Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 53 - 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 53 - 54 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584060-2584062-2597077--16043-2597136
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

53 Die kulturelle Rückständigkeit der polnischen Juden und ihre Hauptursache. 54 selber gewiß kein allzu strenger Sittenrichter, folgendermaßen urteilt: „Es haben sich Untugenden unter uns verbreitet, die unsere Väter nicht kannten, und die für jeden Preis zu teuer erkauft werden. Irreligion, Ueppigkeit und Weichlichkeit, dieses Unkraut, das aus dem Mißbrauch der Aufklärung und Kultur hervorsprießt, hat leider auch unter uns Wurzel gefaßt und wir sind vorzüglich der großen Gefahr ausgesetzt, daß der Strom des Luxus mit der Rohheit, auch die Strenge und Einfalt der Sitten wegschwemmt." Jn diesem Taumel verlor man allen Halt, und die Taufseuche fing an zu wüten. Das wuchs immer stärker an, nach Ausbruch der Judenhetzen, infolge der Reaktion von 1815, als die Haltung von Regierung und Volk eine Emanzipation immer aussichtsloser erscheinen ließ. Erst der neue Geist, der mit dem Auftreten der Wissenschaft des Judentums die Herrschaft antrat, brachte die Abfallbewegung zum Stillstand. Die dreißiger und vierziger Jahre sahen einen Aufschwung in Deutschland, der den Juden der ganzen Welt zugute kam. DIE KULTURELLE RÜCKSTÄNDIGKEIT DER POLNISCHEN JUDEN UND IHRE HAUPTURSACHE. Die kulturelle Rückständigkeit der Juden in Polen im Vergleiche zu der kräftigen Entwickelung ihrer Glaubensgenossen in Deutschland kam daher, daß den ersteren die Landessprache fremd blieb. Schon daß die Kenntnis des Lateinischen der geistigen Elite der Juden (außerhalb Italiens) seit Jahrhunderten abging, ja, ihnen sogar als ketzerisch und verboten galt, war ein schweres Unglück. Denn dadurch entbehrte ihr Geistesleben der stärksten Anregung; der Zugang zur Kultur und Wissenschaft ihrer Zeit blieb ihnen verschlossen, und allmählich gerieten sie in eine verhängnisvolle geistige Erstarrung. Mose Jsserls z. B., ohne Zweifel ein bedeutender Kopf, ein unabhängiger, kühner Geist, mochte ungefähr 20 Jahre alt gewesen sein, als das Hauptwerk seines älteren Zeitgenossen und Landsmannes Kopernikus erschien, aber er hatte von ihm und seinen Arbeiten nie etwas gehört. Und doch war er der Erbe einer uralten Kultur; Mose Maimuni, dessen Bücher sicher stets auf seinem Tische lagen, äußerte 400 Jahre zuvor über die schwersten Probleme der Philosophie tiefe Gedanken, und beherrschte die ganze Naturwissenschaft seiner Zeit. Und wenn Mose Jsserls im Sohar blätterte, mußte er auf jene merkwürdige Stelle (III, 10a) stoßen, die das halbe kopernikanische System (die Rotation) vorwegnimmt. Kopernikus dagegen war der Sohn einer Rasse, deren Sprache kaum erst dem Kindesalter entwachsen, unter seinen Volksgenossen war die Kunst des Lesens oder gar des Schreibens der Besitz weniger Erlesener. Aber Kopernikus hatte in der lateinischen Sprache den Schlüssel zu dem Schatzhaus in seiner Hand, wo der ganze damals vorrätige wissenschaftliche Ertrag der Arbeit aller Kulturnationen aufgespeichert lag. Mose Jsserls hatte diesen Schlüssel nicht in seiner Hand. Im 18. Jahrhundert war die lateinische Sprache fast ganz entthront, und die Volkssprachen an deren Stelle getreten. Wissenschaft und Bildung fingen an, immer mehr Gemeinbesitz aller Sprachgenossen zu werden. Und jetzt trat der klaffende Unterschied zwischen der Kulturlage der deutschen und der polnischen Juden scharf hervor. Beiden war das Jüdische, der sogenannte Jargon, oder, wie man in Deutschland verachtungsvoll sagte, „das Mauscheln" gemeinsam. Aber von eben diesem Mauscheln zum besten Hochdeutsch war nur ein Schritt. Diesen zu machen war den deutschen Juden umso leichter, als sie infolge der seit Jahrhunderten andauernden Austreibungen ganz dünn gesät waren und überall in naher Gemeinschaft mit Christen wohnten. In wenigen Jahren beherrschten sie das Hochdeutsche in Wort und Schrift oft viel besser, als die große Masse der Christen. Bald entstand auch eine reichhaltige Bücher- und Zeitschriften-Literatur jüdischen Inhalts in deutscher Sprache, welche den Juden infolgedessen auch von der religiösen Seite aus lieb und traut wurde. Sie gewannen zu dieser Sprache ein neues Verhältnis; sie konnten aus dem breiten und tiefen Strom der Bildung, der im deutschen Lande dahinfloß, nach Herzenslust schöpfen, die ausgezeichneten Geister unter ihnen traten in enge Beziehungen zu den Meistern deutscher Wissenschaft und Literatur, wurden bald deren geachtete Mitarbeiter und unter ihren Glaubensgenossen die Herolde der Kultur und der Aufklärung; bald hörte auch das letzte Sträuben der strengsten Orthodoxie auf und im Gotteshause erscholl die deutsche Predigt. Die gemeinsame Sprache schlug über alle Stammes- und Religionsgegensätze hinweg eine Brücke zwischen Juden und Christen und ebnete der endlichen Gleichberechtigung die Wege. Wer dieselbe Sprache spricht, kann auf die Dauer nicht als Fremder betrachtet werden. Anders in Polen. Der Jargon hatte mit dem Polnischen nichts gemein, als die bis zur Unkenntlichkeit alterierten polnischen Wörter, die durch den alltäglichen Verkehr der Juden mit der christlichen Bevölkerung in ihn eingedrungen waren. Die Juden wohnten in dichten Massen beieinander und nur verhältnismäßig wenige von ihnen kamen 5mit den Polen in Berührung,, die übrigens eine rein geschäftliche war, nur eine oberflächliche praktische Kenntnis der Umgangs-, aber nicht der Literatursprache vermittelte. Von dem regen Geistesleben im Lande blieben die Juden also nach wie vor unberührt, sie konnten keinen Teil haben an den starken literarischen und wissenschaftlichen Bewegungen, die namentlich um die Mitte des 18. Jahrhunderts anfingen und den Natur- sowie den historischen und politischen Wissenschaften große Verbreitung schafften, später eine sehr hohe Blüte der Kunst und der Poesie hervorbrachten. Der Jargon enthielt eine ganze Anzahl prächtiger Werke volkstümlichen, ethischen und religiösen Inhalts, aber nicht einmal die Elemente einer wissenschaftlichen Literatur, war übrigens, wie jeder Volksdialekt — und ist es noch heute — ganz ungeeignet, etwas verwickeitere, streng wissenschaftliche Gedanken auszudrücken. (Zu einem Instrument höheren Kulturlebens fehlt ihm jede Beschaffenheit.) Die reichhaltige wissenschaftliche und philosophische Literatur in hebräischer Sprache aus dem 12. bis 14. Jahrhundert lag verschüttet unter einem Wust von populistischen Werken, deren Zahl in den letzten Jahrhunderten erschreckend angewachsen war und die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.