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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 55 - 56

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 55 - 56 (sequence 2)
Language
German
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55 Die kulturelle Rückständigkeit der polnischen Juden" und ihre Hauptursache. 56 ganze Geisteskraft der Juden in Anspruch nahm: sie stand überdies im Gerüche der Ketzerei, und war den Strengfrommen verdächtig. Schließlich enthielten jene hebräischen Werke die Wissenschaft und Kultur des 12. oder 13., aber nicht die des 18. und 19. Jahrhunderts. Für die große Masse des Volkes war aber auch Hebräisch nur im Gebetbuch und in der Bibel, darüber hinaus nur einer, allerdings ziemlich zahlreichen, Elite zugänglich. So kam es, daß ein hochbegabtes, altes Kulturvolk ohne Kultursprache dastand und von' alier Bildung abgesondert war. So kam es, daß ein Individuum wie Jakob Frank im 18. Jahrhundert unter den polnischen Juden Erfolg haben konnte, daß die verheerenden Wirkungen des Chasidismus bei den Massen auf keinen Widerstand stießen. Alle Mystik hat die Neigung, in Magie überzugehen. Der Chasidismus aber trat von Anbeginn in Verbindung mit Zauberwesen, Gesundbeterei und Wundertäter tum auf, er breitete eine dichte Wolke von Aberglauben, Geister¬ und Dämonenglauben über die große Menge des Volkes, versetzte sie in eine unwirkliche^ spukhafte Welt, schloß sie von der lebendigen Wirklichkeit ab, tötete jeden Keim kulturellen Strebens, erklärte jede Regung der Vernunft, jedes geordnete logische Denken für gottlos. So versanken die breiten Schichten in eine noch tiefere Finsternis und wirtschaftlich in einen Quietismus, der jedes Streben zur Selbsthilfe tötete/ Im Westen, besonders in dem angrenzenden Deutschland, gab es viel Bildung zu holen, allein eine Kultur, die man aus der Fremde beziehen muß, kann nur der Besitz einer g e r i n g e n Anzahl Bevorzugter werden, die große Masse bleibt von ihr ausgeschlossen, sie wird nur noch durch eine tiefere Kluft von jenen Bevorzugten getrennt. Doch die Unkenntnis der Landessprache war nicht nur in kultureller, sondern auch in politischer Beziehung verhängnisvoll für die Juden in Polen. Zwischen ihnen und der herrschenden Nationalität, die die Gesetzgebung und Verwaltung des Landes und alle seine Schicksale in der Hand hatte, die eigentliche Trägerin seiner Geschichte und Kultur war, konnte es zu keiner Aussprache und zu keiner Verständigung kommen. Kein Teil wußte etwas vom inneren Leben, von den geistigen Bewegungen des andern. Die Polen sahen,, daß kein Volk so viele und dicke Bücher besaß und so unaufhörlich, so viel und so ernsthaft „lernte" und — so wenig konnte wie die Juden. Und die Juden nahmen nie Veranlassung, den Polen zu sagen, worüber sie in ihren Lehrhäusern diskutierten und worüber ihre Denker und Meister grübelten. So lebten die beiden Völker wie zwei Stumme neben einander dahin, nur im Wochentäglichen, im Handel und Wandel, einander begegnend, ohne daß die Höhen, bis auf die neueste Zeit, je miteinander in Berührung kamen. Daß sie mit einander trotzdem sechs oder acht Jahrhunderte sich viel besser vertrugen, als anderswo in der Welt; daß es in Polen z. B. im ganzen etwa 150 Hostienschändungs- und Ritualmordprozesse gab, während im übrigen Europa, wo nicht ein Drittel so viel Juden wohnten, wie in Polen, deren ungefähr 900 gezählt wurden; daß der Talmud in Polen nur ein einziges Mal verbrannt wurde —, und Iwar in offenem Widerspruch tnit den Landesgesetzen, — während im Westen, seit i242, da in Paris 24 Wagenladungen Talmudhandschriften den Flammen überliefert wurden, bis ins 17. Jahrhundert hinein, ihm keine 10 Jahre lang Ruhe gegönnt wurde; wenn in Polen die Juden nur einmal (aus Litauen) ausgetrieben und nach 8 Jahren wieder zurückgeführt wurden, während im Westen die Geschichte der Juden seit dem Anfang des 13. bis Mitte des 18. Jahrhunderts eint einzige Kette von Austreibungen aus Provinzen und Städten bildete; — wenn unter den Polen nie ein Torquemada, Arbues oder Ferrer erstand (Capistrano und Chiarini mußten für kurze Zeit aus der Fremde bezogen werden), kein Rindfleisch oder Fettmilch, kein Chmielnicki, Gonta oder Zelezniak; wenn unter allen polnischen Königen nur ein einziger ar* ihnen eine Unfreundlichkeit, aber keiner eine große Verfolgung oder systematische Erniedrigung verübte; die größten Könige Polens aber ihre ausgesprochenen Freunde und Beschützer waren; wenn es in Polen für die Juden nie einen gelben Fleck an der Brust, kein Ghetto nach Frankfurter oder venezianischem Muster, keine gesetzliche Beschränkung ihrer natürlichen Vermehrung gab, so ist das einerseits dem durchaus gutartigen, jeder religiösen und nationalen Verfolgung abgeneigten Naturell der Polen zuzuschreiben, andererseits beweist es3 daß die Juden trotz allem doch eine wertvolle Klasse im Staate bildeten und im Organismus der Gesellschaft nützliche Funktionen erfüllten. — Es bekundet aber auch die Richtigkeit eines nicht genügend beachteten Satzes, der zum Verständnis der Judenfrage sehr wichtig ist, nämlich, daß die Juden am stärksten meist dort gehaßt und verfolgt werden, wo sie, infolge ihrer geringen Anzahl in der Bevölkerung,, zu den Seltenheiten gehören und wie unbekannte geheimnisvolle Fabeltiere betrachtet werden, über die man die unsinnigsten Legenden verbreiten kann. In Deutschland war der Antisemitismus am heftigsten in Hessen und Sachsen, wo die wenigsten Juden leben. In Oesterreich kommen die wütendsten und unversöhnlichsten Judenfeinde in den Reichsrat aus Tirol, Steiermark Ober- und Niederösterreich, Böhmen, wo man Meilen wandern muß, um einen Juden zu sehen. In Polen, wo die Bevölkerung aller Klassen die Juden mit ihrem täglichen Lebenskampf, ihren Fehlern und Vorzügen, ihrem religiösen und Familienleben stets vor Augen hatte, siegte die natürliche Duldung über die natürliche Verfolgungssucht. *~ * * * Indessen kamen von Zeit zu Zeit stürmische Perioden, in denen sich das Unnatürliche rächte. Als die Schweden das Land mit Krieg überzogen, wurde den Juden der germanische Dialekt, den sie redeten, zum Verhängnis. Mit ihnen konnte sich der Feind zur Not verständigen, der polnischen Bevölkerung gegenüber war er vollends stumm. Das erregte den Verdruß und den Argwohn der Christen. Die Juden wurden des Konspirirens mit dem Feinde verdächtigt und, vor Gericht gestellt, waren sie in den meisten Fällen nicht einmal imstande, sich eindrucksvoll zu verteidigen und ihre Unschuld darzulegen. (Ganz dasselbe war jetzt beim Einrücken der Deutschen in Polen der Fall.) Als um die Mitte des 18, Jahrhunderts die Rabbinen von den Frankisten zu einer öffentlichen Disputation herausgefordert

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