Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 3)
- Language
- German
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77 Wie aus der Ostjudenfrage eine Westjudenfrage wurde. 78 ein Pogrom versucht wurde, wurde der Brand abermals von den Polen bald gelöscht und alte öffentlichen Organe Polens, vorab die polnische Dumafraktion, gaben der Regierung eine so energische und scharfe Abfertigung, daß der Versuch sich nicht wiederholte, Erst die fortgesetzten Wühlereien der nationaldemokratischen Partei, der Boykott und die nachhaltige, in weitestem Maß betriebene gegenseitige Verhetzung bereitete den Boden für die Saat vor, die der Stab von Denunzianten des Generals Januschkewitsch seit Kriegsbeginn ausstreute und die alsbald blutig! aufging. Polnischer Pöbel, organisiert von russischen Provokatoren, denunzierte gegen glänzende Belohnung nach dem strategischen Rückzüge der Deutschen die Juden des Verrates und der Spionage gegen Rußland, worauf die Russen Blutbäder unter den Juden anrichteten, und die jüdische Bevölkerung massenhaft vertrieben. Derselbe Pöbel, der die Juden denunziert hatte, nahm nun die verlassene und die geplünderte Habe der Juden in Besitz. Die besseren Elemente der Polen hatten jede Herrschaft über die Massen verloren. Die russische Zensur knebelte, wie bereits erwähnt, jede Abmahnung und jede versöhnliche Aeußerung in der polnischen Presse, Das Prinzip „divide et impera" hatte seinen höchsten Triumph gefeiert. Rußland war in Polen eingezogen. Da nun Rußland aus Polen wieder abgezogen und eine gründliche Aenderung der Verhältnisse für die Zukunft zu erwarten ist, da iman fortab die Anwendung des Prinzips „divide et impera" zur Verhetzung) der Juden und der Polen nicht mehr zu befürchten hat, da man hoffen darf, daß unter einem neuen Regime die ökonomische Entwicklung des Landes nicht künstlich hintangehalten werden wird, so ist man berechtigt, anzunehmen, daß die Juden - frage i n Polen in jene normalen, ruhigen Formen zurückkehren werde, die sie über siebzig Jahre lang in diesem Lande getragen hat. Natürlich wird sich Polen nicht sofort in ein Paradies für die Juden verwandeln. Aber die Welt überhaupt wird wohl in den nächsten Jahren kaum das Antlitz eines Paradieses tragen, insbesondere werden wir Juden wohl kaum irgendwo in paradiesische Zustände eingebettet sein. Allein, jener gefährliche, akute Zustand, in welchem die Judenfrage in Polen während der letzten paar Jahre sich befand, der künstliche Massenhaß, der mit Vorbedacht und bösem Willen aufgepeitscht wurde und zu solchen trübseligen Erscheinungen führte, wie der Boykott, wird schwinden. ■* * -* Nicht minder dürfte man im eigentlichen Rußland einen totalen Umschwung in der Judenfrage erwarten. Dieser Krieg hat noch mehr als der japanische der ganzen russischen Gesellschaft die tiefe iVerderbtheit und totale Unfähigkeit des herrschenden Klüngels dargetan. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß das russische Volk nach) dem Krieg eine Reform des Verwaltungskörpersi an Haupt und Gliedern vornehmen wird. Nun liegt die Bedrückung und Verfolgung der Juden in Rußland durch Ausnahmegesetze und Pogrome einzig und allein im Interesse der gewalttätigen; und verkäuflichen russischen Bureaukratie und der ihr nahestehenden Schicht, nicht aber im Interesse des werktätigen, arbeitenden Bürgertums. Gewiß sind die Russen keine philosemitischen Engel, aber die in der „breiten russischen Seele" schlummernden bösen Instinkte müssen durch eine systematische Hetze aufgestachelt, die Regungen der Gerechtigkeit und der Milde geflissentlich unterdrückt und depraviert werden, um zu bewirken, daß das Volk als solches die Ausnahmegesetze duldet und die Pogrome als ständige Verwaltungsmaßregel gutheißt. Die Träger und Befürworter dieser Prinzipien sind dieselben Kreise, die Rußland in den jetzigen Krieg gestürzt haben. Da nun die Macht und der Einfluß dieser Kreise eine (sehr bedeutende Einbuße erleiden wird, so darf man mit Bestimmtheit annehmen, daß in Rußland die Judenfrage ebenfalls viel von ihrer Schärfe und Bösartigkeit verlieren wird. Die Kundgebungen der Wirtschaftsverbände und der Städteverwaltungen in der Judenfrage, von denen weiter unten noch die Rede sein wird, legen jetzt schon Zeugnis dafür ab, daß der gesunde und emporstrebende Kern des russischen Volkes entschlossen ist, mit der bisherigen Behandlung der Juden radikal zu brechen. Diese Schichten aber sind bestimmt, in der kommenden Periode in Rußland das Heft zu ergreifen — wenn nur die Reaktion nicht von außen her eine Stärkung erfährt. Man sieht also, daß die „Ostjudenfrage" in ihren Heimatländern im Erlöschen begriffen ist. Um so mehr mußte man sich wundern, daß sie gerade im jetzigen Zeitpunkt angefangen hat, im Westen die Geister zu beunruhigen. Hier beschäftigt man sich mit dieser Frage nicht etwa in dem Sinne, daß man zu ihrer Lösung im Osten beitragen und das Los der dortigen Juden verbessern möchte, sondern man geht, in völliger Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse, von der irrigen Annahme aus, daß die sechs Millionen Ostjuden nach dem Kriege Deutschland überschwemmen werden. Die „Ostjudenfrage" wird also im Sinne einer „Ostjuden g e f a h r" erörtert und es wird nach Mitteln und Wegen gesucht, dieser Gefahr vorzubeugen. WIE AUS DER OSTJUDENFRAGE EINE WESTJUDENFRAGE WURDE. Aus der reichen Fülle von Artikeln und „Grenzboten" vom 29. September 1915. 3. „Ost- Broschüren über diesen Gegenstand sollen drei jüdische Einwanderung" von Prof. Dr. Wolfganghervorgehoben werden, welche die chärak- Heinze, in Delbrücks „Preußischen Jahrbüchern", teristischsten zu sein scheinen und sämtliche in Oktober 1915. Nr. 1 hat, wie versichert wird, allen anderen enthaltenen Argumente und Voreine Verbreitung in 50 000 Exemplaren gefunden schlage in sich vereinen. Es sind dies: 1. Eine und ist zur Grundlage von Eingaben an die Broschüre unter dem Titel „Die Ostjudenfrage, Regierung gemacht worden, die einflußreiche und Zionismus und Grenzschluß" von Georg Fritz, angesehene Verbände überreicht haben. Unter Kaiserl. Geh. Regierungsrat. 2. „Die Judenfrage dem Decknamen Paphnutius verbirgt sich eine nach dem Kriege" von Paphnutius, in den angesehene Persönlichkeit der Gelehrten- und