Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 59 - 60 (sequence 4)
- Language
- German
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59 Die kulturelle Rückständigkeit der polnischen Juden und ihre Hauptürsäche. 60 tasten, ihnen den Weg zur Verbesserung ihrer materiellen Lage und zur Teilnahme an der aligemeinen Kultur des Landes eröffnete. Wie die Juden ihre neugewonnene Bürgerwürde beim Kampf um Warschau und dann unter ihrem großen Freund Kosciuszko*) mit ihrem Blut besiegelt, haben wir gesehen. Später aber nahmen die Dinge einen anderen Verlauf, als damals mancher gehofft und geträumt hatte. Die enge Berührung, in welche die polnischen Juden mit den Berlinern infolge der Angliederung mehrerer Provinzen Polens an Preußen (1795, dritte Teilung Polens) gekommen waren, hatte auf ihre kulturelle Entwicklung eine ganz andere Wirkung, als man hätte meinen sollen: eine Reaktion griff Platz anstatt eines intensiveren Fortschritts. Die ganze an Mendelssohns und seiner Jünger Namen sich knüpfende Bewegung hatte bis dahin anregend gewirkt. Die Stockkonservativen betrachteten sie allerdings mit einigem Mißbehagen, aber das Erlernen der Landessprache, sowie des Hochdeutschen, die Pflege der profanen Wissenschaften und eine .gewisse weltliche Führung erregten keinerlei Befürchtungen für den Bestand des Judentums. Mittlerweile hatten Mendelssohns eigene Kinder und zahlreiche Personen aus dem Kreise seiner Freunde und Jünger dem Judentum schnöde den Rücken gekehrt; die oben mit David Friedländers eigenen Worten geschilderten Zustände waren eingerissen. Eine iheillose Verwirrung griff Platz. Diese Strömungen griffen jetzt nach Polen hinüber. Auch dort fingen die Reichen und Kultivierten an, dem Beispiel der Berliner Kreise zu folgen. Nun erfaßte eine ernste Befürchtung" nicht nur die streng orthodoxen, sondern auch die gemäßigen Kreise. Das Judentum schien durch die neuen Ideen in seinem Bestände bedroht. Jede Aenderung der alten Formen, jede Berührung mit der Außenwelt, die Kenntnis einer europäischen Sprache, Regelung des Erziehungs- und Unterrichtswesens, schienen ihnen als der erste Schritt, der endgültig zum Abfall führte, und die Massen, ja das ganze Volk, ins Verderben mitriß. In Polen war noch die Erinnerung an die große Apostasie lebendig, die wenige Jahrzehnte zuvor durch die frankistischen Wirren stattgefunden hatte. Damals glaubte man, daß zehntausende Juden abgefallen wrären; wir wissen heute, daß diese Zahl ungeheuer übertrieben war. Aber noch lebte Jakob Frank und stand von seiner Residenz in Offenbach aus mit seinen heimlichen Anhängern in Polen in lebhaftem Verkehr. Diese Anhänger selber waren von den; Christen keineswegs als vollgütige Glaubensgenossen angesehen, sondern erregten nur als verdächtige Sektierer heftigen Widerstand, der häufig in Judenhaß umschlug und sich, in einer Reihe boshafter Schriften Luft gemacht hatte. Mittlerweile hatte der Chasidismus sein Haupt erhoben und schien ebenfalls, wenn auch auf landere, noch unklare Weise, an den Säulen des Judentums zu rütteln. All das erzeugte eine begreifliche Aengstlichkeit, die starre Orthodoxie, die .weder nach, rechts noch nach links abbog und sich streng in die hergebrachten Formen einkapselte, schien in diesen unruhigen Zeiten noch die sicherste Bürgschaft gegen eine Schädigung der Volksreligion und der Volksmoral. Die von Berlin kommende Aufklärung aber *) Nach seinem Tode hielten diejuden in den Synagogen Trauerandachten ab, wobei ein besonderes hebräisches Trauerlied auf ihn gesungen wurde. erregte den Verdacht, am konsequentesten zu einer totalen Auflösung des Judentums zu führen. Mit dieser Berliner Aufklärung eng verbunden war das Streben nach bürgerlicher Gleichberechtigung, und der schärfste Ausdruck dieses Strebens war der Anschluß an den Militärdienst. Dieser selbst, indem er eine, wenn auch nur zeitweise, Aufhebung oder Einschränkung vieler Religionsübungen und die Uebertretung vieler Verbote mit sich brachte, mußte als eine gefährliche Verlockung erscheinen, die im Bunde mit der Aufklärung zur vollständigen Abtrünnigkeit erzog. Eine mächtige Reaktion erhob sich, die sich zunächst gegen die Hinneigung zum Militärdienst und das Streben nach bürgerlicher Gleichberechtigung richtete. Der Chasidismus, der von Urbeginn mit dem alten strengen Rabbinismus im Streit lag, schloß jetzt mit diesem seinen Frieden und beide verbanden sich gegen den gemeinsamen Feind, der auch in der großen Masse des Volkes seiner offenbar zersetzenden Ziele wegen einen Gegner fand *). So wurden die Keime, die durch die Mendelssohnsche Strömung, durch den Großen Reichstag, durch die Bewegung unter Kosciuszko 'und Joselewicz ausgestreut worden, von dem scharfen Berliner Wind hinweggeweht. Was übrigens die Gleichberechtigung anbetrifft, so mußte man jetzt ohnehin alle Hoffnungen aufgeben. Die polnischen Juden hatten außer in hebräischer und polnischer, auch in deutscher und französischer Sprache die Konstitution vom Dritten Mai 1791 und den König Poniatowski gefeiert, um ihren fernen Glaubensgenossen den Beginn einer neuen Zeit zu künden — aber die Teilungsmächte, Rußland voran, hatten bald die Konstitution für null und nichtig erklärt, und Preußen und Oesterreich, die sich an der zweiten und dritten Teilung Polens beteiligen, waren nicht das Preußen und das Oesterreich von heute, sondern von dazumal. In den Departements Posen, Kaiisch, Warschau, Plock und Bialystok, sowie in dem Gebiet von Krakau, die an Preußen fielen, erließ Friedrich Wilhelm II. das General-Juden-Reglement vom 17. April 1797. Danach wurden alle vorgefundenen Juden im Schutzjuden verwandelt und mit Schutzbriefen versehen, die ihnen gleichsam als Pässe dienten, und die sie stets bei sich führen mußten. Doch galt dies nur für jene, die zur Zeit der Besitznahme ständig am Orte wohnten. Alle, die sich nur zeitweise hier aufhielten, wurden ausgewiesen, auswärtigen. Juden für die Zukunft die Einwanderung verboten. Jeder Bewohner des Landes, der einen nicht mit Schutzbrief versehenen Juden fing und ihn der Behörde überlieferte, erhielt eine Geldprämie. Die Freizügigkeit wurde ihnen genommen und sie durften ohne Erlaubnis der Behörde weder Wohnort, noch Gewerbe wechseln. Der Hausierhandel auf den Dörfern (der Ankauf von Rohprodukten, sowie der Verkauf von Waren), wurde ihnen untersagt. Als 'leitende Hauptgrundsätze für die gesetzgeberische Behandlung der Juden verkündete die neue Re- *) A. B. Gottlober überliefert folgende Geschichte: ein einfacher Mann eifert gegen die Benutzung der Mendelssohnschen Bibelübersetzung mit dem Biur, das sei ein ketzerisches Buch. Auf die Frage, woher er das wisse, da er das Buch ja nicht gelesen, antwortet er: „Wozu brauche ichs zu lesen? Ich weiß ohnehin, was darin steht: bereschis —, schmad' dich, boro — schmad' dich. Elohim — schmad' dich. Alle haben sie sich ja ausgeschmadt."