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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 51 - 52

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 51 - 52 (sequence 3)
Language
German
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51 Die Reaktion. 52 Bergwerk betreiben durften. (Diese Beschränkung mußte vier Jahre später wegen ihrer Schädlichkeit für den Staat wieder aufgehoben werden.) 1827 brachte die merkwürdige Bestimmung, daß ein Jude nicht — Scharfrichter sein dürfe, obwohl sehr zu bezweifeln ist, daß je ein Jude sich um diese Würde beworben hat; es war bloß des Prinzips wegen. 1831 wurden sie durch die revidierte Städteordnung von den wichtigsten Gemeindeämtern ausgeschlossen, in demselben Jahre wurde den jüdischen Grundeigentümern die Patrimonialgerichtsbarkeit abgesprochen. 1833 wurde ihnen das Recht, Schulzenämter zu bekleiden, genommen. 1835 erklärte eine Kabinettsordre die Juden für unfähig, das Amt eines Schiedsmannes zu bekleiden. Im Jahre 1836 wurde geplant, den Juden zu verbieten, „christliche" Namen zu führen, in der Absicht, sie durch die Jargonnamen, wie Leib, Itzig, Mauschel, lächerlich zu machen. Allein die Juden beschlossen, ihren Neugeborenen ausschließlich altbiblische Namen zu geben. Ein. Jude in Posen meldete sein neugeborenes Knäblein unter den althebräischen Namen — Jesus an. Es blieb schließlich der Behörde nichts übrig, als die Verordnung zurückzuziehen. Als Erinnerung hinterließ uns dieses Jahr die hervorragende Studie von Zunz „Namen der Juden". (In unserer Zeit hat die russische Regierung mehrere Male versucht, ähnliche Gesetze einzuführen, aber alle endeten mit einem jämmerlichen Fiasko.) 1841 wurden sie von denjenigen Magistratsstellen ausgeschlossen, deren Inhaber „mit der Ausübung der Polizei persönlich und direkt be- auftragt sind"; in demselben Jahre wurde den jüdischen Rittergutsbesitzern das ihnen bisher ausdrücklich zuerkannte Recht, die Uniform zu tragen, genommen. Man sieht, alle diese Beschränkungen hatten einen mehr beleidigenden, demütigenden, herabwürdigenden Charakter. Materiell die Juden zu schädigen, konnte der Staat nicht wagen, ohne sich selber ins Fleisch zu schneiden. Aber ihnen den Stempel der Verachtung aufdrücken, sie als minderwertig vor den Bürgern hinstellen und im Volk jeden Keim der Schätzung und Sympathie unterdrücken, das konnte er und das tat er. Im Jahre 1842 verbreitete sich das Gerücht, daß eine neue Judenordnung in Preußen geplant wurde, die die Militärpflicht der Juden aufheben sollte Die drei größten Gemeinden Berlin, Breslau, Königsberg beschlossen, korporativ diesem Vorhaben entgegenzuwirken. Von einzelnen Persönlichkeiten taten sich Gabriel Rießer, der als1 einer der bedeutendsten, unermüdlichsten und erfolgreichsten Vorkämpfer der Emanzipation angesehen werden muß, und Moritz Veit, hervor. Den Juden wurde im Mai 1842 der Bescheid, daß mit der Aufhebung ihrer Wehrpflicht ihnen ja nichts genommen würde, da es ihnen ja nach wie vor freistehen werde, freiwillig ins Heer zu. treten. Sie wußten aber, daß eine derartige Maßregel, zumal in Preußen seit dreißig Jahren die allgemeine Wehrpflicht eingeführt war, einer förmlichen Degradation gleichkäme und sie der Verachtung und dem Hohn des Volkes vollends preisgeben müßte. Sie wehrten sich also dagegen mit allen Kräften, und bewirkten das Gesetz von 1845, wonach die Militärpflicht der Juden endgültig festgesetzt und auf alle preußischen Staaten ausgedehnt wurde; das in einzelnen neu. erworbenen Landesteilen noch bestehende Rekrutengeld wurde aufgehoben. Der Plan war aber auch ein arg verspäteter Nachzügler, denn in der Gesinnung der Nation hatte sich inzwischen abermals eine Wandlung vollzogen, und zwar nach der entgegengesetzten Richtung. Das zeigte sich, als (1845) die Ansichten der Stände in den preußischen Staaten zum Zwecke der Neuregelung der Judenangelegenheiten eingeholt wurden. Im entschiedenen Gegensatz zu den in den zwanziger Jahren abgegebenen Meinungsäußerungen lauteten jetzt die Stimmen aller Provinzen — bis auf Sachsen — äußerst günstig für die Juden und verlangten die rascheste Aufhebung aller nach dem Edikt von 1812 erlassenen Beschränkungen, welche die Emanzipation illusorisch gemacht hatten. Nur die Stände der Provinz Sachsen, welche die geringste Anzahl jüdischer Einwohner beherbergte, wünschten keine Verbesserung, „weil der Seperatismus der Juden, die gleichsam einen Staat im Staate bilden," es so forderte. Bemerkenswert ist, daß die Stadtgemeinde Magdeburg, wo die meisten Juden dieser Provinz: lebten, im Widerspruch zu dem Provinziallandtag die Emanzipation sehr dringend empfahl. Im Jahre 1847 wurde eine durchgreifende Reform der Monarchie durchgeführt, aber das brachte vorläufig nur eine Verbesserung; es beseitigte nämlich den beschämenden und demütigenden Unterschied „in Ansehung der Pflicht zur Ablegung eidlicher Zeugnisse und der diesen Zeugnissen beizulegenden Glaubwürdigkeit". Die wirkliche Gleichstellung der Juden in Preußen brachte erst die Verfassungsurkunde vom 5. Dezember 1848, die 21 Jahre später durch das Bundesgesetz von 1869 endgültig festgelegt, 1872 zum Reichsgesetz erhoben und, der Legislatur des Einzelstaates entrückt, dem Schutz der Reichsgesetzgebung unterstellt wurde. Die Zeit von 1815 bis 1847 war für die Juden in fast allen deutschen Landen eine sehr schwere. Wenn keine iVlassenauswanderung nach Polen stattfand, wie ehemals vom 13. bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts, so war die Ursache davon, daß Polen jetzt zu Rußland gehörte und daß das Land, dessen Wohlstand seit der Mitte ties 17. Jahrhunderts, untergraben war, unter der russischen Herrschaft sich nur schwer emporarbeitete*). Dafür wandten sich die deutschen Juden damals massenhaft nach dem Westen. Die großen Ansammlungen von deutschen Juden in Holland, Belgien, Frankreich — wohiln vor allem die Frankfurter übersiedelten — England und insbesondere Amerika, stammen aus jener Periode. Diese Bewegung ließ erst nach 1848 nach.. Das Jahr des Völkerfrühlings ist auch das Geburtsjahr der Freiheit der Juden. Es gab aber auch noch eine andere Emigration,, eine innere, möchte man sagen, ebenfalls eine Flucht in die Freiheit: das waren die Massentaufen. Diese Bewegung hatte schon in den 90er Jahren des, 18. Jahrhunderts eingesetzt. In den Kreisen der reichen und hochgebildeten Berliner Juden War eine Verderbnis eingerissen, über die David Friedländer,. *) Indessen gab es seit 1795 bis 1825 und noch später eine beträchtliche Abwanderung der Juden aus den» preußischen Provinzen, auch den neuerworbenen, nach. Polen.

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