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Ost und West · 1916-01-01 · Heft 1 (Januar 1916) · p. Seite 29 - 30

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Journal
Ost und West
Volume
16 (1916)
Issue
Heft 1 (Januar 1916)
Article
Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht
Date
1916-01-01
Page
Seite 29 - 30 (sequence 1)
Language
German
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29 B. Saphra: Jüdische Kämpfe um Freiheit und Recht — Der Kampf um die Wehrpflicht der preußischen Juden 30 JUEDISCHE KAEMPFE UM FREIHEIT UND RECHT. EIN RUECKBLICK AUF DIE LETZTEN HUNDERTFUENFUNDZWANZIQ JAHRE JUEDISCHER GESCHICHTE. Von B. SAPHRA. Stehen wir am Beginn einer neuen Epoche der Weltgeschichte? Wird dieser Krieg das Antlitz von Europa oder auch von Asien derart verändern, daß es nicht wieder erkannt werden wird? Wenn wir Juden bis zu den Anfängen unserer Geschichte zurückdenken, so finden wir in unseren Annalen eine ganze Anzahl solcher Anfänge neuer Epochen der Weltgeschichte verzeichnet, die jedesmal das Antlitz der Welt verändert haben. Aber sie haben nur das Antlitz verändert, der Mensch blieb im tiefsten Innern derselbe, die Elemente des Guten und des Bösen, des Lichtes und der Finsternis, des Strebens nach dem Ideal und des Beharrens bei der bequemen Gewohnheit streiten in ihm nach wie vor ihren ewigen Streit. Manchmal hat sich der Mensch graduell gewandelt, aber nie in seinem Wesen. In jeder neuen Epoche pflanzen sich die Kämpfe der vorangehenden fort. Was uns Juden die neue Epoche bringen wird, ist völlig ungewiß. Die Meinungen und Ahnungen sind sehr geteilt. Darum geziemt es, einen Blick auf die Geschichte der Juden in Mittel- und Osteuropa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, also seit ihrem Eintritt in das moderne Leben, zu werfen. In diesen Ländern wohnt der größte Teil des jüdischen Volkes. Hier war (und ist) die Judenfrage am schwersten und verwickeltsten, hier waren die Juden denn auch am meisten Gegenstand des Kampfes für und wider, hier mußten sie alle Kräfte anstrengen, um eine Besserung ihrer Lage zu erringen, und hier hat die Geschichte an ihnen gleichsam das Experiment auf ihre Brauchbarkeit für das moderne Staatsleben gemacht. Eine Betrachtung dieser Kämpfe und Bewegungen wird manches Lehrreiche für Gegenwart und Zukunft ergeben. DER KAMPF UM DIE WEHRPFLICHT DER PREUSSISCHEN JUDEN. „Wehrpflicht" sagen wir heute noch, und gebrauchen damit ein Wort aus alten Zeiten, welches heutzutage den Begriff lange nicht mehr deckt. Nach der Auffassung des modernen Menschen, des freien Staatsbürgers, ist die Verteidigung des Vaterlandes, die Abwehr des Feindes nicht eine Pflicht, die einem auferlegt wird, zu der einer »erst gezwungen werden muß, sondern es ist ein Recht, ein gutes, ein edles Recht. Ehemals war es in manchen Staaten sogar eirii Vorrecht, welches die herrschenden Klassen für sich ausschließlich in Anspruch nahmen. Mit der Ausbreitung des Gedankens von der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz mußte sich notwendig auch das Recht, Waffen zur Verteidigung des Vaterlandes zu tragen, Militärdienste zu leisten, auf alle Bürger ausdehnen. Ebenso wie das allgemeine Wahlrecht, drängte, früher schon, das allgemeine Wehrrecht zur Verwirklichung. Öie Ausübung des ersteren erfordert eine höhere intellektuelle und soziale Reife, das letztere stellt größere Ansprüche an die physische Beschaffenheit und an die Willenskraft des Einzelnen. Darum kann das allgemeine Wehrrecht früher als das allgemeine Wahlrecht verwirklicht werden. Ersteres ist gewissermaßen eine Probe auf das letztere. Wer sich in der Ausübung des Wehrrechtes bewährt hat, dem kann auf die Dauer -das Wahlrecht nicht vorenthalten werden. Es ist also kein Wunder, daß man sich in vergangener Zeit geweigert hat, den Juden das Wehrrecht zu erteilen, in dem richtigen Gefühl, daß wenn das einmal geschehen ist, ihnen die Bürgerrechte auf die Dauer nicht vorenthalten werden können. * * * Das war auch in Preußen so. In diesem Lande war die Stellung der Juden ehemals gedrückt und erniedrigt, wie wohl kaum in einem anderen. Im Jahre 1510 wurden sie nach einem schauerlichen Hostienschändungsprozeß, in dem achtunddreißig Juden in Berlin lebendig verbrannt wurden, zum großen Teil aus der Mark Brandenburg vertrieben und ihr Vermögen vom Staate konfisziert; 1573 wurden alle Juden endgültig aus der Mark ausgewiesen, und erst hundert Jahre nachher, ,1670, wurden fünfzig von den damals aus Wien ausgetriebenen jüdischen Familien durch den Großen Kurfürsten eingeladen, sich in der Mark, vornehmlich in Berlin, niederzulassen. Dieser geniale Herrscher befolgte hierbei dieselbe Politik, die ihn die französischen Refugies aufnehmen und Holländer ins Land kommen ließ. Er bezweckte damit, durch die Betriebsamkeit, den Unternehmungsgeist und den Kapitalbesitz der Ankömmlinge sein verarmtes und ausgesogenes Land wirtschaftlich zu heben. Er behandelte die Juden freundlich, verlangte von ihnen nur ein mäßiges Schutzgeld und gewährte ihnen dafür gewisse Privilegien und Schutz ihrer Religion und Heiligtümer. Die Grundlinien dieser Wirtschaftspolitik änderten sich jedoch unter seinem Nachfolger, und so wurden die den Juden auferlegten Lasten immer drückender bis zur Unerträglichkeit, die 'Behandlung immer unfreundlicher und herabwürdigender. Unter der Regierung Friedrich des Großen erreichte dieses System seinen Höhepunkt und erst nach seinem Tode konnten die Juden daran denken, an eine Verbesserung ihrer Lage zu gehen*). Wie in vielen ähnlichen Fällen, hatte nämlich auch in Preußen die Gesetzgebung 'und Verwaltung" gerade das Gegenteil von dem erreicht, was sie *) Ausführliches hierüber findet der Leser in dem Werke «Die Emanzipation der Juden in Preußen" von Dr. Ismar Freund ( Berlin 1912, M. Poppelauer ). (Siehe „Ost u. West« Jg. XIII, Nr. 3/4). Dieses Werk beruht auf sehr gründlichen, genauen und erschöpfenden Quellenforschungen, die Darstellung ist meisterhaft, klar und lebhaft, und liest sich wie eine spannende Erzählung. Es gehört mit zu den besten historischen Arbeilen innerhalb der an gediegenen Geschichtswerken so reichen jüdischen Literatur in deutscher Sprache, und kann einen Vergleich mit den vorzüglichsten deutschen und lranzösischen Büchern über allgemeine Geschichte aufnehmen.

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