Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Kriegspsychose und öffentliche Meinung
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 6)
- Language
- German
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11 Kriegspsychose und öffentliche Meinung 12 Belgien übermittelt, wird es der deutschen Regierung einfallen, daraus einen Fall1 von feindseliger Neutralitätsverletzung zu konstruieren? Der Aufruf wurde in dem „Jüdischen Wochenblatt für die Schweiz" abgedruckt. Aus dem Schweizer Blatt wurde er von deutschen Zeitungen herübergenommen. Er ist sonst nirgends in einem öffentlichen Organ der neutralen Länder erschienen, und wenn er dem weitereh jüdischen Publikum in den neutralen Ländern bekannt wurde, so ist dies einzig und allein durch das Züricher Blatt geschehen. Man darf wohl fragen: auf wessen Wunsch und zu welchem Zweck ist diese Publikation erfolgt? Niemand hatte sie verlangt. Sie wurde aus freien Stücken bewerkstelligt. Es ist nämlich sehr auffällig, daß man gerade in der Schweiz auf einmal so unwiderstehlich sich gedrängt fühlte, den Rächer der deutschen Ehre zu spielen. Die Neutralität der Schweizer Zeitungen hatte nur zu häufig einen ganz eigentümlichen Geschmack. Alles zur Verteidigung Belgiens und der Entente Gesagte wurde breit ausgesponnen und dargelegt, dagegen alles zugunsten der Zentralmächte Vorgebrachte in peinlich trockenem und stark kürzendem Stil mitgeteilt. Auch auf jüdischer Seite hütete man sich ängstlich, etwas der Oeffentlichkeit mitzuteilen, was den 'Verbündeten Englands und Frankreichs in weniger idealem Lichte hätte erscheinen lassen können. Alles, was über Rußland zu sagen war, wurde in die sanftesten Formen gekleidet. Am IQ. März veröffentlichten die „Basler Nachrichten" eine langatmige offizielle Petersburger Ableugnung aller Grausamkeiten in der Behandlung "der Juden in Galizien, sowie im russischpolnischen Kriegsgebiete — während in Galizien die Juden, Frauen, Greise und Kinder in tagelangen Fußmärschen durch Schnee und Frost mit Peitschen- und Kolbenhieben als Geiseln in die Gefangenschaft geschleppt wurden, während in Rußland an den Juden alle Untaten, die sie während des Mittelalters erlitten, tausendfach verübt wurden. Und keine Stimme erhob sich in der Schweiz, um gegen die Unverschämtheit des russischen Nachrichtenbureaus zu protestieren. Aber die Schweiz war das einzige Land, von wo aus die Kunde von all diesen Schandtaten Rußlands nach Frankreich hätte gelangen können. Denn die Zeitungen in Paris standen und stehen noch unter der strengsten Zensur und kein dem teuren Verbündeten unangenehmes Wort kann durchschlüpfen. Wir haben Nummern der „Archives Israelites" gesehen, die ein einziger weißer Raum ausfüllte. Warum hat denn das jüdische Wochenblatt in der Schweiz nicht die Aufgabe übernommen, die Juden in Frankreich und in England aufzuklären? Wäre das eine so furchtbare Verletzung der Neutralität gewesen? Mit welcher zarten Zurückhaltung und unter wievielen Verwahrungen und Einschränkungen wurde der Inhalt einer die Haltung der Zentralmächte verteidigenden Schrift mitgeteilt,, wie behutsam wurde da geachtet, daß nicht ein etwas lebhafteres Wort zugunsten Deutschlands gesagt wurde! Und nun auf einmal diese Entrüstung über eine angebliche Verletzung der Ehre Deutschlands. Der Verdacht läßt sich leider nicht von der Hand weisen, daß hier nicht das Gerechtigkeitsgefühl, sondern andere Motive, die mit öffentlichen Interessen nichts gemein haben, im Spiel waren. Man darf der Versicherung des Herrn Prof. Netter, des jetzigen amtierenden Vizepräsidenten! der A. J. U., schon glauben, daß das Zentralkomitee der Alliance mit der ganzen Sache nichts zu tun habe. * * * Was uns alle, was die Juden der ganzen Welt seit mehr als einem halben Jahrhundert an die Alliance mit Liebe und Verehrung band, war ihr universeller, alljüdischer Charakter, der sie über die Grenzpfähle, welche Länder und Staaten voneinander trennen, hinweghob, und ihre Wirksamkeit durch ein auf das Kernjüdische gerichtetes Streben, unabhängigvon allem spezifisch Politischen und Nationalen, beseelte. Wohl sind im Verlaufe der Zeit in jedem Lande jüdische Gesellschaften ins Leben gerufen worden, welche ähnliche Zwecke verfolgten, wie die Alliance Israelite Universelle, nämlich die Erkämpfung und Verwirklichung der bürgerlichen und kulturellen Gleichberechtigung der Juden, die wirtschaftliche und soziale Hebung unserer Glaubensgenossen in jenen Ländern, wo ihre Lage eine gedrückte ist, oder die Linderung der Not der um ihres Glaubens willen Verfolgten oder aus ihren Heimstätten Vertriebenen. Allein alle diese Gesellschaften waren staatlich oder national begrenzt, und bekundeten schon durch ihre Namen die Gebundenheit an diese Grenzen. Wenn diese Grenzen in vielen Fällen auch kein Hindernis bildeten, daß die Tätigkeit in die weite Ferne hinausgriff und segensreich war, so ging doch diesen Organisationen der universelle, weltumspannende Charakter abr der die Einheit aller Bekenner des Judentums bekundete, nach außen hin eine sittliche Gemeinbürgschaft ausdrückte, und nach innen auf die Juden aller Länder und aller Richtungen eine starke Anziehungskraft . ausübte, um alle ein