Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 2-3 (Februar-März 1916)
- Article
- Die Ostjudenfrage
- Date
- 1916-02-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 2)
- Language
- German
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75 Die Ostjudenfrage. 76 gepflegten Rassentheorien, nach welchen das Entscheidende im Völkerleben nicht die Kulturgemeinschaft und das bewußte Streben nach sittlichen Zielen ist, sondern die Rassenzugehörigkeit. Von russischer Seite wurden ferner die Bestrebungen der Hakatisten weidlich ausgenützt, um gegen Deutschland zu hetzen und die alten Sympathien der Polen für die Deutschen und ihre Kultur auszurotten. Das andere Mittel war der Antisemitismus. Hier griff die russische Regierung auf ihre alten vor mehr als hundert Jahren angewandten Methoden zurück, die darauf beruhten, nach dem Prinzip „divide et impera" die einzelnen Klassen und Bevölkerungskreise des unterjochten Landes gegeneinander aufzuhetzen und auszuspielen, um sie allesamt desto leichter zu knechten. Mit einem raffinierten Gemisch von Tücke und Brutalität wurden Polen und Juden gegeneinander gehetzt. Verwaltung, Gesetzgebung, Zensur und Ochrana arbeiteten in harmonischer Eintracht, um Haß, Mißgunst und Argwohn zu säen und großzuzücjiten. Beide Völker gingen in fataler Verblendung der russischen Regierung auf den Leim, schwächten sich gegenseitig und erleichterten Plehwe und seinen Nachfolgern die Erreichung ihres Zieles: Polen in einem ewigen Zustand der Unruhe und der Gährung zu erhalten,, wie dies schon in dem sogenannten Testament Peters des Großen als eines der Hauptmittel russischer Diplomatie gefordert wird. Der Haß der Polen wurde auf die Juden abgelenkt, die Juden wurden ihnen als die Hauptursache aller ihrer Leiden, ja als eine Gefahr für ihr nationales Dasein hingestellt. Der Haß der Juden wurde auf die Polen abgelenkt. Die gegenseitige Verbitterung wuchs, und während jeder Versuch einer Verständigung und Versöhnung mit brutaler Faust unterdrückt wurde, verabsäumte die Regierung keine Gelegenheit, um bald der einen, bald der anderen Seite als Retterin und Beschützerin zu erscheinen. Religions- und Rassenhaß, beide so leicht zu wecken, im Vereine mit einem chimärischen nationalpolitischen Antagonismus, der bei näherem Zusehen sich als Hirngespinst erweisen mußte, gesellten sich zu den wirtschaftlichen Konflikten und ließen, zum größten Gaudium der russischen Regierung, den Boykott hervorgehen, der den Bruch zwischen Juden und Polen eridgiltig zu machen schien. Die Widerstandskraft des Landes, die Fähigkeit, gegen den gemeinsamen Feind anzukämpfen, war lahm gelegt. Rußland hatte nichts zu fürchten. Der Krieg konnte beginnen. Die anfänglichen Erfolge der russischen Waffen sind zum größten Teil auf diese Umstände zurückzuführen. Die Proklamation des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch an die Polen wirkte auf die Phantasie und $as Gemüt der höheren Stände. Für das niedere Volk hatte der Zarismus einen gröberen Köder. Es wurde bekannt gemacht, daß die deutschen Kolonisten sowie die Juden aus den Städten und den Dörfern vertrieben und Grund und Boden der ersteren, Barvermögen sowie Waren und Häuser der letzteren an die polnische^ Bauern und Kleinbürger verteilt werden solle. Die Habgier der großen Masse wurde aufgestachelt und ihr unter dem Schutze der Regierung eine „legale" Befriedigung verheißen. Die einrückenden Russen erschienen also den Gebildeten als nationale Befreier, der Masse des niederen Volkes als Bringer materieller Reichtümer. Die Juden (und die deutschen Kolonisten) wurden angesehen, als wohnten sie nur provisorisch in fremdem Besitz, aus dem sie bald mit Hilfe der Russen vertrieben, und der in die Hände der rechtmäßigen Eigentümer übergeben werden würde. Die einrückenden Deutschen und Oesterreicher, die diese schönen Hoffnungen zu nichte machten, wurden als eine Art Räuber und Plünderer betrachtet, die die rechtmäßigen Eigentümer hinderten, von ihrem Gut Besitz zu ergreifen. (Derselben Methode bedienten sich die Russen in Galizien und der Bukowina.) Zugleich begann das große Verleumdungskomitee gegen die Juden unter dem Protektorat des Generalissimus Nikolai Nikolajewitsch, geleitet vom Generalstabschef General Januschkewitsch, seine Tätigkeit. Dieses Komitee war gleich nach Kriegsausbruch ins Leben gerufen worden und hatte den Zweck, „Material über das feindselige Verhalten der Juden gegen das russische Heer zu sammeln", um nach dem Kriege jeder eventuellen Forderung nach einer Erweiterung der Rechte der Juden entgegentreten zu können. Dem Stab eines jeden in Polen einrückenden Regimentes wurde ein der polnischen Sprache mächtiger Offizier beigegeben, mit dem Auftrag, sich mit den nationaldemokratischen Ortsorganisationen in Verbindung zu setzen und „Material zu sammeln", d. h. Individuen aus dem niedersten Pöbel zu organisieren, um die Juden der Spionage und des Verrats zu bezichtigen. Das Eigentum der vertriebenen oder hingerichteten Juden wurde von den Denunzianten und deren Sippe mit Beschlag belegt. In der ganzen polnischen Presse wurden, wie der jüdische Abgeordnete von Lodz, Dr. Bomasz, in der letzten Dumadebatte von der Tribüne herab bekundete, durch die Zensur alle Artikel, die das Volk zur Besinnung ermahnten und zu Gunsten der Juderi das Wort redeten, aufs brutalste und rücksichtsloseste unterdrückt, nur die Hetzpresse, die noch von den Zeiten des Boykottes her sich der Gunst der Regierung erfreute, beherrschte allein das Feld. .Seit den ersten südrussischen Pogromen im Jahre 1882 scheute die russische Regierung keine Mühe und Anstrengung, auch im Königreich Polen dieses liebliche Regierungsmittel heimisch zu machen. Vergeblich. Die polnische Gesellschaft aller Klassen setzte dem einen hartnäckigen unerbittlichen Widerstand entgegen. Nur einmal gelang es (1882) der Warschauer Polizei in einigen Straßen dieser Stadt durch den Abschaum des Pöbels ein Zwergpogrömehen zu veranstalten, die jämmerliche Parodie eines echtrussischen Pogroms. Die ganze polnische Bevölkerung Warschaus stellte sich einmütig auf die Seite der Juden und die Unruhen waren im Nu unterdrückt. Nachher flössen aus allen Teilen Polens, auch aus Galizien und Posen, reichlich Gaben für die beschädigten Juden, als Ausdruck des Abscheus gegen die russischen Methoden. „Wir sind keine Russen!" erklärten die Polen in Wort und Schrift. Sogar noch im Sommer 1906, als der Zwist zwischen Polen und Juden schon einen hohen Grad der Verbitterung erreicht hatte, als nach den furchtbaren Pogromen von Odessa, Kiew, Hornel, Schitomir usw., auch in Siedlec in Polen