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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 5)
Language
German
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61 Ausblicke. 62 gierung: „die große Menge der Juden, die unseren getreuen christlichen. Untertanen nachteilig sein muß" nach Möglichkeit zu beschränken. Darum sollte „ihrer Vermehrung Einhalt getan werden". Sie durften also< fortab nicht vor dem 25. Lebensjahre heiraten, 'und, jeder Heiratskandidat mußte den Nachweis führen, daß er „ein Etablissement oder Gewerbe 'zum wahrscheinlich sicheren Unterhalt für sich und seine Familie" besitze. Sah aber die Behörde ein, daß der Berufszweig, dem der Bewerber angehörte, hinreichend vertreten war, so verweigerte1 sie ihm die Konzession und er mußte den Heiratsplan aufschieben. Auch die „vielen Synagogen sollten nach und nach vermindert" und die Zahl der Rabbiner, Assessoren, und anderer Funktionäre auf ein Minimum reduziert werden. Dadurch, hoffte man, würde „die Anhänglichkeit der Juden an die rabbinische Gelehrsamkeit verschwinden". Um den Fortschritt in diesem Sinne zu beschleunigen, sollte ein Lehrerseminar gegründet werden, und die Mittel zu dessen Unterhalt aus der Besteuerung der Privatsynagogen und der — Ethrogim beschafft werden. Die Jahrhunderte alte freieGemeindeverfassung wurde abgeschafft, die Aeltesten der Juden sollten fortab von den Stadtmagistraten ernannt werden, also von den Hütern des Magdeburger Rechts, die ihre Todfeinde waren und. von alters her alle Verfolgungen gegen sie angezettelt hatten. Schwer traf die Juden ihre Verweisung vom platten Lande, welche sie in den Städten zusammenpferchte und den Händlern und Handwerkern den Absatz fremder und eigener Erzeugnisse unmöglich machte, den größten Teil der Juden also einfach der Nahrung beraubte. Ebenso wurde ihnen das Schankgewerbe bedeutend eingeschränkt, indem ihnen verboten wurde, Getränke auf Kredit zu geben, oder landwirtschaftliche Produkte an Zahlungsstatt zu nehmen, was in den damaligen primitiven Verhältnissen unumgänglich war. Wer eine derartige Handlung eines Juden anzeigte, erhielt eine Belohnung. Diese an sich schon nicht milden Gesetze wirkten durch ihre Motivierung wie ein Schimpf: die Regierung sprach von dem „gemeinschaftlichen wucherischen Handeln und Verkehren" der Juden, von ihrem „Betrug und der äußersten Verschlimmerung ihres sittlichen Charak-, ters", verdächtigte ihre Rabbiner, daß sie Zwang und Druck auf das Volk ausübten. Kurz, es war das alte Lied von der „minderen Moral" der Juden, welches diese Gesetzgebung von jeher sang und mit dem sie es begründete, daß z. B. die beschworene Zeugenaussage eines Juden vor Gericht bis 1847 nicht als vollgültig angesehen wurde. Als der Umschwung kam und für die deutschen Juden eine glückliche Epoche hereinbrach, stand Polen leider nicht mehr unter Preußens, sondern unter Rußlands Oberhoheit. AUSBLICKE. Ueberblickt man das Ringen der deutschen und insbesondere der preußischen Juden um ihre Freiheit und Gleichheit im Staat, so wird man neben der Zähigkeit und der Energie, die Gerechtigkeit und Weisheit, mit der es geführt wurde, bewundern müssen. Freilich hatten sie die kulturelle Gleichberechtigung längst erlangt und in der Person Mendelssohns den denkbar würdigsten Repräsentanten in die deutsche Republik der Geister entsandt, als sie den Kampf um die politische Gleichberechtigung aufnahmen, aber es mußte beinahe noch ein Jahrhundert vergehen, bis diese endgültig zum unanfechtbaren Gesetz im ganzen Deutschen Reich wurde. Im Jahre 1806 mußten sie verzweifeln, je in Preußen als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden. Und jetzt kam für sie ein Moment schwerer und harter Prüfung. Frankreich hatte im ganzen Westen Europas und in denjenigen Gebieten Deutschlands^ die es unterjocht, die Gleichberechtigung der Juden ohne weiteres durchgeführt. Napoleon hatte überdies durch die von ihm berufene Notabelnversammlung und das Synhedrion dem Judentum Ansehen und Glanz verliehen. Er nannte sich den Vollstrecker der Revolutionsideen. Wenn die preußischen Juden sich damals zum Militärdienst drängten, so galt es, gegen eine Macht zu kämpfen, die sie als Befreierin ihrer Glaubensgenossen ansehen mußten und von der allein sie selber Befreiung erwarten durften. Aber diese Macht war die Feindin ihres Vaterlandes. Sie schwankten also keinen Augenblick. Nun waren die Juden damals noch keine vollen 150 Jahre in Preußen ansässig; sie waren hier nicht als zukünftige Bürger aufgenommen worden, sondern als eine kleine Gruppe von Fremdlingen, von denen sich das Geschäftsinteresse eines klugen Monarchen Nutzen für sein Land versprach. Darüber hinausgehende Rücksichten oder Gefühlsmomente waren dabei nicht im Spiel. In Berlin hatte man ihnen einen Wohnplatz in der Nähe der Gegend angewiesen „wo die Frauen in der Schande saßen," wo der Richtplatz und der Schindanger lagen. (Allerdings ist diese Gegend mit der Zeit durch sie zur Stätte des Gewerbefleißes und des Reichtums der Stadt gemacht worden.) Und gleich nach dem Ableben des großen Monarchen begannen sie das Stiefväterliche der Behandlung kräftig genug zu spüren. Die ganze Geschichte ihres Aufenthaltes in diesem Lande war eine ununterbrochene Kette von schweren Bedrückungen und Erniedrigungen aller Art. Auf jeden Versuch, ihre Lage zu verbessern oder Menschenwürde zu erringen, antwortete ihnen demütigender Hohn und Schimpf. Und drüben hatte der Feind alle ihre Schicksalsgenossen befreit und alle Schmach von ihnen genommen. Preußen aber hatte er zerschmettert, von Berlin aus die Kontinentalsperre über ganz Europa verhängt, vier Könige, neununddreißig Fürsten und Prinzen in Deutschland brachten ihm als ihrem Protektor Huldigungen dar, der ganze Norden lag zu seinen Füßen, der Kaiser von Rußland rühmte sich, sein Verbündeter zu sein, der größte Mann der deutschen Nation blickte in demütiger Bewunderung zu ihm auf, sein Wille schien die ganze Welt zu regieren. Und die Juden Preußens durften von ihm alles erwarten,, um was sie bisher vergebens gekämpft. Hätte man es ihnen verargen können, wenn sie sich zum Kampfe gegen ihn nicht allzu eifrig gedrängt hätten? Wären sie schlau gewesen, sie hätten sich gesagt: Preußen liegt hoffnungslos darnieder,. Napoleon gebietet über .ganz Deutschland, welches uns seit jeher mißhandelte und von dem je Besseres zu erhoffen aussichtslos ist. Wir

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