Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 2)
- Language
- German
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31 Der Kampf um die Wehrpflicht der preußischen Juden. 32 beabsichtigte. Die Juden waren nicht in den Sumpf des Lasters, der Armut und der Unwissenheit hinabgesunken. „Nicht wenige von ihnen hatten es durch Fabrikanlagen, durch Spekulation, durch 'großartige Unternehmungen verbunden mit Sparsamkeit, zu Wohlstand, ja Reichtum, gebracht. Sie stellten, wie Mirabeau in seinem Werk „La monarchie prussienne" (1786) berichtet, die einzigen Kaufleute und Fabrikanten großen Stils. Es gab unter ihnen Millionäre in einflußreichen, bevorzugten Stellungen. Ihr Selbstbewußtsein war erstarkt, ihr Ehrgefühl war empfindlicher geworden. Unter dem Einfluß Mendelssohns hatte allgemeine Bildung unter den Juden Eingang gefunden. Jüdische Salons bildeten in der Hauptstadt den Mittelpunkt des geistigen Lebens und einen Anziehungspunkt auch für die vornehme christliche Welt. Jüdische Gelehrte von Ruf waren erstanden, Männer, wie Markus Herz, Salomon Maimon und Lazarus Bendavid, die Schildträger der Kantischen Philosophie, allen voran Moses Mendelssohn, der eine führende Persönlichkeit des geistigen Preußen geworden und einem Geschlecht, das unter der Aufklärung der Zeit den Boden unter den Füßen verloren, durch sein Phädon wieder einen religiösen Halt gegeben hatte. Hochgestellte Christen, Theologen und Philosophen, Künstler und Dichter, Staatsmänner und Fürsten, waren zu Juden in persönliche Beziehungen getreten und hatten jüdischer Gelehrsamkeit, jüdischer Weisheit und jüdischer Geistesbildung ihren Tribut gezollt/' (Freund.) Erregten diese Zustände auch den Neid und die Mißgunst des Kleinbürgertums und des unteren Beamtentums, so mußten die Höhergebildeten und Weitsichtigen doch von dem unnatürlichen Wider- Ernst Oppler, Schriftgelehrte spruch zwischen dem inneren Wert sowie der sozialen Bedeutung der Juden und deren bürgerlicher und politischer Stellung betroffen und zum Nachdenken angeregt werden. So entstanden die Diskussionen über die Emanzipation der Juden. Und jetzt fängt der Kampf um das Recht, bei der Armee zu dienen, an, den vornehmsten Teil des großen Ringens um die bürgerliche Gleichberechtigung zu bilden, den die Juden in Preußen mit eiserner Zähigkeit und mit rührender Hingabe geführt haben. Die Gegner der Emanzipation führten als Hauptargument ins Feld, daß die Juden das Vaterland zu verteidigen nicht imstande wären und zwar aus drei Gründen: die Vorschriften ihrer Religion erlaubten ihnen das Kriegführen am Sabbat nicht; sie wären körperlich zu schwach und klein gewachsen, um Waffen zu tragen; sie wären viel zu feige zum Kriegshandwerk. Es ist für den Geist jener Zeit bezeichnend, daß man für und wider diese Behauptungen eine Menge Tinte vergoß, ohne zu dem einzig richtigen Auskunftsmittel, welches alle Zweifel hätte lösen können, zu greifen: zum Experiment. Der Kriegsrat Wilhelm Christian Dohm, der durch sein Buch „Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden" (1781) die Emanzipationsfrage recht eigentlich erst in Fluß gebracht, läßt sich hierüber mit F. D. Michaelis, der ein Gelahrter in judaicis war, in eine lange Polemik ein. Er beruft sich darauf, daß ehemals Juden in den Armeen Alexanders des Großen, der Ptolemäer und der Römer gekämpft, daß Caesar und Pompejus ihren jüdischen "Söldnern Lob gespendet; er zitiert Maimonides, den er durch Mendelssohn kannte. Im Namen Mendelssohns selber versichert er, daß kein Bedenken vorhanden seiA den Kriegsdienst wie ehemals so auch jetzt seinen Glaubensgenossen am Sabbat für erlaubt zu halten. Aber Michaelis weiß es besser. Er behauptet steif und fest, daß die Juden wenigstens das Exerzieren am Sabbat unterlassen müssen, wälzt eine Menge gelehrter Zitate herbei und rückt schließlich mit dem schwersten Argument heraus: daß nämlich den Juden das richtige Soldatenmaß fehle, , delleicht wegen ihrer allzufrühen Ehen, vielleicht in Folge der ungemischten Rasse." Diese ganze Soziologie und Anthropologie nötigt uns heute ein Lächeln ab, indessen nahm das damalige Publikm sie blutig ernst. Dohm erhielt eine Menge Briefe, die die öffentliche Meinung wiederspiegelten : die Juden seien sämtlich „feige Memmen", eigneten sich darum nicht zum Militärdienst und hätten somit keinen Anspruch auf Bürgerrechte. Diese in den weitesten Kreisen herrschende Anschauung wurde Dohm