Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Kriegspsychose und öffentliche Meinung
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
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Kriegspsychose und öffentliche Meinung 10 Punkten zusamemntreffen, so darf die A. J. U. aus den Mitteln der JCA. schöpfen, so viel als sie für nötig erachtet. Im Gonseil der JCA. •sitzen nur drei deutsche Mitglieder, die übrigen •sind Belgier, Franzosen und Engländer. Das sagt genug. In Paris denkt man wohl, und nicht .ganz mit Unrecht, daß man stark bezweifeln dürfe, ob eine deutsch-jüdische Gesellschaft, zumal bei der allgemeinen Erschöpfung nach dem Kriege, je imstande sein werde, auch nur annähernd gleiche Mittel aufzubringen. Wenn man auch die Möglichkeit in Betracht ziehen muß, daß Frankreich von seinem Prestige im Orient, dem Hauptwirkungskreis der Alliance, verlieren könnte, so wird das diese Gesellschaft kaum berühren. Wir sehen ja, sie hat es durchgesetzt, daß ihre Schulen in der Türkei ■weiter funktionieren dürfen, während alle anderen des feindlichen Auslandes geschlossen ■werden mußten. Bei der jüdischen Bevölkerung jener Länder aber, mit ihrem bekannten konservativen und pietätvollen Sinn, wird es, trotz der Haltung der Entente, schwer sein, das durch «eine so ausgebreitete Wirksamkeit und eine so langjährige Tradition erworbene Ansehen der Alliance zu erschüttern. Die Möglichkeit und die Verlockung, deutschen Interessen im Orient feindlich entgegenzutreten, ist also durch den Austritt der deutschen Mitglieder nicht nur nicht geringer geworden, sondern nur noch gewachsen. So hätte der Vorstand der Freien Vereinigung gerade das Gegenteil von dem erreicht, was er beabsichtigte. Man sollte meinen, daß, umgekehrt, gerade jetzt die wohlerwogenen Interessen Deutschlands es erforderten, daß die deutschen Mitglieder bei der Alliance ausharrten. Nach dem Kriege •wird naturgemäß der Chauvinismus in Frankreich erheblich steigen. Tendenzen, die Alliance ausschließlich in französisches Fahrwasser zu steuern, werden darnach streben, die Oberhand zu gewinnen. Es1 ist leicht zu begreifen, daß jene Persönlichkeiten in Frankreich, welche derartige Tendenzen verkörperten, die deutschen Mitglieder als eine Last empfänden, die man, je «eher je lieber, ganz abschütteln möchte, um vollkommen freie Hand zu haben. Natürlich würde man es nie wagen, sie etwa durch brüske Behandlung zum Austritt zu nötigen, da das in der Welt den denkbar schlechtesten Eindruck machen könnte. Dadurch, daß die deutschen Mitglieder, mit ihrem Vorstand an der Spitze, freiwillig das Feld räumten, hätten sie also den heißesten Wunsch der französischen Chauvinisten erfüllt. Man kann somit nicht umhin, auszusprechen, daß der Beschluß der Versammlung mindestens übereilt war. Nicht der französische Chauvinismus hat einen Schlag erlitten, wie es die Absicht des deutschen Vorstandes war, sondern der Gedanke der jüdischen Gemeinbürgschaft, die, von jeder politischen Zeitströmung frei, gegen kein Land der Welt feindlich auftreten darf, und überall nur im positiven Sinne für die kulturelle, moralische und wirtschaftliche Hebung der Juden zu wirken verpflichtet ist. Die Alliance war die einzige jüdische Gesellschaft, die dieses Prinzip offiziell auf ihre Fahne geschrieben hatte, und der gegenüber man mit der Forderung, es streng innezuhalten, auftreten konnte, unter Hinweis auf ihre Satzungen und ihre bisherige ununterbrochene Tradition. Der Welt gegenüber werden die Pariser darauf hinweisen können, daß die deutschen Juden es waren, die dieses Prinzip verletzt, indem sie ohne triftigen Grund den Bruch herbeigeführt haben. Ohne triftigen Grund! Mitglieder des Zentralkomitees in neutralen Ländern haben nämlich eine genaue Untersuchung angestellt, und diese hat ergeben, daß das Zentralkomitee mit dem Aufruf des Konsistoriums und dessen Versendung gar nichts zu tun hat! Wohl wurde die Alliance vom Konsistorium, das keinerlei Beziehungen zum Auslande unterhält, um ihren Beistand ersucht. DieAlliancelehnte es jedoch „aus naheliegenden Gründen" entschieden ab, an "der Versendung des Aufrufs mitzuwirken! Sie handelte also ganz konform ihren in den Satzungen festgelegten und immer streng beobachteten Prinzipien, wonach sie sich von aller Politik fernzuhalten und in den Streit der Staaten nicht hineinzumengen hat. Der Sekretär des Bureaus sandte allerdings, aber nur als Privatmann, ohne Wissen und Willen der Leitung, an einen Bekannten in der Schweiz den Aufruf, selbstverständlich nicht zu dem Zweck, ihn zu veröffentlichen, denn 'davon war in den wenigen begleitenden Zeilen, die lediglich aus üblichen Höflichkeitsformeln bestanden, nicht die Rede, auch trug das Begleitschreiben keine Nummer, wie dies bei allen offiziellen Briefen ausnahmslos der Fall ist, die aus dem Bureau der Alliance kommen. Wenn der amerikanische Konsul in Berlin an einen,, Schweizer, mit dem er befreundet ist, auf dessen Ersuchen z. B. die berühmte Broschüre von Dr. Helfferich sendet, in der der Beweis geführt wird, daß die Schuld am Kriege dem Dreiverband allein zufalle, wird er sich etwa dadurch einer Verletzung der Neutralität gegen die Ententemächte schuldig machen? Oder wenn der schwedische Konsul in Bern einem Freund in Berlin etwa die bekannte Schrift von Waxweiler über