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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 57 - 58

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 3)
Language
German
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57 Die kulturelle Rückständigkeit der polnischen Juden und ihre Hauptursache. 58 wurden, mußten sie sich nach Italien wenden, mit der Bitte, daß man ihnen einen des Lateinischen oder Italienischen kundigen Gelehrten schickte, der sich in dieser Sprache mit den polnischen Edelleuten und Geistlichen verständigen sollte, da keiner von den führenden jüdischen Geistern im Lande so viel Polnisch konnte, um den Angreifern entgegenzutreten. Und sie fühlten nicht einmal das Beschämende dieses Zustandes. Als bald darauf der Bestand des Staates ins Wanken geriet, blieb der Gang des Schicksals ihrer inneren Anteilnahme beinahe in demselben Grade verschlossen, wie den Bauern und Kleinbürgern, obgleich sie geistig ungleich reger waren, als diese Klassen. In die mit so viel Wohlwollen geführten Debatten über die Hebung ihrer Lage im Staate konnten sie nicht mit der gebührenden Aktivität eingreifen, ihre Wünsche und ihre Bedürfnisse darlegen und für sie mit Kraft und Würde eintreten. Der Schriftenstreit gegen die Juden in Deutschland 1803—05, dann während der Hepp-Hepp-Periode griff alsbald nach Polen herüber und zeitigte auch dort eine ganze Reihe judenfeindlicher Bücher. Allein, auf Seite der Juden wurden zur Abwehr ein paar magere, inhaltsarme Broschüren verfaßt, und zwar (in französischer Sprache, eine davon, die polnisch ist, wurde wahrscheinlich nach Weisungen der Juden von einem Christen geschrieben. Im Jahre 1816 veranlaßte die Regierung den Bischof von Warschau, nachmaligen Erzbischof und Primas, Malczewski, sich an seinen Freund David Friedländer, mit der Bitte um ein Gutachten zu wenden, wie die Lage der Juden in Polen zu verbessern wäre; im Lande fand sich kein gebildeter Jude, der etwas Bedeutendes hierüber hätte zu saugen gewußt. Das Unhaltbare dieser Zustände fühlten sogar streng orthodoxe Männer. Allein die Zerfahrenheit im Innern, die Verarmung, die Unsicherheit der politischen Lage, der stete Wechsel der Regierungen, machten es unmöglich, eine Verbesserung in Angriff zu nehmen. So blieben die Juden Polens bis tief in das dritte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hinein kulturell und politisch eine dumpfe Masse, jeder neue Gewalthaber konnte ihre Unbeholfenheit und Unreife ausnützen, sich ihrer durch Drohungen und Vorspiegelungen zu seinen Zwecken bedienen und ihre Lage nur noch trostloser gestalten. * * * Das hinderte nicht, daß einzelne hervorragende Köpfe Großes erreichten, zum Beispiel Salomon Majmon, ein außerordentlich kühner und tiefer Denker, aber auch eine in sich zerrissene und unausgeglichene Seele, der leider auch in Deutschland kein Verständnis und keine liebevolle Pflege fand und gewissermaßen als Verstoßener starb.*) Aber solch wenige wirkten auf die Masse ihres Volkes nicht zurück, auch wenn sie nicht, *) Er wäre wohl auf der Straße als Landstreicher verkommen, während Rahel Levin, Henriette Herz und die Töchter Mendelssohns nichts besseres wußten, als in der Atmosphäre von perverser Sexualität und anrüchiger Frömmigkeit mit den Romantikern zu schwärmen — wenn ihm nicht der Graf Kalkreuth eine Zuflucht gewährt hätte. Nadi seinem Tode gönnte ihm die fromme Gemeinde Glogau .nicht einmal ein ehrliches Begräbnis — im Jahre 1804, dem Geburtsjahr von Salomon Münk! wie Salomon Majmon, leiblich auswanderten, sondern wie die ganze Schar der Maskilim in Ostgalizien, Wolhynien und Litauen mitten unter ihrem Volke saßen und wirkten. In Lemberg, Zolkiew, Brody, Tarnopol erstanden bahnbrechende, scharfsinnige Forscher, kühne Denker, bedeutende Dichter und Schriftsteller, deren Begabung ans Geniale grenzte und ohne deren grundlegende Arbeiten der stolze Bau der modernen Wissenschaft des Judentums nicht denkbar wäre. Diese „galizische Schule," deren ruhmreichem Andenken G r a e t z ein besonderes Kapitel widmet, stand in engster Fühlung mit der italienischen Schule und mit deutschen Forschern wie Zunz, Jost, Frankel, Geiger, Kirchheim u. a. In Litauen wirkten wahrhaft große Dichter und Erzähler, man braucht nur die beiden Lebensohn und Abraham Mapou zu nennen. Aber sie alle mitsamt ihrem breiten Anhang bildeten eine abgesonderte Schicht, deren Gedanken nicht in die breiten Massen drangen, weil das Milieu einer gemeinverständlichen Kultursprache fehlte, die die Geistesarbeit aus den Höhen durch den ganzen Organismus leitet. Während J. H. Schorr in Brody seine kühnen und schroffen Theorien über die Entwicklung des jüdischen Religionsgesetzes baute, saß einige Straßen entfernt der „Brodyer Maggid", Rabbi Salomon Klüger, von ganz Israel hochverehrt als eine der ersten rabbinischen Autoritäten und als ein Mann von makelloser Gesinnung und edelster Lebensführung — saß und versetzte seine Welt in die größte Erregung, indem er, gegen die Ansicht des Rabbiners von Lemberg und seiner Parteigänger, mit einem großartigen Aufwand von Gelehrsamkeit und Scharfsinn haarklein bewies, daß, wer die mit der Backmaschine hergestellten Mazzoth am Passah genießt, dieselbe Sünde aut sich lädt, wie wenn er gewöhnliches Brot äße. Und rings im Lande saßen, von Tausenden Gläubigen umschwärmt, einige Dutzend IWunderrabbis, trieben Geister aus, heilten Besessene und flehten auf unfruchtbare Frauen Kindersegen herab. Gleichzeitig rückte eine neue Klasse heran, die grob-materialistische Tendenzen vor Augen hatte, sich den Teufel um Volks aufklärung und Wissenschaft kümmerte und nur danach strebte, alles „Veraltete und Ueberflüssige" in die Rumpelkammer zu werfen und sämtliche Religionsutensilien neu anzuschaffen oder auf neu herauszuputzen, wie es die Parvenüs mit ihrem Hausrat allemal zu tun pflegen. Diese Leute strebten nach einer rein äußerlichen Nachäffungsreform, damit ein p. t. hoher Adel samt Behörde Gefallen an uns fände. Man kann das von dieser Klasse erwünschte Ideal zwar nicht als eine Emanzipation des Fleisches, wohl aber als eine solche des Geldsacks bezeichnen. Diese Bestrebungen, jedes kulturellen und sozialen Wertes bar, haben der Kultivierung una Veredelung der jüdischen Massen die schwersten Schäden zugefügt. Gleichwohl gab es eine Zeit, da den Juden in Polen eine frohe Zukunft lächelte. Das war damals, als die Mendelssohnsche Kulturbewegung in dem ihr von den Measphim und Biuristen verliehenen hebräischen Gewand zu ihnen eindrang und willige Aufnahme fand, während der Große Reichstag zu Warschau (1789—91) in merkwürdig feinem Verständnis ihrer Eigenart und Lage, ihnen völlige bürgerliche Gleichheit gönnte, ohne auch nur um Haaresbreite ihre religiösen Bräuche anzu-

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