Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 16 (1916)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1916)
- Article
- Kriegspsychose und öffentliche Meinung
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 4)
- Language
- German
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7 Kriegspsychose und öffentliche Meinung 8 dienstbar zu machen versucht haben sollte. Wenn aber unsere Ermittlungen ergeben sollten, daß wider alles Erwarten dennoch dies geschehen sei, so würden wir selbstverständlich als deutsche Juden die Beziehungen zu der Zentralleitung der Alliance Israelite Universelle niemals wieder aufnehmen." Allein, der gerechte Zorn über den anmaßlichen und für Deutschland beleidigenden Ton des Aufrufs schäumte immer mehr auf, und richtete sich gegen das Zentralkomitee, dessen Organ, das Pariser Bureau, angeblich die Versendung besorgt haben sollte. So kam es, noch bevor untersucht wurde, ob die Beschuldigung auch auf Tatsachen beruhe, am 7. November v. J. in einer Tagung der Freien Organisation der A. J.U. zu nachstehendem Beschluß: „Die heute versammelten Mitglieder des Zentralkomitees und der Freien Organisation der A. J. U. haben mit Entrüstung festgestellt, daß der Sekretär der A. J. U. ujiter Mißbrauch ihres Namens den Aufruf verbreitet hat, den dasZentral- Konsistorium der Israeliten Frankreichs an die Juden der neutralen Länder versandt hat, und der von den schwersten Angriffen gegen unser Vaterland erfüllt ist. Wir erheben den schärfsten Widerspruch dagegen, daß der Sekretär der A. J. U. — entgegen ihrer Satzung und unter völliger Verkennung ihrer Aufgabe als reine Wohltätigkeitsorganisation — die ihr als solcher obliegende Neutralität verletzt hat. Wir werden die maßgebende Stelle zur Rechenschaft ziehen und erwarten, daß das Zentralkomitee das Verfahren seines Sekretärs mißbilligen und uns vollste Genugtuung gewähren wird. Solange das nicht geschehen, sind unsere Beziehungen zur A. j. U. gelöst." Die Freie Organisation hat also zu existieren aufgehört. Das Band zwischen den deutschen Mitgliedern der Alliance und dem Zentralkomitee, sowie den Mitgliedern im übrigen Europa und in Amerika ist zerrissen. Bei aller Hochachtung vor den Männern, die diesen Beschluß durchgesetzt haben, und so sehr er in Anbetracht der Veranlassung und im Hinblick auf die allgemeine Erregung begreiflich erscheint, kann man doch starke Zweifel nicht unterdrücken, ob er zweckmäßig und zeitgemäß war, und ob man ihn nicht noch einmal bereuen wird. Zunächst war es, wenn es auch feststünde, daß ein einziges Exemplar des Aufrufs vom Bureau der Alliance nach, der Schweiz geschickt worden wäre, noch lange nicht erwiesen, daß das im Auftrage des Zentralkomitees geschehen ist. Und für den Mißgriff eines Angestellten, selbst wenn er in böser Absicht vorgegangen sein sollte, das Zentralkomitee durch Abbruch der Beziehungen zu „strafen", wäre mindestens ein großes Unrecht. Eine Gesellschaft von solchen Traditionen, wie die Alliance, besteht ja nicht aus dem gegenwärtigen Zentralkomitee allein. Angenommen, es gäbe unter den Mitgliedern des Zentralkomitees wirklich ein paar Herren, die im Gegensatze zu den Vorschriften und Traditionen der Alliance diese gemeinnützige, internationale Gesellschaft separatistischen, einseitig französischen Interessen dienstbar machen wollten, so könnte der Einfluß einer solchen verschwindenden Minorität sich schon aus dem Grunde nicht geltend machen, weil er von der erdrückenden Majorität der besonnenen Männer, Franzosen wie Neutrale, niedergehalten worden wäre, die dem universalen, allgemein jüdischen, von jeder Politik abgewandten Charakter der Alliance treu bleiben. Und diese Männer fänden eine kräftige Stütze namentlich in den deutschen Mitgliedern des Zentralkomitees und in der Rücksicht, die dieses auf die zahlreichen Alliance-Mitglieder in Deutschland zu nehmen gezwungen ist. Fortan wird diese Rücksicht nicht mehr vorhanden sein, nichts wird mehr die gegnerischen Elemente im Schöße des Zentralkomitees hindern, die Alliance ganz in das Fahrwasser der einseitigen Förderung französischer Interessen abzudrängen. Es wäre aber ein schwerer Irrtum, zu meinen, daß die Alliance durch den Abfall der deutschen Mitglieder eine erhebliche Einbuße erleiden würde, die sie unfähig machen müßte, ihre Ziele zu verfolgen. Der Verlust an Einfluß durch Verminderung der Mitgliederzahl wird reichlich aufgewogen werden durch einen vermehrten Beitritt in Frankreich und im Auslande, wie Italien und England. Man muß auch mit der starken deutschfeindlichen Strömung in den neutralen Ländern rechnen, besonders in Amerika, Holland, Skandinavien, die man nunmehr ganz frei und ungehemmt durch eine energische Propaganda auch in die — jüdischen Kreise, die ihr bisher fernblieben, wird tragen können. Der finanzielle Schaden, der durch den Wegfall1 der Jahresbeiträge aus Deutschland entsteht, und sich noch nicht auf 100 000 Mark beläuft, kommt kaum in Betracht angesichts des Budgets der Alliance, das nahezu zweiundeinehalbe Million Franken jährlich beträgt und zu neun Zehnteln aus den eisernen Fonds fließt, die im Besitze der Gesellschaft sind. Ueberdieä ist die A. J. U. durch eine Personal-Union mit der „Jewish Golonial Association" verbunden. Der jedesmalige Präsident der A. J. U. ist auch der Präsident der JCA. Und da die Ziele der beiden Gesellschaften in vielen