren gibt es in Rußland zwei Tagesblätter, die für die jüdischen Interessen eintreten und von Juden redigiert werden. Die gesamte Presse ist sonst judenfeindlich und judenrein, bis auf einige ganz oppositionelle Organe, die seit wenigen Jahren wirken und ohne Einflußi sind. Die Juden befriedigen ihr Lesebedürfnis an den eigenen Zeitungen in jüdischer und in hebräischer Sprache, die noch nie die Seele eines Russen vergiftet haben. (Jollos und Herzenstein, die in der Publizistik sich hervortaten^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.